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Therapeuten auf vier Pfoten

Thema des Tages: Therapie-Hunde Therapeuten auf vier Pfoten

Dass Tiere Menschen positiv beeinflussen können, selbst wenn es sich um „schwere Fälle“ handelt, ist bekannt. Delfin-Therapien zählen ebenso dazu wie der heilende Umgang mit Pferden. Im Stadthäger Kreisaltenzentrum arbeiten die Hunde Gina und Jule.

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Das „Hol’s Bällchen“-Spiel macht nicht nur den beiden Vierbeinern Spaß, sondern auch der im Alten- und Pflegeheim lebenden Seniorin. 

Quelle: mw

Von Michael Werk

Konzentriert fixieren Gina und Jule den kleinen, bunten Plastiktrichter, den eine ältere Dame in den Händen hält. Sie drückt eine Taste unten an dem eigentlich für Kinder gedachten Spielzeug, und mit einem lauten „Klack“ schießt ein blauer Plastikball in hohem Bogen durch den Raum. Die beiden Hunde flitzen hinterher. Einer von ihnen schnappt das runde Ding, bringt es zurück, und bei der Seniorin macht sich ein Lächeln auf dem Gesicht breit. Eine auf den ersten Blick ganz normale Alltagsszene. Was die Situation so besonders macht ist, dass Gina und Jule gerade einen harten Job in einem Alten- und Pflegeheim, dem Kreisaltenzentrum Stadthagen, erledigen: Die beiden Labradore sind Therapiehunde.

„Nur wenige Hunde sind für so eine Arbeit geeignet“, erklärt Halterin Ulrike Thiemann. Infrage hierfür kommen nämlich nur solche Exemplare, die über ein „extrem gelassenes Gemüt“ verfügen und denen es deswegen nichts ausmacht, von ihnen unbekannten Menschen auch mal ungeschickt bis ruppig angefasst zu werden. Auf plötzliches Geschrei oder andere irritierende Lautäußerungen, wie sie beispielsweise bei Kindern und geistig Behinderten, zwei anderen Zielgruppen, oftmals vorkommen, dürfen die Tiere ebenfalls nicht schreckhaft oder gar aggressiv reagieren. „Im Grunde genommen müssen sie alles über sich ergehen lassen“, fasst die Wiedensahlerin die Anforderungen an den Charakter von Therapiehunden zusammen.

Auch wenn das „Hol’s Bällchen“-Spiel mit der Heimbewohnerin und verschiedene Streichelszenen mit anderen Senioren nicht gerade den Eindruck erwecken, dass Gina und Jule dabei Stress empfinden, weiß Thiemann aus Erfahrung, dass dies Schwerstarbeit für ihre beiden Hunde ist: „Wenn es sehr anstrengende Leute sind, kann es sein, dass ich schon nach zehn Minuten woanders hingehen muss“, berichtet sie. Andernfalls bleibe sie mit den Tieren bis zu einer halben Stunde bei einer Person. Nach insgesamt einer Stunde in einem Altenheim seien die Hunde dann aber in jedem Fall „total platt“ angesichts der zahlreichen Eindrücke, die die Hunde in dieser Zeit verarbeiten müssen.

Es sind übrigens nicht nur solche verhältnismäßig noch recht mobilen Senioren, die die gelernte Kinderkrankenschwester mit ihren Therapiehunden in dem Altenheim besucht, sondern oftmals auch Menschen, die zum Beispiel aufgrund fortgeschrittener Demenz mit der Umwelt keinen Kontakt mehr aufnehmen und nur noch im Bett liegen. Gina und Jule gelinge es jedoch durchaus, diese Personen während der Therapiestunden ein Stück aus deren „geistiger Umnachtung“ herauszuholen, wenngleich es in der Regel nur kleine Reaktionen seien, die ihr zeigen, „dass diese Menschen positiv auf die Hunde reagieren“.

Bisweilen wirke der Kontakt zu den Tieren sogar nach, sodass beispielsweise eine Zeit lang weniger Schmerzmittel gegeben werden müssen oder ein erhöhter Bluthochdruck niedriger ist. Und darüber hinaus komme es vor, dass Menschen, die sonst nicht mehr reden, im Verlauf der Beschäftigung mit den Tieren plötzlich doch anfangen, von sich zu erzählen.

Warum dies alles so ist, vermag Ulrike Thiemann indes nicht zu sagen: „Das ist ein besonderes, ein unerklärliches Phänomen“, meint sie. Was sie dagegen begründen kann, ist, warum man für solche Zwecke besser einen entsprechend ausgebildeten Therapiehund statt eines bloßen „Besuchshundes“ einsetzen sollte:

„Der Vorteil eines Therapiehundes ist, dass dieser auf Herz und Nieren getestet worden ist“, betont die Hundefreundin. Dadurch sei sichergestellt, dass das Tier weder aggressiv, noch ängstlich und schreckhaft ist. Zudem sei neben dem Wesenstest auch die allgemeine Erziehung des Hundes inklusive einer fachkundigen Unterweisung des Halters Bestandteil der mehrmonatigen Ausbildung beim Deutschen Ausbildungsverein für Therapie- und Behindertenbegleithunde (DATB e.V.), die mit einer Prüfung abschließt. Korrekterweise weißt sie in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bislang nur die hellhaarige Gina die gesamte Ausbildung absolviert hat, während sich Jule derzeit noch in der Ausbildung befindet. Da Jule aber zumindest schon den Wesenstest bestanden hat, ist diese sozusagen als Praktikantin bei den Einsätzen mit dabei.

Diejenigen Hunderassen, aus denen Therapiehunde bevorzugt rekrutiert werden, sind übrigens Labrador, Golden Retriever und Australian Shepherd, führt die Wiedensahlerin weiter aus. Vertreter dieser Rassen entsprechen nach ihren Worten nicht nur vom Charakter her typischerweise dem Anforderungsprofil, sondern haben auch noch ein weiches und idealerweise helles Fell. Letzteres verleihe den Tieren eine „freundliche Erscheinung“ und sei mit ein Grund dafür, dass solche Hunde von vielen Menschen als friedlich eingestuft werden, sodass etwaige Berührungsängste schneller abgebaut werden oder gar nicht erst entstehen.

Dies sei insbesondere mit Blick auf die Zielgruppe Kinder ein gewichtiges Argument, sagt Thiemann. Etwa wenn es darum gehe, Schüler mit Leseschwäche zu fördern, denen schon die bloße Anwesenheit des naturgemäß ohne Kritik geduldig zuhörenden „besten Freundes des Menschen“ eine gewisse Ruhe vermittele. Ebenso bei autistischen Kindern, bei denen man erreichen könne, dass sie sich durch den Kontakt zu den Hunden der Umwelt gegenüber öffnen.

>> Informationen zum Thema gibt es auf den Homepages von Ulrike Thiemann (www.assybirte.de) sowie des Deutschen Ausbildungsvereins für Therapie- und Behindertenbegleithunde (www.davtb.de).

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