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Temposündern auf der Spur

Tatort Autobahn Temposündern auf der Spur

Wer auf der Autobahn rast und drängelt, riskiert sein leben. Denn zu hohes Tempo gehört zu den häufigsten Ursachen für Unfälle mit Toten und Schwerverletzten. Um auf den Straßen für mehr Sicherheit zu sorgen, sind Polizisten der Polizeidirektion Hannover immer wieder mit einem zivilen Videomesswagen auch im Schaumburger Land unterwegs. Die SN haben sie begleitet.

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Tatort Autobahn: Volker Skerka (links) und Michael Henke sind in ihrem hochtechnisierten Auto Rasern auf der Spur.

Quelle: cap

Von Bernhard Herrmann

Ein schwarzer BMW vom Zentralen Verkehrsdienst der Polizeidirektion Hannover, besetzt mit zwei Polizeikommissaren in Freizeitkleidung, parkt um 7.30 Uhr vor der Wache der Autobahnpolizei an der A 2 bei Garbsen neben einem Streifenwagen.
Das Auto von Volker Skerka und Michael Henke ist voll mit komplizierter Technik: Die Videoanlage besteht aus zwei nicht von außen sichtbaren Kameras. Eine Digitalkamera ist neben dem Rückspiegel der Windschutzscheibe und eine links hinter der Heckscheibe montiert. Die Bilder werden auf einem Recorder im Kofferraum aufgezeichnet. Die Steuereinheit mit Mikrofon befindet sich am Beifahrersitz. Ein Farbmonitor, auf den auch alle Messwerte eingeblendet werden können, wurde mittig ins Armaturenbrett eingebaut. Die gesamte Messeinrichtung ist geeicht und wurde von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt abgenommen.
Neben der persönlichen Ausrüstung der Beamten im Kofferraum besitzt der Zivilwagen auch die typische Polizei-Ausstattung mit Martinshorn unter der Motorhaube und einem Magnet-Blaulicht für das Dach. Eine Anhaltekelle liegt unter dem Beifahrersitz griffbereit.
Als Reisende getarnt starten die Polizisten ihre Fahrt auf der A 2 in Richtung Schaumburg. „Der Polizeiwagen hat 250 PS und erreicht eine Geschwindigkeit jenseits der 250 Stundenkilometer“, schildert der 35-jährige Skerka, der am Steuer sitzt. Mit dem Auto können die Beamten auch rasende Motorräder verfolgen. Alle zwei Jahre müssen die Polizisten ihr Spezialtraining für hohe Geschwindigkeiten erneuern.
Die Verkehrsbeeinflussungsanlage an der A 2 hinter dem Rasthof Auetal zeigt in Richtung Bad Eilsen eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometer für alle drei Fahrstreifen an. Skerka fährt den Messwagen auf dem mittleren Fahrstreifen. Plötzlich rauscht ein schwarzer Audi A4 auf der Überholspur vorbei. Nun muss der 35-Jährige Gas geben, um hinterherzukommen.
Henke startet die Aufzeichnung und spricht zusätzlich alle Daten und Beobachtungen in das Mikrofon. Der Audi ist durchschnittlich mit 138,08 Stundenkilometern unterwegs. Von diesem Wert wird noch die vorgeschriebene gesetzliche Messtoleranz abgezogen. Unterm Strich bleibt ein vorwerfbarer Wert von 131 Stundenkilometern.
Skerka überholt den Audi – eine Frau sitzt hinter dem Steuer – und setzt sich davor. Parallel schaltet die Videoaufzeichnung auf die Heckkamera und Henke fährt die LED-Tafel in der Hutablage aus. „Polizei – Folgen“ steht in roten Lettern in der Heckscheibe. Die Fahrt geht gemächlich auf dem rechten Fahrstreifen weiter bis zur Abfahrt Bad Eilsen-Ost. Auf einem Pendler-Parkplatz an der Landesstraße 443 stoppen die Wagen. Henke geht an die Fahrertür, die Frau öffnet und der Beamte zeigt seinen Polizeidienstausweis. Skerka steht mit Abstand an der Beifahrertür und beobachtet die Szene. Die Beamten tragen für den Fall der Fälle ihre Schusswaffen verdeckt unter der Oberbekleidung.
Henke bittet die Frau, den Motor auszuschalten. Dann erläutert der Beamte der Autofahrerin, warum sie angehalten wurde und fordert sie auf, ihre Ausweispapiere, den Führerschein und den Fahrzeugschein zu zeigen.
Die Überprüfung ergibt, dass der Wagen auf eine Firma in Süddeutschland zugelassen ist, bei der die 27-Jährige auch beschäftigt ist. Ein großer Reisekoffer mit Flug-Label steht auf dem Rücksitz. Die Geschäftsfrau gibt an, vom Flughafen Hannover kommend auf dem Heimweg zu sein. Sie hätte das Tempo-Limit auf der A 2 nicht gesehen. Und es stellt sich heraus, dass die Autofahrerin keinen Führerschein dabei hat. Dass sie überhaupt eine Fahrerlaubnis besitzt, ergibt eine EDV-Abfrage im Lage- und Führungszentrum der Polizeidirektion.
Während Henke das Protokoll ausfüllt, zeigt Skerka der 27-Jährigen die Videoaufzeichnung mit den Schildern, an denen sie mit 31 Stundenkilometern zu schnell vorbeigefahren ist. Eher unbeeindruckt nimmt die Frau die Belehrungen des Beamten entgegen, bis sie dann Richtung Nordrhein-Westfalen weiterfahren darf. Von der Bußgeldstelle des Landkreises Schaumburg wird sie demnächst ein amtliches Schriftstück erhalten. Der Bußgeldbescheid wird laut Tatbestandskatalog auf 120 Euro plus Gebühren ausgestellt sein, die in der Kasse des Landkreises eingezahlt werden müssen. Außerdem bekommt sie einen Punkt beim Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg.
Wieder zurück auf der A 2 fahren die Beamten in Richtung Hannover. In einer Schleife geht es über die Autobahn 352 und die Anschlussstelle Langenhagen-Engelbostel in Richtung Hannover-Herrenhausen. Am Ende der A 352 wird die Geschwindigkeit auf Tempo 80 reduziert. Es gilt Überholverbot. Da überholt ein weißer VW Fox den schwarzen Polizeiwagen mit 118 Stundenkilometern. Mühelos folgt Skerka dem Auto, Henke startet die Aufzeichnung und spricht den Verstoß mit allen Daten auf das Videoband. Bei der Überprüfung des 19-jährigen Fahrers auf einem Parkplatz stellt sich heraus: Der Mann wollte eilig zur Schule fahren. Und dann kommt es ganz dick: Der Geschwindigkeitsverstoß wird mit 120 Euro und einem Punkt geahndet. Zusätzlich kostet das verbotene Überholen 70 Euro und einen weiteren Punkt. Unglücklicherweise besitzt der 19-Jährige nur den Führerschein auf Probe. Somit werden beide Ordnungswidrigkeiten zusammen als A-Verstoß gewertet. Das bedeutet, dass sich die Probezeit beim ersten Mal um zwei Jahre verlängert. Darüber hinaus wird die Region Hannover dem Schüler auferlegen, ein Aufbauseminar für Fahranfänger in einer Fahrschule zu besuchen, was ihn etwa 300 Euro kosten wird. Sichtlich betroffen fährt der Schüler zum Unterricht weiter.
Die Fahrt der Beamten geht über die A 2, die A 37 und weiter auf der Bundestraße 3 Richtung Celle. An einer Ampel in Ehlershausen fährt ein Motorrad mit einem Fahrer in blauweißer Bekleidung mit hoher Geschwindigkeit bei Grün stadteinwärts über die Kreuzung. Skerka zögert keinen Moment und nimmt sofort die Verfolgung auf. Henke setzt das Blaulicht durch die geöffnete Scheibe der Beifahrertür auf das Dach. Als das Motorrad auf der B 3 Höhe Otze eingeholt ist, fährt es immer noch mit 138 Stundenkilometern anstatt mit höchstens 100 Stundenkilometern. Der Zweiradfahrer wird überholt, das Schild „Polizei – Folgen“ klappt hoch und der Fahrer folgt artig über die nächste Abfahrt in eine Feldwegeinfahrt. Der 27-jährige Zweiradfahrer gibt gegenüber Henke an, dass er Polizeibeamter in Hannover sei, aber keinen Dienstausweis dabei hat. Das macht die beiden Beamten stutzig. Die Angaben des Mannes werden sofort überprüft. Und tatsächlich, der Mann ist Polizeibeamter und befindet sich auf dem Weg zum Dienst. Aber auch er wird 120 Euro an die Region Hannover zahlen müssen. Und in Flensburg wird auch ihm ein Punkt eingetragen.
Der zivile Polizeiwagen fährt über die A 2 zurück zur Wache der Autobahnpolizei. Wegen eines Staus vor Wunstorf ist bereits vor Garbsen die Geschwindigkeit auf Tempo 60 reduziert worden. Davon unbeeindruckt rauscht ein Porsche Cayenne mit polnischem Kennzeichen an dem Polizeiwagen vorbei. Vor der Wache der Autobahnpolizei wird ein Zwangsstopp angeordnet. Der Fahrer im Anzug ist ein 45-jähriger Geschäftsmann aus Polen. Er hat die Höchstgeschwindigkeit um 73 Stundenkilometer überschritten. Zur Entschuldigung bringt der Fahrer hervor, dass er es eilig hatte und nicht auf die Schilder geachtet habe. Dann wird es teuer. Über ein EC-Gerät und seine Kreditkarte werden 925 Euro von seinem Konto abgebucht. „Das funktioniert wie im Supermarkt“, erklärt Henke dem Autofahrer. Zusätzlich gibt es zwei Punkte in Flensburg und drei Monate Fahrverbot für Deutschland.
Die Beamten fahren zu ihrer Dienststelle zurück, um die insgesamt fünf Verkehrsverstöße des Tages auch für etwaige Einsprüche und Gerichtsverhandlungen aktenkundig zu machen und die aufgezeichneten Videos beizulegen. Die Polizeibeamten haben insgesamt 1475 Euro Bußgeld von den Autofahrern eingenommen, die an die Landkreise und Städte gehen, auf deren Gebiet sich die Verkehrsverstöße ereigneten.

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