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Stimmen im Kopf

Thema des Tages Stimmen im Kopf

Reinhold Messner hörte die Stimmen seiner Freunde, wenn er in der dünnen Luft hoher Berge unterwegs war; eine Stimme war es, die dem Dichter Rainer Maria Rilke das berühmte Gedicht vom gefangenen Panther diktierte, und auch die gelehrte Nonne und Mystikerin Hildegard von Bingen erzählt, dass eine himmlische Stimme zu ihr sprach, die ihr dringlich befahl, ihre Worte aufzuzeichnen.

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Quelle: pr.

Von Cornelia Kurth

Ist aber ein „normaler“ Mensch vom „Stimmenhören“ betroffen, dann liegt die ärztliche Diagnose einer Schizophrenie meistens nicht fern. „Oder anders gesagt: Die Leute gelten als verrückt“, so Diplompsychologin Caroline von Taysen.

 „Stimmenhören“, also die Tatsache, dass man von einer Stimme oder gleich einem ganzen Chor angesprochen wird, ohne dass ein Sprecher wirklich gegenwärtig wäre, es ist ein Phänomen, von dem, so lauten die Schätzungen, insgesamt zwei bis fünf Prozent aller Menschen berichten können. In vielen Fällen greifen diese Stimmen bedrohlich, höchst störend und beängstigend in das Alltagsleben ein, häufig auch kommentieren sie einfach das, was man gerade tut, sie können auch trösten, Diskussionen anzetteln, manchen machen sie Mut, anderen raten sie zur Vorsicht. „Das Ganze ist eine in vieler Beziehung rätselhafte und gar nicht als einheitliches Phänomen zu definierende Sache“, erklärt Caroline von Taysen.

 Die Psychologin arbeitet im 1997 gegründeten „Netzwerk Stimmenhören“ und kommt heute als Referentin in den Hamelner Verein „Die Brücke“ zu einer Informationsveranstaltung für Stimmen hörende Menschen, deren Angehörige sowie Ärzte und Therapeuten. Von Beginn an, als sie begann, mit Betroffenen zusammenzuarbeiten, drängte sich ihr ein Grundproblem auf: Dass nämlich diejenigen, die mit ihren so realistisch wirkenden inneren Stimmen umgehen müssen, oft mit niemandem darüber sprechen können. „Das Thema ist tabuisiert“, sagt Caroline von Taysen. „Wer von seinem Problem erzählt, muss davon ausgehen, dass er von da an stigmatisiert ist. Und was die Ärzte betrifft, so wissen sie meistens so wenig über diese Wahrnehmungsstörung, dass ihre Haupttherapie auch dann in der Gabe von Medikamenten besteht, wenn diese gar nichts nützen.“

 Tatsächlich geht das Stimmenhören sehr oft mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie einher, oder umgekehrt gesagt: Ein großer Teil der an Schizophrenie erkrankten Menschen wird von Halluzinationen bedrängt, die sein gestörtes Verhältnis zur Realität charakterisieren und die dazu führen, dass er innerhalb einer psychiatrischen Behandlung auf stoffwechselregulierende Medikamente eingestellt werden muss. Wer Stimmen hört, die mit ihren Bemerkungen und Anweisungen, mit Lob, Tadel, Drohungen oder Beleidigungen in sein Alltagsleben eingreifen, der hat außerdem oft mit einem schweren Trauma zu kämpfen, das sich scheinbar nur ertragen lässt, wenn man fürchterliche Gefühle und Gedanken quasi aus dem eigenen Ich verbannt und anderen Persönlichkeiten zuordnet.

 Die Hamelnerin Christine Kernin (48), Arzthelferin und Gründerin einer Selbsthilfegruppe rund um psychotische Erkrankungen innerhalb des Vereins „Die Brücke“, wird heute Abend ihre Geschichte erzählen. Sie war um die 30 Jahre alt, als sie das erste Mal persönlich mit dem Phänomen des Stimmenhörens konfrontiert wurde. Es war eine Zeit, in der sich herausstellte, dass sie ihrer Vergangenheit nicht länger entkommen konnte, eine Kindheit, in der sie sexueller Gewalt ausgeliefert war, ohne dass das jemals wirklich zum Thema wurde.

 Ihre Mutter, ihre Freundinnen sprachen zu ihr, und immer drehten sich die Bemerkungen um einen sexuellen Missbrauch, dem sie sich einfach noch nicht stellen konnte und wollte. Schließlich wurde ihr von den Stimmen nahegelegt, dass in ihrer Nähe ein gefährlicher Nachbar lebe, der die Kinder der Umgebung vergewaltige, gegen den sie unbedingt etwas tun müsse. In der Psychiatrie, wo sie wegen akuter psychotischer Schübe behandelt wurde, nahm man den Inhalt der inneren Gespräche kaum ernst. Erst nach und nach, im Rahmen einer psychotherapeutischen Familienaufstellung, nahm die Erinnerung an das Verbrechen klare Formen an und - mindestens genau so schlimm - es wurde klar, dass ihre eigene Tochter fast dasselbe Schicksal durch ihren Vater Mann erleiden musste. „Dass ich nicht gemerkt hatte, was meinem Kind angetan wurde, obwohl es doch meine größte Angst war, dass, wenn ich mal ein Kind habe, es ebenfalls sexuell missbraucht werden könnte.“

 Die Stimmen, die zu Christine Kernin sprachen, hatten wirklich etwas mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Leben zu tun. „Das zu erkennen, ist der erste Schritt in die Richtung, mit den Stimmen umgehen zu können“, meint Psychologin Caroline von Taysen. „Oft liegt die Ursache für das Stimmenhören in der Kindheit, und oft machen wir in der therapeutischen Arbeit die Erfahrung, dass die Stimmen verstummen, wenn man sich dem verdrängten Geschehen stellen konnte.“ Einfach sei das nicht. Zunächst müsse es darum gehen, die Angst und Bedrohlichkeit, die von den Stimmen ausgehe, überhaupt erst mal in den Griff zu bekommen.

 „Man muss mit den Stimmen in Kontakt kommen, mit ihnen sprechen, sich die Chance erobern, auch mal Nein zu sagen, und sei es nur: Nein, jetzt nicht, heute Abend habe ich Zeit für dich oder für euch.“ Nach und nach käme man dann soweit, die Stimmen nicht als etwa Äußerliches zu betrachten, sondern als Teil des eigenen Ichs. „Man muss wagen - und das geht eigentlich nur mit therapeutischer Hilfe - Verantwortung für das zu übernehmen, was die Stimmen sagen, egal wie schrecklich es ist. Erst dann kann es gelingen, ihnen etwas entgegenzuhalten, nicht wie in einem Albtraum, sondern wie in einem echten inneren Dialog.“ So was müsse man immer und immer wieder üben und dabei konsequent bleiben wie gegenüber einem kleinen Kind. „Es ist dann nicht viel anders, als wenn man sich ein sinnloses Herumgrübeln, wie es wohl jeder kennt, einfach verbietet, indem man etwas Ablenkendes tut.“

 Dass das Stimmenhören nicht nur eine Belastung sein muss, nicht immer Ausdruck eines unbewältigten Traumas oder einer schizophrenen Psychose, das betont Caroline Taysen und bezieht sich dabei sowohl auf Klienten, mit denen sie es zu tun hat als auch auf eine neuere Strömung in der Psychiatrie, in der man das „nicht-krankhafte Stimmenhören“ diskutiert. Könnte das eigenartige Wahrnehmungsphänomen nicht im Zusammenhang stehen mit anderen Wahrnehmungsformen, wie Menschen sie etwa beim luziden Träumen machen, während einer Nahtod-Erfahrung und fast immer, wenn sie lange von einer lebendigen Umgebung isoliert sind? Haben nicht schon unzählige Menschen die Stimmen verstorbener Angehöriger gehört? Waren Hildegard von Bingen und Franz von Assisi verrückt oder einfach Persönlichkeiten mit äußerst lebhafter Einbildungskraft?

 Tatsache sei, so die Psychologin: Solange Stimmen, die in einem sprechen, nicht beleidigen, kränken, ständig dazwischenquatschen oder gar gefährliche Befehle erteilen, solange sei es oft auch ein gangbarer Weg, sich mit ihnen zu arrangieren. Das „Netzwerk Stimmenhören“, das inzwischen international tätig ist und demnächst erneut zu einer großen Konferenz nach Griechenland einlädt, es will durch die Kooperation zwischen Betroffenen, Ärzten und Psychologen dazu beitragen, dass Stimmen hörende nicht pauschal mit einer Schizophrenie-Diagnose belegt werden und die damit zusammengehenden Medikamente einnehmen müssen, deren Nebenwirkungen zu ertragen nur dann sinnvoll ist, wenn damit echte Psychosen behandelt werden.

 Christine Kernin war insgesamt acht Mal in psychiatrischer Behandlung. Es waren überwiegend schlimme Erfahrungen, sagt sie, wegen der Zeitnot der Ärzte, wegen des Konzeptes, mit an Psychosen erkrankten Patienten keine psychotherapeutischen Gespräche zu führen, wegen des Gefühls, rundherum entmündigt zu werden. Auf der anderen Seite helfen ihr bestimmte Neuroleptika, einen manischen Zustand, in dem die Stimmen Übermacht bekommen könnten, rechtzeitig einzudämmen. Seit vier Jahren fühlt sie sich wie befreit, und sie arbeitet an einem Buch, von dem sie sich erhofft, dass es zu mehr Aufklärung rund um den Umgang mit seelischen Problemen führt.

 „Man riskiert sehr viel, wenn man sich outet, vor den Freunden, der Familie, erst recht vor eher fremden Leuten“, sagt sie. „Gleichzeitig aber ist es wie ein Befreiungsschlag. Ich schäme mich nicht mehr und habe deshalb auch fast keine Angst mehr.“ Was sie sich wünscht: Dass noch viel mehr Angehörige von seelisch erkrankten oder belasteten Menschen sich an „Die Brücke“ wenden, deren Mitarbeiter seit 25 Jahren mit verschiedensten Angeboten das Ziel verfolgen, Unterstützung und Verständnis für Menschen mit seelischen Erkrankungen zu erreichen.

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