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Seit 20 Jahren alles ganz normal

Inklusive Kita Rodenberg Seit 20 Jahren alles ganz normal

Was in vielen Grundschulen erst seit zwei Jahren umgesetzt wird, ist in den Schaumburger Kindergärten schon fast zehnmal so lange Realität: Kinder mit und ohne Behinderungen werden gemeinsam betreut und unterrichet. Vorreiter der Integration ist die Rodenberger Kita am Mozartweg, die ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Ein Geburtstagsbesuch.

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Von Katharina Grimpe

Leni will auch zählen. Die Zweijährige mit den strohblonden Haaren schaut interessiert zu, wie Liam bunte Holzperlen auf eine Schnur fädelt und mit dem Finger abzählt. Dann kommt Amelie angesaust, klettert in den bunten Hängestuhl, der von der Decke baumelt, und stößt sich zum Schaukeln mit den Füßen ab. Hedi widmet sich lieber einem großen Puzzle und Fabienne spielt zusammen mit Basti „Mensch ärgere dich nicht“.
Eine ganz normale Szene an einem ganz normalen Vormittag in der Rodenberger Kita am Mozartweg. Ganz normal – und irgendwie auch nicht. Was den Kindergarten von vielen anderen Betreuungseinrichtungen unterscheidet, ist nämlich nicht nur die Tatsache, dass sich in der Bärengruppe vier Erwachsene um 18 Kinder kümmern, statt wie gewöhnlich zwei Pädagogen um 25 Mädchen und Jungen. Viel mehr zeichnet die Kita aus, dass dort seit fast 20 Jahren Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam betreut und erzogen werden. Damit ist sie die erste integrative Kindertagesstätte im Landkreis Schaumburg.
Der Anfang war Schicksal, ist sich Kita-Leiterin Martina Schrader sicher. Denn eigentlich war gar nicht geplant, dass die Integration von Kindern mit Handicaps einmal das Ziel der pädagogischen Arbeit am Mozartweg wird. Doch die Bitte einer Mutter habe alles geändert. „Während der Einweihungsfeier kam eine Frau auf mich zu und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, ihre körperbehinderte Tochter zu betreuen“, erinnert sich Schrader. Ihre Erfahrungen als Heilpädagogin ließen sie nicht lange zögern, ein Jahr später konnte das Mädchen aufgenommen werden.
Mittlerweile arbeiten vier der fünf Gruppen integrativ, von den 82 betreuten Kindern sind 16 behindert oder von einer Behinderung bedroht, wenn sie nicht entsprechend gefördert werden. Sie sind in ihrer motorischen oder sprachlichen Entwicklung verzögert, sind autistisch, haben ein körperliches oder seelisches Handicap. In Rodenberg und den anderen integrativen Kitas, die mittlerweile bis auf die Samtgemeinde Eilsen überall im Landkreis eingerichtet wurden, spielen und lernen diese Kinder nicht in einer Sondereinrichtung, sondern gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung.
„Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, anders zu arbeiten“, erklärt Schrader, fügt dann aber hinzu: „Wobei es auch nicht immer einfach war.“ Nicht wenige Eltern gesunder Kinder hätten das Vorhaben zu Beginn eher angstbesetzt erlebt und befürchtet, dass ihr eigenes Kind in einer Integrationsgruppe zu kurz komme. Doch irgendwann hätten auch die hartnäckigsten Zweifler verstanden, dass alle Mädchen und Jungen von der besseren Ausstattung, dem guten Betreuungsschlüssel und vor allem vom pädagogischen Konzept profitieren. „Für uns sind alle Kinder gleich. Gleich geliebt, gleich angenommen und betreut. Wir schauen nicht auf ihre Defizite, sondern auf ihre Stärken. Und wir haben alle das Ziel, die Kinder ganzheitlich zu fördern und auf den besten Weg zu bringen im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten.“
Und was heißt das im Kita-Alltag. Wie funktioniert Integration?

Da ist zunächst einmal die auf 18 Plätze verkleinerte Gruppe, die aus 14 Kindern ohne und vier Kindern mit Förderbedarf besteht. Statt zwei Erzieher kümmern sich mindestens drei Fachkräfte um ihre Schützlinge, eine davon ist immer eine Heilerziehungspflegerin. In den Ganztagsgruppen am Mozartweg verstärkt darüber hinaus an den Vormittagen eine vierte Pädagogin das Erzieher-Team. Dazu kommen die Therapeuten, die sich den Kindern mit Handicap je nach Förderbedarf individuell widmen.
Am wichtigsten aber sind die Kinder selbst, die von einander profitieren und voneinander lernen. Kinder mit Behinderungen würden in der Gruppe erfahren, dass sie als Person wahrgenommen werden – unabhängig von ihren Einschränkungen. Und nicht behinderte Kinder könnten im gemeinsamen Spiel eventuelle Unsicherheiten gegenüber Kindern, die „anders“ sind, in ihre Erlebniswelt integrieren und so neue Lebenserfahrungen machen. Das Ziel: Ein Fundament zu legen für mehr Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander.
Das Miteinander von Leni, Leander, Tom und Co. in der Bärengruppe zeigt, wie das gelingen kann. Alle Kinder spielen gemeinsam, wer besonderen Förderbedarf hat und wer nicht, ist für Außenstehende nicht zu erkennen. Gefördert wird entweder einzeln oder in der Gruppe. „Grundsätzlich“, erklärt Schrader, „soll so viel wie möglich innerhalb der Gruppe gefördert werden.“ Heute geht es um Zahlen und Mengen. Heilpädagogin Sibel Giasar bittet ihre Schützlinge, Holzperlen aufzufädeln und zu zählen, die älteren benennen außerdem Zahlen. Nicht nur die Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf kommen an die Reihe. „Das Angebot ist für alle Kinder, die Lust haben“, sagt Giasar. Und das sind nicht wenige.
Wer nicht fädelt oder zählt, baut, schaukelt, hört der Geschichte vom Mondpony Lunabella zu, puzzelt oder spielt Memory. Kurz vor dem Mittagessen gibt Gruppenleiterin Melanie Wenthe das Zeichen zum Aufräumen. Und bevor es dann zum Essen in die Küche geht, spielen alle zusammen im großen Stuhlkreis noch „Tuff tuff tuff die Eisenbahn“. Yusuf hängt sich an Leander, Leander hängt sich an Mila, ganz vorne steht Greta. Den Kindern ist völlig egal, ob ihr Spielpartner behindert ist oder nicht, ob er sich schlecht konzentrieren kann, schlecht hören oder sehen. Für sie sind alle Bärenkinder vor allem eines: ganz normal.

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