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Stumme Zeugen

Thema des Tages / Kreuzsteine Stumme Zeugen

Sie stehen am Straßenrand, vor Kirchen, gar mitten im Wald und lassen den Betrachter rätseln: Um Kreuzsteine und Steinkreuze ranken sich seit jeher Sagen und Legenden. Wo sie stehen, soll ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen sein. 13 jahrhundertealte Monumente gibt es in Schaumburg. Eine Tatortbegehung.

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Neu errichtet: der "Schwurstein" bei Messenkamp. nah

Von Bernd Althammer. Vor ein paar Wochen ist er noch von hohem Gras und Brombeerranken überwuchert gewesen. Dann rückte der Kreuzstein, der da bisher unbeachtet an der Landstraße zwischen Messenkamp und Hülsede stand, plötzlich in den Blick der Öffentlichkeit: „Das geht doch nicht“, erboste sich ein Anlieger, nachdem das jahrhundertealte Kulturdenkmal einfach von einem Fahrzeug umgewälzt wurde.

Es ist knapp 140 Jahre her, dass ein günstiges Schicksal das im Volksmund als „Schwurstein“ oder auch „Blutstein“ bekannte Monument vor dem endgültigen Untergang bewahrt hat. Bis dahin diente die schwere Platte als Bachsteg.

Einwohner Wilhelm Pook nahm sich des Steines an. Offenbar kannte er die Sage, die sich die Einwohner erzählten: Zwei Knechte sollen einst beim Pflügen in Streit geraten sein. Sie lösten die Pflugeisen und schlugen mit ihnen so lange aufeinander ein, bis sie beide tot umfielen. Am Fundort soll der Mahnstein errichtet worden sein. Auf beiden Seiten sind die eingemeißelten Konturen eines Kreuzes erkennbar, das auf einer Seite um ein Pflugeisen ergänzt wurde. Sein Verdienst um den Erhalt des Denkmals verspielte Pook gleich wieder. Denn er brachte über den historischen Zeichen die Jahreszahl 1875 an sowie seine Initialen K.W.P

Inzwischen hat der Bauhof der Samtgemeinde Rodenberg den Kreuzstein wieder ordnungsgemäß aufgerichtet. Und die Anwohner hoffen, dass nicht wieder ein großer Trecker- oder Lkw-Reifen das Ding umfährt.

An der viel befahrenen Bundesstraße 65 in Nienstädt steht an der Böschung zum Gewerbegebiet Schnatwinkel ebenfalls ein sagenumwobener Stein. Allerdings ist es nur noch eine Nachbildung, nachdem Frevler das historische Original im Jahr 2001 gestohlen hatten. Neben dem Kreuz zeigt es eine Schere, weil der Überlieferung nach am 4. Juni 1450 der Mecklenburger Schneider Kurt Bössow seinen Berufskollegen Heinrich Wulf in Notwehr erstochen haben soll. Wulf wollte den schlafenden Bössow berauben und stach auf ihn ein. Dieser wehrte sich und verletzte den Dieb tödlich mit der Schere.

Bössow wurde, wie es heißt, vom Klausner von St. Annen gesund gepflegt und stiftete Geld für das Denkmal. Das hatte die Jahrhunderte bis auf einige Blessuren an seiner Oberkante weitgehend unbeschadet überstanden – bis zum Dienstahl vor 14 Jahren. Nienstädter Heimatfreunde sorgten für Ersatz, auch wenn dieser nicht ganz dem zumindest auf Bildern erhaltenen Original entspricht.

Den Unterschied zwischen einem Kreuzstein und einem Steinkreuz (siehe Kasten) können Betrachter direkt an der Stadthäger Johanniskapelle ausmachen. Links vom Portal befindet sich das im Volksmund so bezeichnete „Mordkreuz“. Trotz starker Verwitterung ist gerade noch ein von einer Rille umgebenes breitrandiges Kruzifix zu entdecken. Das Steinkreuz auf der rechten Seite wird ebenfalls „Mordkreuz“ genannt und soll direkt an der Probsthäger Straße gestanden haben. Die Sage berichtet von einem tödlich endenden Streit zwischen einem Schneider und einem Schuhmacher.

Das Steinkreuz an der Lindhorster St.-Dionysius-Kirche ist ursprünglich auf Anordnung von Graf Otto IV. von Schaumburg auf dem Brink vor dem Kirchhof errichtet worden. Es trug zwei mit Eisenketten verbundene Schandsteine, die von Räubern und anderen überführten Schuldigen als Sühne getragen werden mussten. Die Steine sind nicht mehr vorhanden, der Kreuzstein wurde später direkt an die Wand des Gotteshauses versetzt, bis es um 1990 an seinen jetzigen Platz gelangte.

Von einem Kreuzstein im nahen Schöttlingen wusste der Heimatforscher Wilhelm Wiegmann anschaulich zu erzählen. So soll 1530 ein Bauer von seinem Knecht verlangt haben, ausgerechnet am Bartholomäus-Fest die Getreideernte einzufahren. Dieser weigerte sich, die Feiertagsruhe zu stören, sodass sein Herr selbst die Fuhre besorgen wollte. Doch beim Aufladen der ersten Garbe versank er mit lautem Donnerknall samt Gespann im Erdboden. Der zur Erinnerung errichtete Denkstein ging verloren. Ein ehemaliger Grenzstein mit preußischem Adler und Schaumburger Nesselblatt dient seither als Ersatz und Erinnerung und wird immer noch „Krützstein“ genannt.

Nur als Bild hat sich ein Scheibenkreuz erhalten, das ursprünglich am Maidamm zwischen Beckedorf und Horsten stand und 1935 an die Beckedorfer Kirche versetzt wurde. Nach Kriegsende wurde das Mahnmal für den Streit zweier Juden um einen Pfennig zusammen mit weiteren Grabmalen an heute unbekannter Stelle vergraben.

Das Verschwinden von Steinen ist kein Einzelfall. Flurnamen wie Kreuzkamp bei Bad Eilsen, Kreuzacker bei Steinbergen und Deckbergen lassen ehemalige Standorte vermuten. Ähnliches gilt für Hinweise im Möllenbecker Urkundenbuch für mehrere Ortschaften im Wesertal.

Anderswo wird den historischen Mahnmalen besondere Aufmerksamkeit zuteil. In Achum beispielsweise war der „Schneiderstein“ schon von der alliierten Besatzungsmacht beschlagnahmt und später bei Straßenbau und durch Bauschutt fast völlig verschüttet und beschädigt worden. 1965 kam der Stein zur Erinnerung an einen Streit zwischen einem Achumer Schneider und einem Leineweber aus Hannover zu neuen Ehren.

In Meerbeck hält sich hartnäckig die Geschichte, dass das heute an der Pfarrkirche aufgestellte Steinkreuz der Erinnerung an einen erschlagenen Juden dient. Allerdings: Gerade in Meerbeck wird deutlich, dass der aktuelle Standort eines Steines nicht identisch mit dessen ursprünglicher Stätte sein muss. Früher befand sich das Monument an der Landstraße in Richtung Hobbensen. Vor 1895 war es gar mitten in einem Acker zu sehen, an dessen Stelle sich vor mehr als 700 Jahren eine Gerichtsstätte samt Galgen befunden haben soll.

Einen ganz denkwürdigen Platz haben zwei Scheibenkreuze an der südseitigen Wand der Apelerner Archidiakonatskirche bekommen. Hoch über den Fenstern des Gotteshauses platziert, lassen die Abbildungen vermuten, dass sie dort zum Schutz vor der Witterung und vor Zerstörung eingemauert worden sind. Nur der Zeitpunkt ist unklar: schon beim Bau der Kirche im 14. Jahrhundert oder erst 200 Jahre später bei einer Umgestaltung der Fenster? Und wo haben sich die beiden Kreuzsteine wohl früher befunden? Dieses Rätsel bleibt jedoch ungeklärt.

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