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Schutz vor den eigenen Eltern

Wenn das Jugendamt eingreifen muss Schutz vor den eigenen Eltern

Die Zahl der Inobhutnahmen ist in Niedersachsen seit 2007 drastisch angestiegen, wie jüngst auf dem ersten Kinderschutzkongress in Hannover bekannt wurde. Auch in Schaumburg ist diese Entwicklung zu beobachten: Hier waren es 2007 noch 45 Kinder und im vergangenen Jahr 72, die aus dem Zuhause genommen wurden.

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Immer mehr Kinder im Landkreis müssen zu ihrem eigenen Schutz aus ihrem Zuhause genommen werden.

Quelle: dpa

LANDKREIS. Kreisrätin Katharina Augath weist aber auch auf erhebliche Schwankungen in diesem Bereich hin. So habe die Zahl 2015 sogar bei 84 gelegen. In Niedersachsen sei in dieser Zeit die Zahl von 2300 Kindern, die auf Anordnung der Jugendämter in Heime oder Pflegefamilien gekommen sind, auf 5700 gestiegen. Die Entscheidung darüber, ob ein Minderjähriger in Obhut genommen wird, steht alleine dem Jugendamt zu.

Not- und Bereitschaftspflege

 In akuten familiären Not- und Gefährdungssituationen, bei denen Kinder sehr plötzlich untergebracht werden müssen, ist die Not- und Bereitschaftspflege gefordert. Maximal sechs Monate bleiben Kinder in dieser, „damit die Bindung zu den Pflegeeltern nicht zu eng wird“, sagt Christine Radug, Leiterin der Sozialen Dienste beim Landkreis. In dieser Zeit prüfe das Jugendamt, was das Beste für das Kind sei, „ob es also mit Unterstützung für die Eltern zurückgeführt werden kann oder eine Vollzeitpflege nötig ist“, ergänzt Christel Kohlmeier-Ashfaq, Mitarbeiterin im Pflegekinderdienst.

 Es geht darum, loszulassen

 Aktuell 14 Familien erfüllen im Landkreis laut Radug „diese wichtige Funktion“. Es sei schließlich eine belastende Aufgabe, „bei der es immer wieder darum gehe, loslassen zu müssen“. Außerdem seien die Kinder häufig traumatisiert, was etwa zur Folge habe, „dass sie nächtelang nur schreien“. Ein Anruf des Jugendamtes bei den Pflegeeltern könne jederzeit erfolgen, am Wochenende oder auch mitten in der Nacht. „Das sind sehr engagierte und belastbare Menschen. Häufig sind es Leute, deren Nachwuchs bereits aus dem Haus ist, und die für einen befristeten Zeitraum Kinder aufnehmen wollen“, so Radug.

 Allerdings müssten sich alle bewusst sein, dass sie nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern aufnehmen. Schließlich sei das Ziel, die Kinder zurückzuführen, und dies gehe nur in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten. Das gelte so natürlich nicht für Kinder, die schwer missbraucht wurden. Elf Kinder befinden sich momentan in der Bereitschaftspflege. Im Idealfall würde darauf geachtet, Geschwister gemeinsam unterzubringen, aber nicht immer sei dies machbar.

Vier-Augen-Prinzip

  Die Meldung, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, gehe von Nachbarn, Verwandten, Bekannten, Schulen, Kitas, Ärzten oder auch der Polizei aus. Dies bringe immer ein Standartverfahren ins Rollen, bei dem das Vier-Augen-Prinzip zum Tragen komme. Radug erklärt: „Zwei Mitarbeiter gehen der Meldung nach und prüfen, ob die Situation dermaßen krisenbehaftet ist, dass es gefährlich wird.“

 „Dabei geht es um absolut verwahrloste oder vermüllte Wohnungen, akute Kindeswohlgefährdung durch Schläge, Eltern, die aufgrund von Sucht- oder psychischen Erkrankungen nicht in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern“, so Kohlmeier-Ashfaq. Auch junge Mütter, die ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen wollten und ihre Kinder allein oder in der Obhut von Freunden ließen, habe sie bei ihrer Arbeit bereits erlebt.

 „Wir haben einen Schutzauftrag und in der Regel passiert die Inobhutnahme mit dem Einverständnis der Eltern“, so Radug. In den meisten Fällen wüssten diese ja auch um die desolate Lage und seien bereit, die Missstände zu verändern. Aber dies brauche Zeit.

Zurück zu den Eltern

 Von den Kindern, die 2016 in Obhut genommen wurden, konnte rund die Hälfte – mit ambulanter Unterstützung – wieder zurück zu ihren Eltern. Die anderen seien in der Vollzeitpflege untergebracht worden. Aktuell sind das 177 Kinder, 40 von ihnen leben bei Verwandten. In der Regel werden Pflegeeltern nur für Kinder bis zum Ende des Grundschulalters empfohlen, wissen die Experten. Ältere kommen in Einrichtungen für Jugendliche, in denen sie in festen Gruppen betreut werden.

 Grund für die gestiegenen Zahlen ist laut Radug die gestiegene Sensibilität beim Thema Kindeswohl. Die Schutzbedürftigkeit und Rechte von Kindern hätten heute in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert. Im Jahr 2008 hatte der Fachbereich Soziale Dienste des Landkreises, zu dem auch der Bereich Pflegekinderdienst gehört, 28 Mitarbeiter. Heute sind es 54, vier Kollegen arbeiten beim Pflegekinderdienst. col

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