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Starke Eltern braucht das Kind

Thema des Tages Starke Eltern braucht das Kind

Tyrannische Kinder, ratlose Eltern: Das Zusammenleben als Familie kann hart sein. Wer für ein Kind sorgt, muss jeden Tag die Balance finden aus Nähe und Distanz, Zuwendung und Konsequenz. Viele Eltern fühlen sich damit überfordert und verzweifeln an den ständigen Konflikten. So viel steht fest: Erziehung ist Schwerstarbeit – aber keine Geheimwissenschaft. Überlegungen für ein entspannteres Familienleben.

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Bindung als Fundament

Das Leben mit Kindern ist stressig: Eltern sind durch den Beruf stark eingebunden und geben die Erziehung ihrer Kinder an Krippe, Kindergarten und Schule ab. Umso wichtiger ist es, dass sich Eltern ihrer Verwantwortung für die eigenen Kinder stellen, erklärt Birgit Schaper-Gerdes, Pädagogin und Erziehungsberaterin des Kinderschutzbundes Schaumburg. Wie das funktionieren kann? Indem Eltern Zeit mit ihren Kindern verbringen, sich mit ihren Kindern auseinandersetzen, betont Schaper-Gerdes und bringt auf den Punkt, was Kinder-Psychologen und Familientherapeuten als fundamental für eine gesunde Entwicklung ansehen: die Bindung zwischen Eltern und Kind.
Liebevolle Begegnungen innerhalb der Familie geben dem Nachwuchs Urvertrauen und sind das Fundament, auf dem sich Kinder zu einfühlsamen und selbstbewussten Individuen entwickeln. „Auf diesem Boden können Kinder lernen, sich für andere zu interessieren, sich in andere hineinzuversetzen“, sagt die Pädagogin.
Dafür brauchen Kinder Eltern, die präsent sind. Eltern, die sich im hektischen Alltag Zeit nehmen, und sei es nur eine halbe Stunde, in der sie dem Kind ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken – ohne Handy, PC oder Fernseher. „Es muss kein Event sein, es reicht, einfach da zu sein, zusammen einen Turm zu bauen, zu lesen oder in den Wald zu gehen“, meint Schaper-Gerdes.

Ohne Grenzengeht es nicht
Dem Kind Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken – das heißt auch, liebevoll Grenzen zu setzen. „Es ist ganz wichtig, Kindern Regeln für das Zusammenleben mitzugeben“, macht Schaper-Gerdes deutlich. Regeln dienen dem Kind als Orientierung, sie geben Halt und Sicherheit. „Wer keine Grenzen setzt, lässt seine Kinder im Stich, weil sie so nicht lernen, sich in Gruppen zurechtzufinden.“
Sinnvoll Grenzen setzen kann aber nur, wer die Regeln selbst vorlebt und keinen Zweifel daran lässt, dass sie verlässlich eingehalten werden. Grenzen als Ausdruck der elterlichen autoritäten Machtposition? „Nein“, sagt die Erziehungsberaterin. In einer liebevollen Eltern-Kind-Beziehung sollten Regeln nicht um ihrer selbst willen aufgestellt werden. Es geht nicht um Macht und Hierarchie. „Es geht um Leitung, Führung. Um ,gute‘ Autorität.“
Liebevoller
Leitwolf gesucht
„Gute“ Autorität? Mit diesem Ausdruck bezieht Schaper-Gerdes sich auf die Erziehungskonzepte von Experten wie den hannoverschen Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann und den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul.
Kinder brauchen den Wissenschaftlern zufolge Eltern, die Autorität qua Persönlichkeit vorgeben. In der Erziehung gehe es darum, persönliche Maßstäbe und Überzeugungen vorzuleben, um den Kindern nicht nur Liebe, sondern Halt, Sicherheit und Orientierung zu geben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Eltern selbst Orientierung und Sicherheit haben, dass sie eine stabile Haltung in sich selbst finden.
„Kinder wollen sich auf ihre Eltern verlassen“, sagt Schaper-Gerdes. Kinder fühlen sich sicher und geborgen, wenn sie gewiss sind, dass Mama und Papa die Dinge im Griff haben. Um zu sozialen und einfühlsamen Menschen zu werden, brauchen sie also liebevolle Führung, sie brauchen Anleitung und die Fähigkeit der Eltern, die Welt in geordneten Strukturen zu vermitteln. 

Eltern sind Vorbilder
Vorbild dringt tiefer als Worte: Viel wichtiger als Diskussionen über Werte und Überzeugungen ist, dass Eltern diese Werte vorleben. „Kinder ahmen alles nach, spiegeln das Verhalten ihrer Eltern“, erklärt Schaper-Gerdes. Wer will, dass seine Kinder lernen, Konflikte konstruktiv zu lösen, muss selbst dazu in der Lage sein. „Wenn in einer Familie oft gschrien wird und ein gewalttätiges Familienklima herrscht, orientiert sich das Kind daran. Es schreit und haut um sich, wenn es nicht mehr weiter weiß.“ Wer seiner Umwelt mit Zuwendung und Respekt begegne, zeige seinem Kind ein gutes Modell für den Umgang mit Konflikten.

Keine Angst vor der Auseinandersetzung
Warum fällt es vielen Eltern so schwer, sich durchzusetzen? Weil es eben eine große Herausforderung ist, konsequent darauf zu achten, dass Regeln auch eingehalten werden, meint Schaper-Gerdes.
Vielleicht ist es auch die Angst vor der Auseinandersetzung, die Angst davor, das Kind zu frustrieren. „Eltern sollten genau überlegen, wann und wie oft sie ,Nein‘ sagen.“ Besser seien weniger Verbote, die dann aber fest bleiben. „Und dann dürfen Eltern keine Angst vor der Reaktion des Kindes haben.“
Auch die Neigung vieler Eltern, vor allem kleinen Kindern die Gründe für Entscheidungen und Verbote lang und breit zu erklären, sieht Schaper-Gerdes kritisch. Kinder wollen alles und zwar sofort, mit Vernunft können sie nicht viel anfangen. „Es kann nur bedingt funktionieren, auf Kinder einzureden, damit sie einsehen, dass die Eltern Recht haben.“ Kinder müssen lernen, auch Dinge zu tun, deren Sinn sich ihnen nicht erschließt. „Im Gegenzug müssen Eltern es aushalten, dass Kinder frustriert sind.“
Denn aus Frust entstehen Entwicklungschancen: Das Zusammenleben läuft nun mal nicht immer glatt, Frust gehört dazu. Sind Kinder frustriert, lernen sie, mit Misserfolgen umzugehen.

Hilf mir, es selbst zu tun
Kinder brauchen Zuwendung, Liebe und Anerkennung. Ihr Selbstwertgefühl bekommen Jungen und Mädchen aber nicht, indem sie permanent von den Eltern gelobt werden. Das Selbstbewusstsein wächst vor allem mit dem Gefühl, schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft überwunden zu haben. „Erfolgserlebnisse fördern die Entwicklung. Kinder spüren, dass sie etwas aus eigener Kraft bewirken können“, beschreibt Schaper-Gerdes.
Statt jeden Schritt des Kindes zu loben, ist es angemessener, vor allem Anstrengungen und Bemühungen des Kindes zu würdigen. Auf diese Weise kann es lernen, die eigene Leistung einzuschätzen, sich selbst zu verstärken, Stolz zu empfinden und nicht vom Lob der Eltern abhängig zu werden.

Wilde Kerle zähmen und verstehen
Jedes Kind trotzt und will seinen Willen durchsetzen. Kindliche Agression ist bis zu einem gewissen Grad normal und ist ein wichtiger Meilenstein der Entwicklung. Schon mit Eineinhalb bis zwei Jahren beginnen Kleinkinder, Selbstvertrauen aufzubauen und „Nein“ zu sagen. Eltern sollten sich davon nicht aus dem Konzept bringen lassen und dem kindlichen Trotz mit einer großen Portion Gelassenheit begegenen.
Umso wichtiger ist es Schaper-Gerdes zufolge, von einem bestimmten Alter des Kindes an feste Regeln fürs Zusammenleben aufzustellen und das Kind möglichst dabei miteinzubeziehen. „Kinder sind agressiv, sie wollen ihren Platz finden. Durch Regeln lernen sie, aufeinander Rücksicht zu nehmen.“
Schaper-Gerdes wirbt dafür, sich in schwierige Kinder einzufühlen. Warum zeigt ein Kind agressives Verhalten? Warum hat es Probleme, sich in einer Gruppe zurechtzufinden? Was will es damit ausdrücken, welche Nöte hat es? „Oft hilft es Eltern sehr, sich in Krisensituationen diese Fragen zu stellen und die Bedürfnisse des Kindes wieder in den Fokus zu rücken.“ Dazu gehört auch, sich auf die Stärken des Kindes zu konzentrieren. Was gelingt meinem Sohn oder meiner Tochter? „Denn wenn Eltern ihrem Kind nicht vertrauen, wer soll es dann tun?“

Mama hat Rechte: Bedürfnisse achten
Eine Familie besteht aus vielen Persönlichkeiten mit ganz individuellen Bedürfnissen. Nur weil Eltern Verantwortung für ihr Kind haben, dürfen sie sich selbst nicht außer acht lassen. „Es ist okay, dass Eltern eigene Bedürfnisse haben“, sagt Schaper-Gerdes. Egal, ob ein ungestörtes Gespräch unter Erwachsenen oder der Wunsch, in Ruhe die Zeitung zu lesen: Kinder müssen lernen, zu warten, müssen lernen dass es mehrere Ichs in einer Familie gibt. „Eltern sollten ihre Zufriedenheit nicht ausschließlich aus der Beziehung zum Kind schöpfen. Sondern sich selbst als vollwertige Person spüren und sehen.“
Das bietet dem Kind gleich mehrere Lernchancen. Es merkt erstens: Ich kann nicht überall mitreden. Jetzt dreht sich nicht alles um mich. Und zweitens: Hat ein Kind eine Mutter, die auf sich achtet, lernt es, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Druck rausnehmen, um Rat fragen
Viele Eltern wollen in Sachen Erziehung alles perfekt machen, wollen das Allerbeste für ihr Kind und setzen sich damit unter enormen Leistungsdruck. Die Folge: Große Verunsicherung, die das Familienklima belastet. Einfach mal den Druck rausnehmen, empfiehlt Schaper-Gerdes erschöpften Eltern. „Der Wunsch, alles perfekt zu machen, ist verständlich, aber auch irrational. Manchmal reicht es schlicht, auf die eigene Intuition zu vertrauen.“
Der Pädagogin liegt am Herzen, Familien die Scheu davor zu nehmen, in Krisensituationen um Rat zu fragen. „Wir holen uns im Alltag für alles Hilfe, warum nicht auch für die Erziehung?“ Oft reiche schon das Gespräch mit einer Person, die nicht in den Konflikt involviert ist, um aus verfahrenen Situationen herauszufinden.

+++ Kontakt: Kinderschutzbund Schaumburg, (0 57 21) 7 24 74.

Von Katharina Grimpe

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