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Sein Tod bleibt ein Rätsel

Thema des Tages Sein Tod bleibt ein Rätsel

Auch 70 Jahre nach Kriegsende ist letztlich ungeklärt, wie der Rintelner Friedrich-Wilhelm Ande ums Leben kam

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Die letzte Ruhestätte Friedrich-Wilhelm Andes auf dem reformierten Friedhof in Rinteln.

Quelle: tol

Auch 70 Jahre nach Kriegsende ist der Tod des Rintelners Friedrich-Wilhelm Ande ein Rätsel. Ist Ande bei Kampfhandlungen gefallen oder von Nazi-Bonzen ermordet worden? Die offizielle Geschichtsschreibung, nachzulesen auf der Homepage der Stadt wie auf der Internetplattform Wikipedia, geht von einer Mordtat aus. Bewiesen ist das nicht. Andes Schicksal hat die Rintelner so sehr bewegt, dass sie eine Straße und einen Platz nach ihm benannt und ihm ein Denkmal gesetzt haben.
Vielleicht auch deshalb, weil die Rintelner, in der Mehrzahl überzeugte Volksgenossen, wie aus Dokumenten und Veröffentlichungen der damaligen Zeit hervorgeht, nach dem Krieg dringend einen Helden brauchten.
Denn Friedrich-Wilhelm Ande, im Ersten Weltkrieg im Deutschen Asienkorps, im Zweiten Weltkrieg Hauptmann, Stadtrat, Studienrat am Gymnasium und Heimatforscher, gehörte zu den Männern, die in den ersten Apriltagen 1945 mit den Amerikanern verhandelt haben, um die Stadt vor einer völligen Zerstörung zu bewahren. Alle aus der Verhandlungsgruppe bis auf Ande haben den Krieg überlebt. Ande starb „für Rinteln“ steht auf seinem Denkmal.
Weshalb der Fall Ande außerdem höchst außergewöhnlich ist: In den Wirren der letzten Kriegstage kamen unzählige Menschen unter ungeklärten Umständen zu Tode. Sie wurden begraben und die Akten sofort wieder geschlossen, wenn überhaupt welche angelegt wurden.
Was also Kriminalinspektor Wilkening aus Hannover veranlasst hat, im Fall Ande, der ja keineswegs ein Prominenter war, Nachforschungen anzustellen, nach Geschosshülsen und Zeugen suchen zu lassen, man weiß es nicht.
Die Ausgangslage am 4. und 5. April 1945 in Rinteln: US-Truppen der „Hell on Wheels Division“ besetzen die Südstadt. US-Parlamentäre wollen mit dem Kampfkommandanten Major Alfred Picht auf dessen Gefechtsstand an der Pomona in der Nordstadt über die kampflose Übergabe verhandeln – angesichts der rund 700 verwundeten Soldaten in den Lazaretten der Stadt verständlich.
Picht lehnt ab und hält die Parlamentäre gefangen. Der amerikanische Kommandeur Colonel Anderson droht, sollten die Parlamentäre nicht freigelassen werden, werde die Stadt bombardiert und zerstört.
In dieser Situation mischt sich eine Gruppe von Ärzten, Offizieren und Verwaltungsbeamten ein, die versuchen, zwischen Picht und den Amerikanern zu vermitteln. Auch Ande, 59 Jahre alt, zu diesem Zeitpunkt Betreuungsoffizier im Reservelazarett, ist dabei. Die anderen sind die Militärärzte Dr. Höninger, Dr. Ernst Krukenberg, Dr. Engelhardt, Dr. Alfred Rudolf Maaß, Oberarzt Dr. Wittlich, Stabsintendant Hedermann, Oberinspektor Fritz Schlame aus der Stadtverwaltung, Kreisoberinspektor Gustav Martensmeier und der Glashüttenbesitzer Hermann Stoevesandt als Dolmetscher.
Sie verhandeln mit Erfolg: Picht lässt die Parlamentäre mit einem Boot wieder zurück über die Weser zu ihrer Einheit übersetzen. Ande steigt an der Pomona, dem Gefechtsstand von Picht, zu „Männern in brauner Uniform“ in einen Kübelwagen, die ihn mit nach Hannover nehmen wollen, wo er Reichsverteidigungskommissar Hartmut Lauterbacher Bericht über die Lage in Rinteln, an der Weserfront erstatten soll. Es ist morgens um zwei Uhr. Es ist das letzte Mal, dass Ande in Rinteln lebend gesehen wird.
Fünf Tage später, am 10. April 1945 kurz nach 15 Uhr wird Ande in der Nähe der Autobahn in einem Waldstück am Garbsener Moor tot aufgefunden. Marianne Weber gibt bei der Polizei zu Protokoll: Ande habe Wehrmachtsuniform getragen und auf dem Rücken gelegen. Zu seinen Füßen hätte sie ein Plakat gesehen: „Wegen Feigheit vor dem Feind erschossen, der Werwolf“.
Man muss sich folgendes mögliche Szenario bildlich vorstellen: Sechs Männer fahren nachts gegen zwei Uhr mit verdunkelten Scheinwerfern in einem Kübelwagen auf der Autobahn von Rinteln nach Hannover. Bei Garbsen biegen sie ins Moor ab. Sie lassen Ande aussteigen und erschießen ihn. Dann suchen sie die Patronenhülse auf dem Waldboden wieder auf (denn die wurde trotz intensiver Suche nie gefunden) und schreiben mit Rotstift ein Schild oder legen ein vorbereitetes Schild zu Andes Füßen. Ist das vorstellbar? Und warum sollten hohe NS-Parteifunktionäre mit „Werwolf“ unterschreiben?
Der damalige Kampfkommandant Picht hat Zweifel. Er gibt später bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll, er sei nicht der Auffassung gewesen, dass sich Ande oder Maaß militärischen Dienstbefehlen widersetzt hätten, sonst „hätte ich sie nicht Parteileuten, sondern dem Militärgericht übergeben.“
Der Rintelner Autor Kurt Klaus stellt sich eine ähnliche Frage: Warum haben die „Braunen“ Ande und Maaß nicht gleich an der Pomona erschossen. Wenn sie es gewollt hätten? Man war damals ja nicht zimperlich.
Die Frage ist also: Ist Ande in Hannover angekommen oder nicht?
Ich weiß es nicht, sagt der ehemalige Reichsverteidigungskommissar in Hannover, Hartmut Lauterbacher am 10. Dezember 1947 der Staatsanwaltschaft. An jenen Tagen sei es viel zu hektisch zugegangen, als dass er sich an jede Meldung erinnern könne. Außerdem habe Rinteln nicht zu seinem Bezirk gehört, sondern zum Gau Westfalen-Nord.

Friedrich-Wilhelm Ande in Wehrmachtsuniform. Sein Tod gibt bis heute Rätsel auf. Foto: Archiv

Sein Hauptbannführer Herbert Finkeltey gibt zu Protokoll: Am 4. April habe sich ein Offizier des Heeres bei ihm gemeldet, etwa 55 Jahre alt (Ande war 59). Er sei auf den Offizier durch eine laute Auseinandersetzung aufmerksam geworden. Lauterbacher habe den Befehl gegeben, den Offizier im Waschraum einzusperren.
Der Bundeswehroffizier und Autor Ulrich Saft, der ein Buch über das Kriegsende in unserer Region veröffentlich hat, entwickelte seine eigene Theorie. Ande sei in Hannover im Chaos der letzten Tage ein anderes Kommando übertragen worden. Ande habe dann im Rahmen von Kampfhandlungen den Tod gefunden. Denn „am 9. April tobte ein heftiges Gefecht, nur zwei Kilometer vom Todesort Andes entfernt mit dem Aufklärungs-Regiment der 84. US-Infanteriedivision“.
Nach der Aussage der Zeugen, die Andes Leiche gesehen habe, hatte Ande im Kopf „ein Loch von der Größe einer geballten Faust, das rechte Auge war herausgerissen“. Daraus folgert Saft: Tödlich war ein Granatsplitter, kein Schuss. Außerdem: Liegt man nach einem Genickschuss auf dem Rücken? „Genickschuss“ ist erst später im Sterbeeintrag vom Standesbeamten Ledder in Garbsen hinzugefügt worden.
Doch auch Safts Hypothese hat Löcher so groß wie ein Eisenbahntunnel. Ande, sollte er eine Kampfeinheit befehligt haben, war dann sicherlich nicht allein im Wald. Warum hat niemand Meldung von seinem Tod gemacht, wenn er im Kampf gefallen ist, hat man ihn einfach liegen lassen?
Geht man davon aus, dass es wirklich das Schild gegeben hat, das nicht mehr aufgefunden worden ist, könnte man die These Safts weiterdenken: Ande könnte Hitlers letztem Aufgebot zugeteilt worden sein, fanatisierten Jugendlichen, eben dem „Werwolf“, die ihn getötet haben, vielleicht weil Ande den Jugendlichen ausreden wollte, in aussichtsloser Lage weiter zu kämpfen. Solche Fälle hat es gegeben. Und es würde zumindest glaubhaft das Schild erklären.
Drei Möglichkeiten, doch es kann auch ganz anders gewesen sein.
Es war wohl Maaß, der mit Ande auf der Pomona war, der die Staatsanwaltschaft auf die Spur der Männer im Kübelwagen als mögliche Mörder Andes gesetzt hat. Denn Maaß schilderte, es sei in der Unterredung in der Pomona von „Sabotage an letzten Führerbefehlen“ die Rede gewesen. Deshalb habe er Angst um Andes Leben gehabt.
Er habe Ande sogar noch gewarnt: „Greif unterwegs ins Steuer, reiß es herum, damit der Wagen umkippt, und hau ab“. Ande sah es vielleicht anders, denn er aß in aller Ruhe vor der Abfahrt in der Pomona noch ein Butterbrot und trank ein Glas Sekt.
Nur, wer waren diese Männer im Kübelwagen? Selbst das ließ sich nie klären. 1949 veröffentlichte die Polizei die Personenbeschreibungen. Auf Günter B. den ehemaligen Gaustabsamtsleiter beim Gau Westfalen trifft eine am besten zu. Er hat den von Maaß beschriebenen auffällig gebogenen Nasenrücken. B. erklärt der Polizei, Ande wie Maaß nie gesehen zu haben. Sie seien nach der Besprechung außerdem nicht nach Hannover, sondern Stadthagen gefahren.
Eine Aussage, die der Kübelwagenfahrer, Erich M. aus Wattenscheid stützt.
Die Staatsanwaltschaft legt Picht im November 1951 eine Reihe von Lichtbildern mit Parteigrößen vor. Picht sagt, keiner davon sei an dem fraglichen Tag in Rinteln gewesen.
Die Tochter Andes zieht aus den widersprüchlichen Aussagen ihre eigene Schlussfolgerung: Unter den verhörten Männern sei auch der Mörder zu finden. Eine Seilschaft ehemaliger NS-Größen habe eine Aufdeckung verhindert.
Selbst in der Frage, ob Anderson die Stadt tatsächlich wie angedroht bombardiert hätte, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die Ärzte waren davon überzeugt. Picht nicht, denn er wollte den Parlamentären nie etwas antun. Dafür spricht ein Schreiben der Parlamentäre, das Martensmeier dem US-Kommandanten überbringt. Die Parlamentäre schreiben, sie würden mit Höflichkeit und Respekt behandelt, der deutsche Kommandeur hätte ihnen drei Möglichkeiten angeboten, in ein Lazarett zu gehen, in ein Bergdorf außerhalb der Kampfzone oder hier zu bleiben. Sie hätten sich entschieden zu bleiben.
Buchautor Ulrich Saft geht davon aus, die Zerstörung der nicht verteidigten Südstadt und damit die vorsätzliche Tötung von Zivilisten, dazu der verwundeten Soldaten in den Lazaretten wäre selbst für damalige Verhältnisse ein offensichtliches „Kriegsverbrechen“ gewesen. Außerdem sei der Weserübergang bei Rinteln für die Amerikaner wegen der zerstörten Brücke längst bedeutungslos gewesen, weil sie in Eisbergen über die Weser setzen konnten.
Es hat auch in den folgenden Jahren nach Kriegsende immer wieder Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegeben, wenn neue Hinweise eintrafen. Im Jahr 1967 bezichtigt ein anonymer Briefschreiber Joachim D. aus Braunschweig, ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS, Ande erschossen zu haben. Recherchen ergeben: D. war zur fraglichen Zeit in Saarbrücken an der Front.
1988 erhält die Tochter Andes einen Hinweis auf einen „Direktor bei Mercedes“. Es stellt sich heraus, dass es sich um Joachim D. handelt.
Was bleibt: Da ist einer Gruppe von Ärzten und Beamten, zu denen auch Ande gehörte, buchstäblich in letzter Minute klar geworden, dass es angesichts der aussichtslosen Lage sinnlos war, noch mehr Menschen der Wahnidee zu opfern, jeder Quadratmeter müsse verteidigt werden.
Rintelner Bürger hatten da schon längst umgedacht. Kreisoberinspektor Gustav Martensmeier schreibt in seinen Erinnerungen: Rinteln war längst offene Stadt, das Denunziantenwesen blühte. Er habe noch während der Verhandlungen mit den Amerikanern den früheren Ortsgruppenleiter Heinrich Aldag auf der Straße getroffen, der ihn gefragt habe: „Herr Martensmeier, Sie tun mir doch nichts?“ Kaufmann Friedrich Böndel in der Klosterstraße habe ihn sogar ins Haus gebeten und ihm einen Cognac eingegossen.

Von Hans Weimann

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