Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Spätsommer in Kürbis-Orange

Thema des Tages Spätsommer in Kürbis-Orange

Kürbisse gehören zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt und sind Teil unzähliger Rezeptvorschläge. Auch deshalb werden heute rund 800 verschiedene Sorten gezüchtet. Der Kürbisanbau aber
funktioniert nicht mit großen Maschinen, vor allem Handarbeit ist nötig. Wenn Krähen die Kürbisfelder erst entdeckt haben, ist es meist zu spät. Dann fängt für die Kürbisbauern alles von vorne an.

Voriger Artikel
Wo die Grimms zu Hause sind
Nächster Artikel
Flüchtlinge warten auf ein besseres Leben

Bärbel Beißner auf ihrem Kürbisacker. Sie hält einen Hokkaido in den Händen.

Quelle: cok

Landkreis. Diese Krähen! Sie lauern auf die Kürbissamen. Ganz genau beobachtet der Schwarm, wie August Beißners Trecker Vertiefungen in den Ackerboden setzt und seine Familie hinter dem Traktor hergeht, um per Hand die Kürbiskerne hinein zu legen – einen in jedes Loch. Kaum ist die Arbeit getan, da fliegen die Vögel heran und kratzen die Löcher auf, um an die Samen zu kommen. „So was haben wir noch nie erlebt“, sagt Bärbel Beißner. „Wir haben richtig Panik bekommen.“

 An ihr Erlebnis während der Aussaat im Frühling denken Beißners oft. Sie besitzen einen Hof in Westendorf, zu dem die Kürbisscheune gehört, in der alljährlich ein großes Kürbisfest gefeiert wird. Auf zwei Hektar Land rund um den Hof pflanzen sie die Früchte an. Sorge müsse man immer ein bisschen haben, ob mit dem Kürbiswachstum alles gut geht, sagt die Landwirtin. Hoffentlich bekommen sie den Mehltaubefall in den Griff, fürchten die Beißners manchmal. Und diese hungrigen Feldmäuse, die nur zu gern die halbreifen Kürbisse anknabbern.

 Auch die Unkrautpflanze „Melde“ kann Ärger bereiten, jedenfalls wenn sie, wie in diesem Jahr, so hoch wächst, dass einem beim Ernten ständig ihr juckender Samen in die Gummistiefel fällt. Aber das seien alles Dinge, die man in den Griff bekommt. „Anfangs brauchen die Kürbisse sehr viel Wasser, aber wenn sich dann die Blätter über der Frucht geschlossen haben, kann kaum noch was passieren“, erklärt Beißner.

 Diese verdammten Krähen allerdings, das ging wirklich zu weit, findet sie. In höchster Eile bestellten die Beißners neuen Kürbissamen und die Aussaat ging noch einmal von vorne los. Vorsichtshalber legten sie diesmal mehrere Samen in die einzelnen Vertiefungen. Zu ihrem Kürbisfest am kommenden Sonntag wollen die Beißners schließlich wieder eine wahre Kürbis-Pracht präsentieren – angefangen bei den kleinen bunten Zierkürbissen bis zu den tief orangen Hokkaidos.

 Der Kürbis ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Archäologische Funde legen nahe, dass die Ureinwohner Südamerikas bereits vor zehntausend Jahren Kürbisse anbauten, wobei zunächst wohl nur die Samen gegessen wurden, da wilder Kürbis wegen seiner vielen Bitterstoffe nach wie vor ungenießbar ist. Die Entdecker Amerikas brachten den kultivierten Kürbis nach Europa, wo man bis dahin höchstens den Flaschenkürbis aus Afrika kannte. Fünf essbare Kürbisarten gibt es weltweit. Etwa 800 Sorten werden gezüchtet, von denen an die 200 auch in Deutschland erhältlich sind. Inzwischen kann man sogar die meisten Zierkürbisse essen, weil die Bitterstoffe herausgezüchtet wurden.

 Von Anfang an haben die Beißners mit dem Kürbisanbau experimentiert. Ein Geschenkkorb mit Zierkürbissen aus dem Elsass hatte sie so fasziniert, dass sie im nächsten Jahr die französischen Samen aussäten. „Na ja, dabei kamen allerdings höchst seltsame Dinger heraus, das war einfach unkontrollierbar“, erzählt Bärbel Beißner.

 Auch, als sie dann Züchtersamen einkauften, gab es noch so viel zu lernen. „Ich dachte, es sei sinnvoll, die Pflanzen in Töpfen vorzuziehen und dann erst rauszusetzen. Aber entweder verbrannten sie in der Sonne oder sie verschlammten in zu feuchter Erde.“ Die beste Methode war tatsächlich, die Samen direkt in den Boden zu legen, mithilfe der selbst erfundenen Maschine von August Beißner, die über eine Rolle, gezogen vom Uralt-Trecker, entsprechende Vertiefungen macht. Nur alle vier Jahre kann dasselbe Feld wieder mit Kürbissen bepflanzt werden.

 Der Kürbisanbau ist eine altmodisch anmutende Arbeit. Familie, Freunde und Verwandte helfen mit, um das Unkraut mit der Hacke zu entfernen und gegen Ende August die Ernte zu beginnen. Die Stimmung erinnert an die privaten Weinernten in Süddeutschland, wo man gemeinsam arbeitet, sich zu Picknickmahlzeiten in den Schatten setzt, isst, trinkt, plaudert, lacht – und sehr stolz ist, die Schufterei gut zu überstehen. Man muss sehr genau darauf achten, ob die zu erntenden Kürbisse auch wirklich reif sind. Klingt es nicht hohl, wenn man sie beklopft, und ist der Stiel nicht grün und gut ausgeprägt, dann faulen sie schnell. Macht man aber alles richtig, dann können die 40 Sorten der Beißners bis Ende Oktober angeboten werden.

 Nicht nur die Hokkaidos sind besonders beliebt. Sie eignen sich sowohl zum Zubereiten köstlicher Gerichte als auch für all den Spaß rund um das Schnitzen von Kürbisköpfen und -laternen. Auch die sogenannten Zierkürbisse haben es in sich. „Die meisten sind sehr gut essbar, und wir haben auch jede Menge Rezeptvorschläge dafür“, sagt Beißner.

 Der faustgroße „Mikrowellenkürbis“ sei etwas „für den schnellen Koch“. Er wird tatsächlich in der Mikrowelle gegart und dann ausgelöffelt. Andere höhlt man vorher aus und füllt sie zum Beispiel mit Mett. „Man muss nur auf seinen Bauch hören, dann fällt einem schon was Leckeres ein.“ Die neuen Hokkaido-Sorten stellt man ausgehöhlt und mit Weißbrot, Käse und Sahne gefüllt aufs Backblech. „Sehr köstlich, und da kann man gar nichts falsch machen.“

 Was nun die Bedeutung der Kürbisse für Halloween betrifft, so waren es ursprünglich gar nicht Kürbisse, sondern die Runkelrüben, die so gruselig zurecht geschnitzt wurden, dass sie die bösen Geister aus der „Anderwelt“ abschrecken konnten. Als diesewahrscheinlich von den Iren stammende Tradition sich in Amerika verbreitete, wählte man dort den für Schnitzereien viel leichter zu handhabenden Riesenkürbis aus. Von da aus kam der „Big Pumpkin“, vor dem auch Charlie Brown und seine Peanuts-Freunde so viel Angst haben, nach Deutschland, zusammen mit dem Brauch, dass Kinder verkleidet an Haustüren klingeln und „Süßes oder Saures“ verlangen.

 Süß oder sauer können auch die Kürbismahlzeiten sein. Die Amerikaner lieben ihren Kürbiskuchen zum Thanksgiving-Fest: Kürbismarmelade, Kürbis-Tiramisu, Kürbis-Bananensuppen – es gibt zahlreiche Dessert-Rezepte, in denen der Kürbis die Hauptrolle spielt. Süß-sauer eingelegter Kürbis gehörte schon immer zu den winterlichen Gemüsebeilagen. Wenn man darauf achte, dass die Kürbisstücke nicht matschig werden, erst recht aber nicht zu hart bleiben, sei der eingelegte Kürbis eine wunderbare Ergänzung von Fleischgerichten oder Käseplatten. Was Bärbel Beißner auch empfiehlt: die Kürbis-Bowle. Sie schmecke so ähnlich wie eine Pfirsichbowle und wird mit Mineralwasser, Sekt oder Wein aufgegossen.

 Ohne August und Bärbel Beißners kürbisbegeisterte und erfindungsreiche Tochter Alexandra Backhaus wäre es kaum möglich, die „Kürbisscheune“ zu führen. Sie gehörte von Beginn an zum Kürbis-Team dazu und weiht bereits Beißners Enkeltochter in die Geheimnisse des gelingenden Kürbisanbaus ein. Jetzt, wo die Krähen den Hof entdeckt haben und sicher schon auf das nächste Frühjahr und die nächste große Kürbiskern-Mahlzeit warten, komme eine neue Aufgabe auf alle zu: die Kürbissamen retten.

 Das Kürbisfest in Beißners Kürbisscheune in Westendorf beginnt am Sonntag, 13. September, um 10.30 Uhr. cok

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr