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„Telefonseelsorge. Guten Abend“

Thema des Tages „Telefonseelsorge. Guten Abend“

Susanne L. atmet noch einmal durch, bevor sie den Hörer abnimmt. Ihre Nachtschicht in der Telefonseelsorge hat begonnen.

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Die Telefonseelsorge hört zu, wenn andere weghören.

Quelle: dpa

Sie ist 42 Jahre alt, geschieden, hat zwei Kinder und arbeitet normalerweise in einer Behörde. Seit zwei Jahren gehört sie zu den rund 8000 ehrenamtlichen Mitarbeitern in einer der 105 Telefonseelsorge-Stellen Deutschlands. Auch Susanne L. bleibt anonym, fast ebenso wie die Menschen, mit denen sie am Telefon spricht. Anonymität ist die Voraussetzung dafür, dass Vertrauen entsteht für ein Gespräch, wie es nur selten von Angesicht zu Angesicht möglich ist. Nur wenige nahe Freunde von Susanne L. wissen, dass sie in der Telefonseelsorge arbeitet.

„Ich weiß, wie wichtig diese Verschwiegenheit ist“, sagt sie. „Ich hatte ja selbst schon bei der Telefonseelsorge angerufen. Das wäre für mich unmöglich gewesen, wenn ich befürchtet hätte, dass da jemand sitzt, den ich kenne und der mich kennt.“ Damals war gerade ihre Familie auseinandergebrochen. Susanne L. litt unter dem Gefühl, diese Katastrophe sei ganz allein ihre Schuld. „Ich kam mir vor wie ein Mensch, mit dem es niemand auf Dauer aushält“, sagt sie. „Deshalb konnte ich auch mit niemandem darüber reden. Ich hatte Angst, selbst meine Freunde würden das genau so sehen.“ Auch sie also gehörte zu denjenigen, die mitten in der Nacht eine dieser Nummern wählen: (0800) 1110111 oder (0800) 1110222.

Am anderen Ende meldete sich eine Frauenstimme, mit denselben Worten, die auch Susanne L. sagt, wenn sie den Hörer abnimmt: „Telefonseelsorge. Guten Abend.“ Und ihr erging es nicht anders, als den meisten Menschen, mit denen sie nun spricht: „Ich musste gar nicht groß nach Worten suchen, keine Rechtfertigung, warum ich anrufe. Ich habe einfach erzählt, wie es um mich steht. Von meinem schlechten Gewissen. Von der Sorge um meine Kinder. Von der Angst, vor meiner Familie total versagt zu haben.“

Die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung blieb ganz ruhig, warf nur manchmal ein zum Weitersprechen ermunterndes Wort ein. Sagte schließlich: „Das ist bestimmt sehr schwer für Sie.“ Da habe sie weinen müssen, sagt Susanne S. – einfach so weinen. „Es ist was anderes, ob man für sich allein in sein Kopfkissen weint. Es ist auch was anderes, ob man in der Gegenwart von jemandem weint, der sich dadurch in die Enge getrieben fühlt, oder der nicht weiß, wie er einen trösten soll. Oder vor dem man sich schämt.“ Dieses Erlebnis, vor einem anderen einfach mal nur um sich selbst zu weinen, ohne daran denken zu müssen, wie sie auf den anderen wirkt, dieses eigenartig befreiende Gefühl, es war später, als es ihr wieder gut ging, der Auslöser dafür, dass sie sich für die einjährige Ausbildung zur ehrenamtlichen Telefonseelsorgerin bewarb.

„Es ist gar nicht mal so selten, dass einer unserer Mitarbeiter früher selbst Erfahrungen mit der Telefonseelsorge gemacht hat“, sagt Anke Meyer-Wenzel (57), seit 22 Jahren stellvertretende Leiterin der Telefonseelsorge Hannover. Bevor sie hauptamtliche Verantwortung in Hannover übernahm, war sie schon viele Jahre ehrenamtlich tätig gewesen, damals fasziniert von einem Zeitungsartikel, der eindrücklich die Telefonseelsorgearbeit beschrieb. „Sie suchten neue Mitarbeiter – das tun wir übrigens ständig –, denn es geht ja darum, rund um die Uhr ein offenes Ohr zur Verfügung zu stellen“, sagt sie.

Zwischen 25 und 65 Jahre alt sind die Telefonseelsorger. Sie kommen aus allen Berufen und müssen zunächst nichts anderes mitbringen als die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich vorurteilslos, aufgeschlossen und mit dem nötigen Verhältnis aus Nähe und Distanz auf Menschen in Krisensituationen einlassen zu können. Die eigentliche, fundierte Ausbildung dauert insgesamt ein Jahr und wird dann durch Fortbildungen und Supervisionen ergänzt. Wer sich darauf einlässt, wird nicht nur in psychologischer Gesprächsführung geschult, sondern lernt auch, seine eigene Rolle in den seelsorgerischen Gesprächen zu kontrollieren.

„Was man vor allem begreifen muss: Wir sind keine Berater, wie man sie in speziellen Beratungsstellen vor Ort findet“, so Anke Meyer-Wenzel. „Wir sind auch keine Problemlöser, die in einer Viertelstunde fremde Leben auf die Reihe bringen können. Wir sind in erster Linie lebens- und krisenerfahrene, bodenständige Menschen, die aufmerksam zuhören.“ Träger der bundesweit tätigen Telefonseelsorge sind die evangelische und die katholische Kirche. Seit 1997 übernimmt die Telekom sämtliche Gebühren.

Ursprünglich entstand die Idee der Telefonseelsorge in protestantischen Pfarrhäusern, erstmals 1892 in New York, später, in den 1950er Jahren, in England und Deutschland. Im Vordergrund dabei stand das Anliegen, akut suizidgefährdeten Menschen eine schnelle, vielleicht lebensrettende Anlaufstelle zu bieten. Die erste deutsche Telefonberatung nannte sich „Ärztliche Lebensmüdenbetreuung“. Diese Bezeichnung aber wurde schnell geändert.

„Das war auch gut so“, meint Anke Meyer-Wenzel. „Natürlich haben wir oft auch mit Menschen zu tun, die so verzweifelt sind, dass sie sich am liebsten das Leben nehmen wollen. Es rufen auch Menschen an, die psychisch krank sind und niemanden sonst mehr haben, der mit ihnen reden will.“ Insgesamt aber komme jedes nur denkbare menschliche Problem zur Sprache. „Kennt nicht jeder diese Situation, in der es so sinnlos erscheint, mit jemandem aus seiner Umgebung über die eigenen Schwierigkeiten zu reden? Wo man einfach keine ‚guten Ratschläge‘ mehr hören kann? Wo man Angst hat, als der ewig Schwache dazustehen und Anderen Macht über sich einzuräumen, weil man sich schwach zeigt?“

Susanne L. hat in ihrem Nachtdienst von Mitternacht bis um 6 Uhr morgens mit über 15 Menschen gesprochen. Einige davon waren einfach nur schlaflos und wollten eine menschliche Stimme hören. „Das ist völlig in Ordnung“, sagt sie. „Für einen Moment kann man dazu beitragen, dass jemand sich weniger einsam fühlt. Manchmal muss es gar kein konkreter Mensch sein, der ansprechbar ist, sondern es tröstet schon, dass es überhaupt noch mitfühlende Menschen gibt.“

Sie sprach auch mit einem Jungen, der sich vor der anstehenden Klassenarbeit fürchtete; mit einer Frau, die Angst davor hat, zum Arzt zu gehen und dabei zu erfahren, dass sie vielleicht Brustkrebs hat; mit zwei ziemlich betrunkenen, aber freundlichen Männern; mit einer Frau, deren Kind vor einigen Monaten starb und die nicht weiß, wie es mit ihrem Mann weitergehen soll. Eine alles in allem friedliche Nacht. „Manchmal lässt jemand seine Wut über die Ungerechtigkeit der ganzen Welt an uns aus“, sagt sie. „Aber ich kann auch das irgendwie verstehen. Ehrlich gesagt: Ich hatte Zeiten, in denen es in mir nicht viel anders aussah.“

Ihr geht es in den Gesprächen ähnlich, wie Anke Meyer-Wenzel es von sich und insgesamt von den Telefonseelsorge-Mitarbeitern beschreibt: „Die allermeisten Gespräche sind letztlich eine Sache auf Gegenseitigkeit“, sagt sie. „Was die Menschen so erzählen, wenn sie zuerst ganz verzweifelt sind und zum Schluss dann doch einen Dank aussprechen, vielleicht sogar lachen können, das freut einen selbst so sehr, das löst manchmal ein richtiges Glücksgefühl aus.“ Nicht immer freilich ist das der Fall. „Man legt den Hörer auf und weiß nicht, wie es weitergeht. Genau deshalb sind wir ja nicht allein, sondern eine große Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig unterstützen und Fachleute an unserer Seite haben.“

Dies ist ein Anruf, der auf keiner Telefonrechnung auftaucht. Er lässt sich nicht zurückverfolgen, wird nicht aufgezeichnet und niemand wird je wissen, wer genau am anderen Ende der Leitung sitzt. Es wird um Liebeskummer gehen oder um hoffnungslose Krankheit, um Streit in der Familie, Suizidgedanken, um das Gefühl, verrückt zu werden, vor Zorn zu zerspringen, vor Traurigkeit unterzugehen.  ck

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