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Schwimmfreuden anno dunnemals

Thema des Tages Schwimmfreuden anno dunnemals

Sommerzeit ist Badezeit. Hitzegestresste Bückeburger haben es besonders gut. Sie können sich seit mehr als einem halben Jahrhundert im Bergbad abkühlen. So angenehm und bequem hatten es die Einwohner früher nicht.

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Die erste, vor knapp 200 Jahren auf Vorschlag von Hofarzt Faust eingerichtete Bückeburger Badeanstalt: Bei genauem Hinsehen kann man auf einer Zeichnung des Hofmalers Anton Wilhelm Strack aus dem Jahre 1825 (am äußersten linken Bildrand) den Teich mit den drei (Schilf-)Badehütten erkennen.

BÜCKEBURG. Bis vor 200 Jahren galten freiwilliges Eintauchen und Wasserplantschen hierzulande als überflüssig, anstößig und einige Zeit sogar als gesundheitsschädlich. Etwas freier ging es – im Gefolge der Französischen Revolution – ab Anfang des 19. Jahrhunderts zu. Von da an durften sich zumindest Kinder und junge Burschen in ortsnahen Bächen und Tümpeln vergnügen. Für die Schüler des hiesigen Gymnasiums wurde in den 1820er Jahren sogar ein Schwimmteich samt Schwimmschule angelegt. Von einem Durchbruch in Richtung Volksvergnügen kann jedoch erst seit Ende des 19. Jahrhunderts die Rede sein. Im Mai 1892 öffnete die erste, für jedermann (und für jede Frau) zugängliche Bückeburger Badeanstalt.

Wie die Entwicklung der örtlichen Badekultur vonstattenging, liegt noch im Dunkeln. Sicher ist, dass der seit den 1780er Jahren in der Residenz tätige Arzt Dr. Bernhard Christoph Faust dabei eine herausragende Rolle spielte. Der von den Ideen und Idealen der Aufklärung beseelte Mediziner war seiner Zeit in puncto Körperertüchtigung und Gesundheitsvorsorge um „Lichtjahre“ voraus. Mit wohlwollender Unterstützung seines fürstlichen Dienstherrn Georg Wilhelm wurden regelmäßige Impfaktionen eingeführt und Sportplätze gebaut.

Ausschwemmung für Gymnasialschüler

 Ein besonderes Anliegen war dem umtriebigen Doktor auch die Volks-Hygiene. „Man muß sich nicht allein Angesicht und Hände waschen, sondern man muß auch die Haut über dem ganzen Körper in jeder Woche ein oder mehrere Male rein waschen und sich häufig baden“, heißt es in einem von ihm bereits 1894 verfassten „Gesundheitskatechismus“. „Es macht rein, gesund, stark und leicht und verhütet Flüsse, Gliederreißen, Gicht, Krätze und viele Krankheiten“.

1812 wurde auf Vorschlag Fausts eine teichförmige Schlossbach-Ausschwemmung in den Hofwiesen als Badeplatz hergerichtet. Genutzt werden konnte und sollte er – den damaligen Moralvorstellungen entsprechend – von älteren Gymnasialschülern. Als Umkleidekabinen dienten drei Schilfhütten. Das Angebot kam gut an. Nach Fausts Aufzeichnungen suchten jährlich zwischen 3000 und 4000 Pennäler „in dem tragenden, kühlenden, spielenden (Hofwiesen-)Wasser“ Erholung. Voller Begeisterung regte er die Einrichtung einer „Schwimmschule“ an. „Es wäre wohl ein sehr gutes Gesetz, daß die Schulkinder von Anfang Mai bis Ende September wöchentlich einige Male unter der Aufsicht des Schullehrers ordentlich badeten“, heißt es in seinem Vorschlagsgesuch an den Fürsten.

 Umzug zum Mühlteich

 Das aber ging dem ansonsten den Ideen seines Leibarztes gegenüber recht aufgeschlossenen Schlossherren zu weit. Schon jetzt war der Bade-Lärm aus den Hofwiesen bis in die herrschaftlichen Gemächer hinein zu hören. 1822 wurde deshalb der gesamte Badebetrieb (samt neuem Schwimmschulangebot) etwa 1000 Meter weiter bachabwärts an den Stauteich einer Ölmühle verlegt. Die Mühle lag am Schlossbachufer auf dem Gelände des heutigen reformierten Friedhofs.

 Wie lange der Mühlteich genutzt wurde, lässt sich aus den Archivakten nicht eindeutig herauslesen. Vermutlich musste sich der örtliche Nachwuchs bereits Anfang der 1830er Jahre wieder auf die Suche nach anderen Teichen machen. Allerdings war die Zahl der Stellen, an denen man damals in Bückeburg und Umgebung bis zum Kinn ins Wasser eintauchen konnte, sehr begrenzt. Der nächstgelegene Platz, der eine solche Möglichkeit bot, war der Schlossbachgraben unterm Mühlenwehr vor dem Mindener Tor. Das Vergnügen war jedoch meist stark getrübt. Die Ecke wurde auch als Suhle und Tränke für die in der Stadt lebenden Schweine und Pferde genutzt. Die älteren Jungs zog es deshalb meist weiter bachabwärts bis zu „Knodts Kamp“ – einer in der Kornmasch gelegenen Viehweide. In einer Bachkrümmung war die Sohle tiefer als sonst ausgewaschen. An heißen Sommertagen ging es hoch her.

Beliebte Badespots an der Aue

 Ein paar weitere „brauchbare“ Badeplätze gab es an der Aue. Hoch im Kurs stand eine Stelle an der „Amtmann‘schen Brücke“ – damals wie heute ein Hauptübergang Richtung Schaumburger Wald. Vor der Brücke war der Wasserstau so tief, dass man sogar vom Ufer aus reinspringen konnte.

 Angesichts solcher Verhältnisse wurde es – zumindest von der fortschrittlich denkenden Einwohnerschaft – als Durchbruch und großer „Befreiungsschlag“ empfunden, als im Mai 1892 die erste „richtige“ städtische Badeanstalt in Betrieb ging. Kernstück der schmucklosen Anlage war ein kleines Bassin, das knapp unterhalb der Schlossbachbrücke ins westliche Ufergelände gegraben worden war. Als Umkleidekabinen dienten schlichte Holzverschläge. An Sprungturm, Duschen, Startblöcke, Liegewiese, Parkplatz oder Kiosk dachte noch keiner.

Auch Frauen dürfen ins Wasser

 Das Revolutionärste an der Sache war, dass von nun an, wenn auch noch züchtig verhüllt und nur an vorgegebenen Zeiten, Frauen und heranwachsende Mädchen ins Wasser steigen durften. Das war bis dato undenkbar. Nach den vom Magistrat festgelegten Öffnungszeiten durften ab sofort „Damen montags, mittwochs, donnerstags und sonnabends von 9 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags sowie dienstags und freitags von 2 bis 6 Uhr nachmittags“ ins kühle Nass eintauchen. Für Herren waren „die übrigen Tagesstunden von morgens 6 bis abends 9 Uhr, mit Ausnahme der Zeit von 1 bis 2 Uhr nachmittags“ reserviert.

 Das neue Angebot kam, trotz Wassertemperaturen um 15 Grad, hervorragend an. „Der tägliche Besuch geht in die Hunderte“, meldete drei Wochen nach dem Start die Lokalpresse. Den konservativen Stadtvätern bereitete das neue Treiben jedoch offenbar Sorge. Laut Pressemeldung wurde bereits wenige Tage nach der Einweihung „erwogen, eine besondere Badeanstalt für Frauen und Mädchen einzurichten, um das unangenehme Abwechseln des Geschlechts zu vermeiden“. Von Wilhelm Gerntrup

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