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Stärker verankert als anderswo

Landkreis / Reformation Stärker verankert als anderswo

Heute ist Reformationstag: Evangelische Christen gedenken des Thesenanschlags von Martin Luther im Jahr 1517. Landesbischof Karl-Hinrich Manzke äußert sich über die Rolle der lutherischen Kirche in Schaumburg. Zudem blicken die SN auf Mitgliederzahlen und auf den hiesigen Reformator Dammann.

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Im Eingangsbereich der Martinikirche in Stadthagen steht das Grab-Epitaph des Grafen Otto IV. von Schaumburg (Mitte), der 1559 die Reformation in Schaumburg ermöglicht hat.

Quelle: pr.

Von Stefan Rothe. Stärker als in vielen anderen Teilen Deutschlands ist die lutherische Kirche in Schaumburg in der Gesellschaft und im Bewusstsein der Menschen verankert. Davon ist Karl-Hinrich Manzke, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe, überzeugt.

 Seine Feststellung verdeutlicht der Bischof an einem Beispiel: In Zusammenarbeit mit der Kreishandwerkerschaft gestaltet die Landeskirche Gottesdienste für Lehrlinge bei deren Ausbildungsbeginn. Die jungen Leute zeigten sich aufgeschlossen. Sich christliche Werte anzuhören, das würden sie akzeptieren. „Wenn ich das Bischofskollegen aus Hamburg, München oder Berlin erzähle, sagen sie, so etwas geht nur in Schaumburg“, erzählt Manzke.

 Zweites Beispiel: An hiesigen Schulen erfahre er von einer großen Bereitschaft, kirchliche Angebote nicht nur zu akzeptieren, sondern sie hier und da sogar aktiv abzufragen. Die Landeskirche verstärke daher gerade ihre personelle Präsenz an den Schulen.

 Religion, hier besonders in der Ausprägung der lutherischen Konfession, „kommt im Bewusstsein der Menschen in unserer Region stärker vor als andernorts“, sagt der Geistliche. Das liege sicher auch an der ländlichen und traditionsreichen Prägung des Schaumburger Landes.

 Eine wichtige Rolle für die Möglichkeiten der lutherischen Landeskirche, in der Gesellschaft präsent zu sein, spiele auch ihre überschaubare Größe. Und zwar in einem Landstrich, mit dem sich die Menschen in überdurchschnittlich hohem Maße identifizierten. Das schaffe Vertrauen untereinander, von dem auch die Kirche profitiere.

 „Das alles bietet Chancen zur Vernetzung und zur Zusammenarbeit über gesellschaftliche Grenzen hinweg“, betont Manzke. Nicht ohne hinzuzufügen, dass die Landeskirche diese Möglichkeiten noch besser nutzen wolle. „Wir sind dabei, weitere Kooperationen bei der offenen Jugendarbeit mit Kommunen, im diakonischen Bereich mit Wohlfahrtsverbänden und in der Hospizarbeit mit Vereinen zu entwickeln“, schildert der Bischof. Dies sei auch wichtig, um der sinkenden Mitgliederentwicklung etwas entgegenzusetzen (siehe Artikel unten).

 Dass die Existenz der kleinen Landeskirche in ihrer Geschichte und mit ihrer heutigen Prägung zur Identitätsbildung des Schaumburger Landes beitrage, „das höre ich immer wieder von führenden Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft“, berichtet Manzke.

 Gerade weil die Predigt mit ihrer Auslegung der Bibel im reformatorischen Selbstverständnis eine so zentrale Rolle spielt, „schmerzt“ der geringe Gottesdienstbesuch, räumt der Oberhirte ein. Dieser sei etwas besser als fast überall andernorts in Deutschland, aber gleichwohl kämen zu wenige Gläubige. Jeder Versuch, das schön zu reden, müsse unterbunden werden, setzt Manzke hinzu. Es sei eine große Herausforderung, durch zeitgemäßere Formen Gottesdienste attraktiver zu machen. „Die Mitglieder der Kirchengemeinden sollten aktiver darin vorkommen.“

 Mit Blick auf das Mit- und Nebeneinander mit der hiesigen katholischen Minderheit spricht Manzke von „einer Atmosphäre der Kameradschaftlichkeit“. Ein Höhepunkt von vielen gemeinsamen Aktivitäten sei der ökumenische Tauferinnerungs-Gottesdienst am Reformationstag in Bückeburg. Derartiges sei wegweisend. Denn „glücklicherweise nimmt im Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung das Verständnis für konfessionelle Differenzierungen ab“. Diesen Prozess gelte es im Sinne eines stärkeren gemeinsamen Weges zu nutzen, bekennt der Landesbischof.

Die Handhabung des Reformationstages als Feiertag

Der Reformationstag ist seit der deutschen Wiedervereinigung gesetzlicher Feiertag in den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Baden-Württemberg ist am Reformationstag schulfrei. In Niedersachsen haben evangelische Schüler auf Antrag die Möglichkeit, für die Dauer eines Gottesdienstes vom Unterricht freigestellt zu werden.
In anderen Bundesländern mit einem größeren evangelischen Bevölkerungsanteil hat der Tag oft eine besondere gesetzliche Stellung, die in etwa mit dem der Stillen Tage vergleichbar ist.

Für das „Jubiläumsjahr 2017“, in dem der Thesenanschlag Luthers 500 Jahre her gewesen sein wird, läuft der Versuch der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), den 31. Oktober zum bundesweiten Feiertag zu ernennen.

Darüber ist mittlerweile ein breiter Konsens unter allen Ministerpräsidenten, dem zuzustimmen, erreicht. Allerdings soll es sich aus heutiger Sicht um eine einmalige Ausnahme handeln.
„Wir sollten abwarten, wie dieser Versuch läuft“, kommentiert Karl-Hinrich Manzke, Bischof der Schaumburg-Lippischen Landeskirche, „bevor wir daraus weitere Ansprüche ableiten.“
Er fügt hinzu: „Wir können diesen Tag für unsere Gemeinden auch ohne einen gesetzlichen Feiertag gestalten und tun das auch.“

Die Landeskirche schrumpft

Die Schaumburg-Lippische Landeskirche schrumpft. Aktuell zählen zu ihr nach Angaben der Kirchenleitung noch rund 56 000 Mitglieder. Tendenz: weiter fallend. Vor etwa 20 Jahren hatte die Landeskirche noch etwas mehr als 71 000 Mitglieder. Das bedeutet ein Minus von fast 20 Prozent in 23 Jahren (siehe Grafik). Der Rückgang ist freilich geringer als in nahezu allen anderen evangelischen Landeskirchen, insbesondere denen in städtischen Gegenden.

Diese Entwicklung habe eher mit der demografischen Entwicklung zu tun als dass es sich um aktive Verabschiedungen von der Kirche handele, bewertet Landesbischof Karl-Hinrich Manzke diese Entwicklung. Auf drei Beerdigungen kämen derzeit zwei Taufen. Gegen diesen demografischen Trend könne die Kirche nichts unternehmen. Seit einiger Zeit verzeichne die Landeskirche pro Jahr rund 300 Austritte. Diesen stünden 150 bis 200 Eintritte jährlich entgegen.

Die Kirche befinde sich mit dieser Problematik in Nachbarschaft zu vielen anderen gesellschaftlichen Einrichtungen, stellt der Bischof fest. Die Bereitschaft der Menschen, sich langfristig zu binden, sei nicht mehr wie früher gegeben. „Auch die Bindung an die Kirche ist kein Selbstläufer mehr, die Menschen entscheiden autonom, in welchen Bezügen sie sich verankern wollen, man muss also um sie werben“, erläutert Manzke.

Die Kirche müsse eine intensive Mitgliedergewinnung betreiben, „da ist noch Luft nach oben“. Ein strategischer Ansatz dazu könne sein, die Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen stärker mit anderen gesellschaftlichen Gruppen in Austausch und Zusammenarbeit zu bringen.

Dammann als Reformator in Schaumburg

Jakob Dammann (1534-1591) war der erste lutherische Stadtpfarrer und Hofprediger in Stadthagen. Er war Reformator und erster Landessuperintendent in der Grafschaft Schaumburg. Dammann wurde als Sohn eines Zinngießers in Celle geboren, wo bereits 1524 die Reformation eingeführt worden war. Er kam, wohl erst nach dem Tod Martin Luthers 1546, zum Theologiestudium nach Wittenberg. Dort wurde Phi-lipp Melanchthon sein wichtigster Lehrer. Melanchthon empfahl ihn Otto IV. von Schaumburg, als dieser nach dem Tod seines Bruders, des Kurfürsterzbischofs von Köln, Anton von Schaumburg, 1558 einen fähigen lutherischen Prediger und Kirchenorganisator suchte.

Am 20. März 1559 wurde Dammann als Pastor der Stadtkirche der damaligen Residenzstadt Stadthagen eingeführt. Zugleich wurde er damit, unter der Oberhoheit von Otto IV., geistliches Oberhaupt der neuen Schaumburger Landeskirche, für die die Mecklenburger Kirchenordnung übernommen wurde. Die erste von Otto IV. angeordnete Visitation führte Dammann 1564 zusammen mit drei weiteren Theologen und fünf weltlichen Räten durch.

In Stadthagen heiratete er Christina Guthagen und hatte eine Tochter, Sophia. Auf seinem Epitaph in der Stadthäger Martinikirche ist er stehend in Ganzfigur mit schwarzem Talar und Halskrause dargestellt, ein Buch, – vielleicht die Bibel oder eine Bekenntnisschrift, – in der Hand, in dem er mit dem Finger eine Stelle festhält. Sein ernster Blick ist auf den Betrachter gerichtet.

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