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Schaumburger auf dem Schlachtfeld

200 Jahre Waterloo Schaumburger auf dem Schlachtfeld

Vor 200 Jahren kämpften Schaumburger gegen Schaumburger in der Schlacht von Waterloo. Das Kampfgeschehen südlich von Brüssel fasziniert noch heute – zum Beispiel den Bad Nenndorfer Lars Walther. Als Mitglied des Vereins „Kings German Legion“ will er die Erinnerung an eine der fürchterlichsten militärischen Auseinandersetzungen bewahren. Und Völkerverständigung aktiv leben.

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Die heutige „King's German Legion“ tritt in ganz Europa zu Schaukämpfen an.
 

Quelle: pr.

Von Bernd Althammer

Sorgfältig bürstet Lars Walther die dunkelgrüne Uniformjacke. Der Vorderlader steht neben ihm, Patronentasche und Tschako liegen griffbereit im Regal. Natürlich will der Bad Nenndorfer nicht in einen Krieg ziehen. Das hätte er vor genau 200 Jahren tun müssen. Aber freiwillig bewahrt er mit Gleichgesinnten die Erinnerung an eine der fürchterlichsten militärischen Auseinandersetzungen: die Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815. Dort unterlag Napoleon mit seinen Truppen der Allianz aus Preußen und Großbritannien. Und zu Großbritannien zählte auch Hannover wegen der bestehenden Personalunion: Georg III. (1738 bis 1820) war der dritte Monarch aus dem hannoverschen Königshaus.
Was damals geschah
115 000 Mann, die von den Generälen Arthur Wellesley(Britannien) und Gebhard Leberecht von Blücher (Preußen) geführt wurden, standen 72 000 Soldaten Bonapartes gegenüber. Napoleon verschob den Angriff von zunächst 9 auf 11.30 Uhr. Es heißt, der Boden sollte halbwegs abtrocknen, nachdem es zuvor längere Zeit geregnet hatte und die Erde so aufgeweicht war, dass Geschütze nicht in die richtige Stellung gebracht werden konnten. Anfangs kämpfte die britische Armee allein gegen die Franzosen, bis am frühen Nachmittag auch die Preußen in das Geschehen eingreifen konnten. Das Gemetzel war verheerend: In den Abendstunden und nach der Flucht der napoleonischen Gefolgsleute wurden auf französischer Seite 25 000 Tote und Verwundete beklagt, bei den Alliierten waren es 22 000 Getroffene. 7000 Bonaparte-Gefolgsleute wurden in Gefangenschaft genommen.
Die Ereignisse im damals niederländischen Hoheitsgebiet wurden in der Region des heutigen Schaumburgs gleichermaßen mit Aufmerksamkeit und Entsetzen beobachtet. Denn in Waterloo kämpften zwangsläufig Schaumburger und Schaumburger gegeneinander. Auf der einen Seite die häufig freiwillig Verpflichteten für den engli-schen/hannoverschen König in der „Kings German Legion“. Sie hatten zuvor in der hannoverschen Armee gedient, bis diese infolge der napoleonischen Eroberung Hannovers aufgelöst wurde. Etliche Soldaten wollten danach lieber ihrem fernen Landesherrn dienen als dem ungeliebten Eroberer.
Auf der anderen Seite befanden sich die zumeist zwangsrekrutierten Männer, die im seit 1806 französisch besetzten „Königreich Westphalen“ zur Musterung anzutreten hatten. Etliche entzogen sich der Ein-berufung durch Flucht oder Versteck. So sind 1813 die Lauenauer Heinrich Justus Niemeier und Johann Heinrich Engelking trotz angedrohter Strafe nicht von ihren Mitbürgern verraten worden. Auf diese Weise entgingen sie vielleicht dem sicheren Tod, den andere während Napoleons Feldzügen erlitten haben.
Hierüber gibt es zahlreiche noch nicht ausgewertete Quellen. Beispielhaft aber sollte das Los der benachbarten kleinen Grafschaft Lippe genannt werden: Von den 650 der französischen Armee zugeordneten Männer sind nur wenige unversehrt zurückgekehrt.
Weitaus bekannter sind die Schicksale deutscher Soldaten auf englischer Seite. Der Soldat Johann Friedrich Müller, geboren in Hülsede, wohnhaft in Lauenau, gehörte als Freiwilliger dem Landwehr-Bataillon Springe der Ersten Hannoverschen Brigade an, das sich etwa 300 Meter Luftlinie hinter dem Pachthof La Haye Sainte befand. Dort, in der Nähe des Schlachtfeldes von Waterloo, hielt das Zweite Leichte Bataillon der „King's German Legion“ mit 400 Mann seit Stunden 15 000 Franzosen stand.
Müller steckte im dicken Morast, er war durchnässt und ausgehungert. Ringsum schlug das Artilleriefeuer immer wieder ein. Plötzlich gaben die Kommandeure den Befehl, ein Karree zum Schutz gegen nahende Reiter zu bilden. Wie eine gnadenlose Walze stürzten sich wenige Sekunden später Tausende von französischen Kavalleristen in zahlreichen Angriffswellen auf seine und die daneben befindlichen Verbände. Unter den Reitern befanden sich nicht wenige aus den ehemaligen Dragonereinheiten des Königreiches Westphalen, darunter einige aus den Gebieten des Weserberglandes, nun in Diensten Napoleons.
Zunächst hielten die relativ unerfahrenen Soldaten mit ihrem Wall an Bajonetten stand, doch irgendwann drangen die Franzosen in die Formation ein und begannen mit Säbeln auf alles einzuschlagen. Das Karree wurde gesprengt. Ein mörderischer Kampf Mann gegen Mann begann. Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden überlebte der Lauenauer mit schweren Verwundungen, starb aber am 4. November 1815 in einem nahen Spital an Nervenfieber. Wie viele Schaumburger er vom Pferd geschossen hat, blieb unbekannt.
Vom Schlachtfeld nicht wieder zurückgekehrt waren beispielsweise auch Dragoner Heinrich Westphal aus Feggendorf (1. Leichtes Dragonerregiment), Husar Peter Alken aus Stadthagen (1. Husarenregiment KGL) und Husar Friedrich Eberhardt aus Stadthagen (2. Husarenregiment KGL).
Mancher Soldatentod klärte sich erst nach Jahrzehnten oder gar zwei Jahrhunderten – wie der von Friedrich Brandt. Erst vor etwa zwei Monaten wurden die sterblichen Überreste des Hannoveraners sicher identifiziert – anhand der eingestickten Initialen in den Utensilien, die neben Brandts Gebeinen gefunden wurden. Derzeit werden die Leichenteile im Waterloo-Museum aufbewahrt. Doch der deutsche Verein „Kings German Legion“ kämpft für eine ordnungsgemäße Bestattung: „Das sind wir ihm und seinen Nachfahren schuldig“, sagt Lars Walther. Immer wieder werden Knochen- und Materialfunde auf dem historischen Schlachtfeld gemacht.
Gleich nach den Kämpfen machten sich Plünderer ans Werk. Auch junge Brüsseler Frauen sollen es gewesen sein, die unter den Toten gelegent-lich Verwundete fanden, diese wieder gesund pflegten und später sogar heirateten.
Was heute passiert
Wer heute Waterloo besucht, steht vor einem hohen Hügel mit einer mächtigen Löwenfi-gur. Lars Walther ist schon oft dort gewesen. Der 45-Jährige aus Bad Nenndorf ist geradezu fasziniert von den historischen Ereignissen. Als frischgebackener Abiturient geriet er 1990 durch einen Zufall mitten in die Feierlichkeiten zum 175-jährigen Waterloojubiläum – und bemerkte, wie in anderen beteiligten Nationen die soldatische Tradition bewahrt wurde. „Ich bin bestimmt kein Militarist“, erklärt er. Aber die historischen Zusammenhänge zwischen Schlacht und Weltgeschehen interessieren ihn. Folgerichtig schloss er sich dem Verein „King's German Legion“ an, der bei Osnabrück sogar ein eigenes Domizil sorgfältig restauriert hat und sich unter www.kgl.info im Internet präsentiert.
Die aus ganz Norddeutschland stammenden 60 Mitglieder erforschen das Leben von damals, tragen bei besonderen Anlässen die Uniform der ehemals königlichen Legionäre und treten in ganz Europa zu Schaukämpfen an. „Das Peng, Paff aber ist eher für das Publikum“, erklärt Walther die folgerichtige Benutzung auch von Vorderlader und Geschützen. „Unser Hobby ist Völkerverständigung.“ Denn geradezu spannend sei es, am abendlichen Lagerfeuer ins friedliche Gespräch zu kommen – mit Angehörigen der Nationen, die vor 200 Jahren ihre Soldaten in das Kampfgetümmel geschickt hatten. Walther ist übrigens nicht allein nach Waterloo gefahren. Der historische Virus hat die ganze Familie erfasst.

Die Schlacht von Waterloo

Die Schlacht bei Waterloo (auch Schlacht bei Belle-Alliance) war die letzte Schlacht Napoleon Bonapartes. Dessen Truppen kämpften zirka 15 Kilometer südlich von Brüssel in der Nähe des Dorfes Waterloo gegen die alliierten Truppen von General Wellington und die mit ihnen verbündeten Preußen von Feldmarschall Blücher. Waterloo gehörte 1815 zum Königreich der Vereinigten Niederlande und liegt im heutigen Belgien. Die Niederlage der von Napoleon geführten Franzosen beendete Napoleons zweite und nur hundert Tage währende Herrschaft und führte zum Ende des Französischen Kaiserreichs. Napoleon wurde als Kriegsgefangener der Briten auf die Atlantikinsel St. Helena gebracht, wo er am 5. Mai 1821 starb. Die Redewendung „Sein Waterloo erleben“ als Synonym für eine totale Niederlage hat ihren Ursprung in dieser Schlacht.

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