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Thema des Tages Schockierend

Es schlägt ständig – während wir schlafen, essen, arbeiten. Wenn alles gut läuft, hat unser Herz nach 75 Jahren gut drei Milliarden mal geschlagen. Doch manchmal hakt es – stolpert, humpelt, rast. Herz-Rhythmus-Störungen können der Grund sein, sogar technische Geräte nötig werden. Hamelner Patienten berichten vom Alltag mit ihren persönlichen „Lebensrettern“.

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Das Herz ist keine Maschine. Nicht jede kleine Unregelmäßigkeit, die Mediziner Palpitation nennen, muss gleich krankhaft sein. Ernst wird es allerdings, wenn das Herz richtig aus dem Takt gerät – man spricht dann von Herz-Rhythmus-Störungen. So werden „alle Störungen der Frequenz oder der Regelmäßigkeit des Herzschlags“ zusammengefasst – ob nun zu schnell oder zu langsam. Von einem einfachen Herzstolpern über Schwindel, Benommenheit über Bewusstlosigkeit, kurzzeitigen Seh- und Sprachstörungen bis zu Schmerzen und Beklemmungsgefühl in der Brust – all das sind mögliche Hinweise. Ursache dafür können Herzklappenfehler, Bluthochdruck, Kranzgefäßdurchblutungsstörungen, Schilddrüsen-Überfunktion, ein früherer Herzinfarkt oder auch übermäßiger Alkoholkonsum sein.

 Zunächst einmal nicht so dramatisch, aber häufiger als das bedrohliche Kammerflimmern, ist das sogenannte Vorhofflimmern. Dabei entsteht ein unregelmäßiger Pulsschlag, teilweise mit einer Herzfrequenz bis 200 Schlägen pro Minute. Dabei kann die Pumpfunktion des Herzens gestört sein. Das Tückische: Durch das Vorhofflimmern entsteht ein deutlich erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden.

 Die aber vielen, meist aus Film und Fernsehen bekanntere Rhythmus-Störung ist das Kammerflimmern, das akut lebensbedrohlich ist. Mit mehr als 320 Schlägen pro Minute kommt das Herz dabei völlig durcheinander. Zum Vergleich: Normalerweise zieht es sich etwa 60- bis 80-mal pro Minute zusammen. Beim Kammerflimmern kann von der Herzkammer kein Blut mehr in den Kreislauf gepumpt werden. Nach 10 bis 15 Sekunden bricht der Patient bewusstlos zusammen, es kommt zum Herz-Kreislauf-Versagen mit Atem- und Herzstillstand. Hier kommt im Fernsehen meist der Notarzt oder Sanitäter ins Bild.

 Um das Herz zu „schocken“, gibt es den sogenannten externen Defibrillator, der – als tragbares Gerät – nicht nur auf der Notaufnahme zum Einsatz kommt, sondern mittlerweile auch an öffentlichen Plätzen und in Cafés zu finden ist.

 Eine besondere Art des externen Defibrillators ist die sogenannte Life Vest – es ist quasi eine Weste mit eingebautem „Defi“. Patienten mit einem erhöhten Risiko für Herzstillstand können zeitweise eine solche Weste bekommen. Braucht ein Patient allerdings eine dauerhafte Vorsichtsmaßnahme, wird ihm ein implantierbarer Defibrillator in den Brustkorb eingesetzt – dieser ist sehr viel kleiner als ein externer Defibrillator und eher mit einer Streichholzschachtel vergleichbar. Die Implantation erfolgt mit einem kleinen operativen Eingriff unter die Haut unterhalb des Schlüsselbeins. Die Elektroden, die einen Schock am Herzen abgeben können, werden durch eine Vene zum Herzen vorgeführt und dort verankert. Eine neue Art Defibrillator, der sogenannte subkutane Defibrillator, kommt sogar ohne die Elektroden im Herz aus.

 Im Gegensatz zum Defibrillator, der vor allem Probleme zu schnellen Herzschlags behebt, kommen Herzschrittmacher eher beim gegenteiligen Fall zur Anwendung: Sie machen dem Herzen quasi Beine, wenn es zu langsam schlägt. Mittlerweile gibt es auch schon Geräte, die beide Funktionen kombinieren können.

Ein Gerät, das unter die Haut geht

Schlafen konnte Jörg Sommer am Ende nur noch im Sitzen – spätestens da war dem 51-Jährigen klar: Es muss etwas passieren. „Ich hatte Atemnot“, beschreibt er sein Problem, das ihn den Weg in die Kardiologie des Sana-Klinikums gehen ließ. Das Ergebnis: Sein Herz hatte nur noch ein Drittel der normalen Pumpleistung. Die Diagnose: Kardiomyopathie, was bedeutet, dass die Herzmuskulatur geschwächt ist. „Da besteht das Risiko, bei Kammerflimmern zu versterben“, sagt Dr. Hubert Topp, Chefarzt der Kardiologie.

 Ende August letzten Jahres wurde Sommer dann ein Defibrillator eingebaut. Allerdings kein gewöhnlicher, sondern ein sogenannter subkutaner Defibrillator. „Bei etwa einem von 100 Patienten kommt so ein Gerät in Frage“, so Topp. Im Gegensatz zu einem konventionellen Defibrillator, bei dem über Sonden in den Herzkammern der lebensrettende elektrische Schock ausgelöst wird, kommt die neue Technologie ohne Drähte im Herzen aus. Das Gerät wird unter der Haut eingesetzt und überwacht dort den Herzrhythmus von außen. Im Notfall wird das Herz von außen „geschockt“.

 Das Gerät sei insbesondere für junge, durch Infektion vorbelastete Patienten sowie für solche mit „Gefäßanomalien“ geeignet, erklärt der Kardiologe – daher bekam auch Sommer das neue Gerät. Seine Venen waren fehlgebildet, weshalb die Ärzte nicht auf „normalem Wege“ ins Herz kamen. Während man bei einem herkömmlichen Defibrillator Röntgendurchleuchtung zum Einbau braucht, kann man beim subkutanen Gerät darauf verzichten. Hat insgesamt also weniger Risiken bei der Operation. Da die Batterie alle fünf bis sechs Jahre gewechselt werden muss, kann dies gerade für jüngere Patienten von Vorteil sein.

 „Die Angst, dass es losgeht, ist natürlich da“, sagt Sommer. Und in der Tat bleibt ein Restrisiko, dass das Gerät zuweilen Störsignale durch sich bewegende Muskeln aufnimmt – und einen Schock abgibt, der nicht benötigt wird. Doch Sommer hat sich damit abgefunden, dass der Defibrillator nun zu ihm gehört. Erstaunt war er vor allem über die ängstliche Reaktion mancher Bekannter. „Viele denken, ich bin ja dann tot, wenn das Gerät ausfällt.“ Sommer allerdings sieht es genau andersherum: „Das ist doch meine lebensrettende Maßnahme.“

Die Weste für alle Fälle

An den August 2013 kann sich Heiko Brückner noch erinnern. Es ist keine schöne Erinnerung. „Eine Beklemmung, ähnlich wie ein Herzinfarkt.“ Doch es war kein Herzinfarkt, es war Kammerflimmern – sein Herz schlug nicht mehr. Dabei bricht der Kreislauf zusammen, das Gehirn wird nicht mehr hinreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt, es kommt zur Bewusstlosigkeit. Brückner hatte Glück. Er wurde direkt in seiner Küche reanimiert – „heftig“, so sein knapper Kommentar.

 Später, im Sana-Klinikum, wurde klar: Der 42-Jährige leidet an einer seltenen Verkrampfung der Herzkranzgefäße, die man zwar medikamentös behandeln, einen weiteren Krampf aber dennoch nicht hundertprozentig verhindern kann. „Dann wurde die Weste für mich geordert.“ Die sogenannte Life Vest wurde für zwei Monate Brückners wichtigstes Kleidungsstück. Direkt auf der Haut getragen, kontrolliert sie die Herztätigkeit des Trägers – kommt kein Signal mehr an, wird ein Alarm ausgelöst. „Dann hat man ein paar Augenblicke Zeit, einen Knopf zu drücken, um den Schock zu verhindern.“ Ist der Patient bewusstlos und reagiert nicht, wird dem Herzen von außen über die Haut ein Elektroschock verpasst, um wieder zu einem normalen Rhythmus zurückzukehren. Brückner allerdings blieb verschont, er trug sie nur zur Sicherheit. Die Weste wird zum einen als Übergang, bis – wie bei Brückner auch – ein Defibrillator eingebaut wird, oder zum anderen bei unklarer Diagnose prophylaktisch eingesetzt. An die rund ein Kilogramm schwere Weste habe er sich schnell gewöhnt, wenngleich die Angst mitgeschwungen habe, dass das Gerät ihm bei Bewusstsein einen Schock versetzen könnte – eine unangenehme Vorstellung. ant

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