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Stammtisch mit Familienanschluss

Thema des Tages / Dorfgaststätten Stammtisch mit Familienanschluss

Die traditionelle Dorfgaststätte steht vor dem Aus, dennoch gibt es sie noch, die Dorfkneipen, in denen am Tresen über Gott und die Welt philosophiert und diskutiert wird: Seit mehr als 100 Jahren wird im Soldorfer Gasthaus Wichmann Bier ausgeschenkt. Und in Auhagen lockt der „Morgenstern“ mit seiner Mischung aus Moderne und Tradition Gäste an. Ein Besuch hinter der Theke.

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Der Stammtisch im Auhäger „Morgenstern“ überdauert schon vier Wirte.

Quelle: jpw/kcg

Von Jan Peter Wiborg und Katharina Grimpe

Sie sind schon immer hier – vier Wirte lang möglichst jeden Donnerstag. Wann das alles angefangen und sich zum Stammtisch verfestigt hat, daran kann sich Wolfgang Dobelstein nun auch nicht mehr so genau erinnern: „Ich habe schon als Kind Kekse in der Küche vom Gasthaus Buhr geklaut“, sagt der Auhäger und lacht.
Die Verbindung von Karl-Wilhelm Thiele zum Gasthaus in Auhagen, das heute „Morgenstern“, davor „Bei Otto“ und ursprünglich „Gasthaus Buhr“ hieß, lässt sich besser erklären: „Als Jagdpächter habe ich seit mehr als 25 Jahren damit zu tun, nun wohne ich auch schon elfeinhalb Jahre im Ort.“ Und der Dritte am Holztisch, Heinz Nerge, ist seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dabei: „Früher ging es hier hoch her“, erinnert sich der ehemalige Ratsherr an rustikale Zeiten. „Da wurde alle drei Wochen bis morgens um vier Karten gespielt.“
Für seine „dicke Wurst mit Löwensenf“ sei der Wirt Buhr weit und breit bekannt gewesen, schwärmen die Drei, das sei „die gute Wurst von Probst aus Hülshagen“ gewesen. Auch wenn die Runde nicht komplett ist und einige Stammtischbrüder dienstlich unterwegs sind, so fällt das Schwelgen in der Erinnerung nicht schwer. „Wir leben heute in der Neidgesellschaft, keiner gönnt dem anderen mehr etwas“, heißt es als Fazit. Weniger Freizeit, neue Gewohnheiten im Umgang mit Alkohol und andere Familienstrukturen hätten zum Niedergang der klassischen Dorfkneipen im Sinne von Bierschwemmen beigetragen. „Früher wurden die Geschäfte am Stammtisch gemacht“, erinnert sich Dobelstein. Zum Beispiel konnte man sich von den Bauern vielleicht mal einen Trecker leihen, die Bauern waren ja alle hier.“
Und: „Du konntest hier früher mit der Polizei zusammen trinken“, weiß Dobelstein, schwenkt aber gleich aus der „Früher-war-alles-Besser-Stimmung“ in die offenbar ebenfalls gemütliche Gegenwart um: „Heute haben die Frauen im ‚Morgenstern’ auch ihre eigenen Stammtische, und das ist gut so.“
Seit einigen Monaten steht auch mit der Serbin Jasmina Niedenzu erstmals in der langen Geschichte des Wirtshauses eine Wirtin hinter dem Tresen. Die Sachsenhägerin setzt auf Balkanküche und deutsches Essen, um dem „Morgenstern“ das langfristige Überleben zu sichern. Rund 70 Prozent ihrer Essensgäste kommen von außerhalb, schätzt sie auf Nachfrage. „Das Lokal ist gemütlich eingerichtet, die Bedienung nett und freundlich, dort trifft sich die Dorfgemeinschaft“, heißt es inzwischen schon als Bewertung in Internet-Portalen.
„Mittwochs haben wir jetzt einen Tanzkreis im Saal“, erzählt Niedenzu, donnerstags übt wie eh und je der Gesangverein „Concordia“. Zwar kann der Turnverein nicht mehr im Saal turnen wie in der Anfangszeit der Gaststätte, als Geräte aufgestellt waren, aber die Auhäger können im Saal feiern.
Auch der für eine dörfliche Wirtschaft wohl eher unübliche Name „Morgenstern“ ist aus der Festgeschichte des Ortes erklärbar. Das Lied „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ ertönt noch immer als Trompetensolo in den frühen Morgenstunden des Pfingstbierfinales auf der Auebrücke.
Dass Männer heutzutage auch in der Gastwirtschaft Familienanschluss haben können, beweist der Zufall an diesem Abend: Sascha Nerge, der Sohn von Heinz Nerge kommt mit Frau und Tochter und Freund um die Ecke. Der Filius, selbst inzwischen Vorsitzender des SV Düdinghausen-Auhagen, hat Geburtstag und zum Essen reserviert. Vorher ist die kleine Lokalrunde fällig, das versteht sich von selbst.
Rundenweise – so gibt’s das Herforder auch am Stammtisch im Soldorfer „Gasthaus Wichmann“. „Das ist Ehrensache“, schildert Wirt Friedrich Wichmann, der von seinen Gästen schlicht „Fritz“ genannt wird. Seitdem er 18 Jahre alt ist, steht er hinter dem Tresen der kleinen Gaststube, in der man sich in einer längst vergangenen Zeit wähnt. Das Flair der Sechziger beherrscht den Raum – stoffbezogene Holzstühle und Eckbänke umsäumen die rustikalen Tische, ein Hirschgeweih ziert die Wand. Hingucker aber sind die vielen Pokale, gewonnen von der Soldorfer Feuerwehr bei Eimerspielen in den vergangenen 40 Jahren. Die mehr als 400 Trophäen sind Wichmanns ganzer Stolz, die in diesem Jahr neu Hinzugekommenen haben den prominentesten Platz in der Kneipe: Auf dem Zapfhahn.
Die Kameraden der Feuerwehr gehören nicht umsonst zu den Gästen, die der 75-Jährige bewirtet. Außerdem kommen alle drei bis vier Wochen die „Damen der Theatergruppe“, manchmal auch alte Schulkollegen und Bekannte aus den umliegenden Dörfern. Harter Kern seien aber die handvoll Männer, die regelmäßig ihr Pils samt Steinhäger trinken und die dann bis in den späten Abend hinein diskutieren – über Politik, Landwirtschaft und Sport. „Und über die Feuerwehr“, betont Wichmann.
Früher sei natürlich mehr los gewesen, die Leute hätten heutzutage eben anderes zu tun, als ihren Abend am Tresen zu verbringen, meint Wichmann. „Es gibt Fernsehen und die vielen Vereine, da bleibt nicht viel Zeit.“ Trotzdem sperrt der pensionierte Postbeamte nach wie vor dreimal in der Woche abends die Türen zu seiner Kneipe auf und wartet auf Kundschaft.
„Hier war immer etwas los“
Seit vier Generationen betreibt Wichmanns Familie das Gasthaus, bis 1937 unter dem Namen Hattendorf. Die Gaststätte war gesellschaftlicher Mittelpunkt des dörflichen Lebens. „Hier war immer etwas los, vor allem, wenn freitags die Lohntüten verteilt wurden“, erinnert sich der vierfache Familienvater. Es sei viel getrunken, gefeiert und getanzt worden, aber auch gestritten und geschlagen. „Ich habe hier so viel erlebt, ich könnte selbst ein Buch schreiben.“
Wie in vielen Gastwirtschaften auf dem Land habe das Schankgeschäft allerdings nicht ausgereicht, um die Familie zu ernähren, eine Landwirtschaft mit 7,5 Hektar Fläche, fünf Kühen und Schweinen sorgten fürs Überleben. Außerdem arbeitete Wichmann 35 Jahre lang als Zusteller der Post. Auch die Poststation war von 1929 bis 1992 im Gasthaus untergebracht.
Im Soldorfer Gasthaus gibt es keinen Saalbetrieb und keinen Mittagstisch, Fritz Wichmann sorgt lediglich dafür, dass die Kehlen seiner Gäste nicht trocken bleiben – und kommt damit über die Runden. „Früher hatten wir auch Speisen“, berichtet der Wirt. Auf der Speisekarte von Ehefrau Marie habe es Currywurst, Mettwurstbrot oder Sülzkotelett gegeben. Wie lange er noch hinter der Theke stehe? „Von heute auf morgen kann sich das ändern“, sagt der 75-Jährige, er sei schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Aber so lange er gesund sei, und „solange ich Spaß daran habe“, bleibe seine Tür offen.

Niedergang der Gasthäuser auf dem Land besonders brisant

Wurstbrot und Sülze ziehen nicht mehr: Die Zahl der klassischen Gasthäuser auf dem Land sinkt. Immer mehr Dorfgasthäuser müssen schließen, weil die Gäste fehlen, weil die Wirte aus Altersgründen aufgeben oder keinen Nachfolger finden. Im Vergleich zum Kneipensterben in der Stadt hat der Niedergang der Landgaststätten eine besondere Brisanz. Mit ihnen verschwindet meist der gesellschaftliche Mittelpunkt der Dörfer.
Für Wirte kleiner Gaststuben wird das Überleben immer schwerer, erklärt Klaus Pittack, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes Schaumburg, und betont: „Die Situation ist dramatisch.“ Vor allem für die Gastronomen, die vor Jahren viel Geld in ihre Traditionsbetriebe investiert und Kegelbahnen oder einen Saal angebaut haben. „Sie haben totzdem keine Chance“, meint Pittack. Als Ursache sieht der Schaumburger Dehoga-Chef vor allem das geänderte Freizeitverhalten der Menschen. „Die Leute bleiben zu Hause und leben wie in einem Kokon.“ Stammtische, Feierabendbier oder Frühschoppen – danach werde einfach nicht mehr gefragt. „Lieber lässt man sich eine Pizza in die eigene Wohnung liefern“, erklärt Pittack. Wenn die Menschen ihr Haus verlassen, dann höchstens zu besonderen Anlässen wie zu Dorf- oder Feuerwehrfesten. Das „verdammte Rauchverbot“ und die Konkurrenz durch die Dorfgemeinschaftshäuser würden ebenfalls zum Aus der Dorfgaststätten beitragen.
Jüngstes Beispiel für den Negativ-Trend ist die Gaststätte Hattendorf in Kreuzriehe. Das Traditionshaus, das 1876 eröffnete, musste im September schließen. Wirt Martin Hattendorf, der das Gasthaus in der vierten Generation führte, nannte gegenüber den SN die gestiegenen Energiekosten, hohe Zinsen für Kredite und das Desinteresse vor allem der jungen Leute am Angebot der traditionellen Gasthäuser als Gründe für das Aus seines Betriebes.
Für die Dörfer hat der Niedergang der Gaststuben eine besondere Bedeutung, schließlich waren und sind die Kneipen wichtige Institutionen für das dörfliche Miteinander. „Die Dorfgaststätte hat eine ganz wichtige gesellschaftliche Funktion“, hebt Pittack hervor. Schon jetzt gebe es in den kleinen Orten weder Post noch Bank noch Supermarkt, schließe dann auch noch das Gasthaus, verkomme ein Ort zum reinen Schlafdorf. Auch die heimischen Vereine würden dann meist ohne Übungssaal dastehen. Ein Problem, mit dem sich nicht nur der Gesangverein in Altenhagen II bereits vor vier Jahren auseinandersetzen musste. Damals schloss das Gasthaus Wismer seine Türen für immer und der heimische Chor musste sich nach 100 Jahren einen neuen Ort für die wöchentlichen Proben suchen.  kcg

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