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Tiefe Traurigkeit

Thema des Tages Tiefe Traurigkeit

Jeder zwanzigste Berufstätige in Schaumburg nimmt Antidepressiva. Das geht aus einer Studie der Techniker Krankenkasse hervor. Damit liegt der Landkreis aber noch unter dem Landes- und Bundesdurchschnitt.

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Quelle: dpa / Techniker Krankenkasse

Thema des Tages. Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Traurigkeit: Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. In Schaumburg war statistisch gesehen jeder Berufstätige im Jahr 2013 mehr als einen halben Tag wegen der Diagnose Depression krankgeschrieben, jeder Zwanzigste hat Antidepressiva geschluckt. Das geht es aus einer Erhebung der Techniker Krankenkasse (TK) hervor. Damit liegt Schaumburg aber noch unter dem Landes- und Bundesdurchschnitt.

Für ihren aktuellen „Depressionsatlas“ hat die Krankenkasse die Daten ihrer mehr als vier Millionen Versicherten – darunter 405 000 Erwerbstätige aus Niedersachsen – analysiert und besorgniserregende Ergebnisse vorgelegt. Demnach entfällt auf jeden Berufstätigen in Deutschland ein Krankheitstag wegen einer Depression. Der exakte Wert liegt bei 1,04 Tagen.

In Niedersachsen mussten die Berufstätigen durchschnittlich 0,96 Tage zu Hause bleiben. Für Schaumburg fällt die Statistik noch vergleichsweise gut aus: Im Landkreis waren die Erwerbstätigen 0,68 Tage wegen der Diagnose Depression krankgeschrieben.

Medikamente gegen die Erkrankung nehmen im Schaumburger Land genau 5,48 Prozent der arbeitenden Bevölkerung, auch damit liegt der Kreis unter dem Bundesdurchschnitt von 5,97 Prozent.

Was den Statistikern in ihrer aktuellen Studie auffiel: In Niedersachsen gibt es erhebliche regionale Unterschiede. Während die Einwohner des Landkreises Cloppenburg mit einer Depression durchschnittlich nur 0,61 Tage arbeitsunfähig waren, lag die Quote im Kreis Lüchow-Dannenberg mit 2,36 Tagen mehr als dreimal so hoch.

Landesweit waren etwa 6200 der TK-Versicherten depressionsbedingt krankgeschrieben, das sind 1,52 Prozent. Anders als bei Erkältungen oder Rückenleiden sind bei Depressionen zwar deutlich weniger Menschen betroffen. Aber die, die es trifft, fallen mit durchschnittlich 64 Tagen sehr lange aus, erklärt TK-Sprecherin Inken Holldorf. Depressionen seien eine langwierige Erkrankung für die Patienten, und für die Betriebe mit hohen Ausfallzeiten verbunden.

„Betriebswirtschaftlich gesehen bedeutet das beispielsweise für ein Unternehmen mit 250 Mitarbeitern, dass bei einer Quote von 1,52 Prozent durchschnittlich vier Beschäftigte gut zwei Monate im Jahr fehlen. Berücksichtigt man noch den Urlaubsanspruch, bleibt also mindestens ein Arbeitsplatz aufgrund von Depressionen unbesetzt“, erklärt Holldorf.

Die meisten Fehlzeiten gebe es bei Beschäftigten in Call-Centern sowie in der Altenpflege, in Erziehungs- und Sicherheitsberufen. Vor allem Beschäftigte im gesundheitlichen und sozialen Bereich seien deutlich stärker von Depressionen betroffen als Menschen, die einen technischen oder akademischen Beruf ausüben.

Da jedoch nicht jeder, der unter einer Depression leidet, krankgeschrieben wird, hat die TK auch die Antidepressiva-Verordnungen ihrer Versicherten ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass auch in Regionen mit unterdurchschnittlichen depressionsbedingten Fehlzeiten relativ oft Antidepressiva verordnet werden. So hätten im Kreis Cloppenburg 5,75 Prozent der Erwerbspersonen Antidepressiva bekommen. Dort liegt die Quote sogar über dem niedersächsischen Durchschnitt von 5,71 Prozent.

Im bundesweiten Vergleich hat Hamburg mit 1,42 Tagen die höchsten Fehlzeiten aufgrund von Depressionen. Auch in Schleswig-Holstein und Berlin lag der Anteil der Krankgeschriebenen über dem Bundesdurchschnitt. kcg

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind betroffen

Immer häufiger stellen Ärzte bei Kindern und Jugendlichen eine Depression fest. „Es gibt eine deutliche Zunahme der Diagnosen“, sagt Anette Rendslob, Chefärztin der Fachklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrie Wunstorf.

Zwei bis vier Prozent der Kinder im Grundschulalter sind betroffen, bei Jugendlichen sind es 14 Prozen – fast so viel wie bei Erwachsenen mit 20 Prozent, teilt auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) mit. Symptome sind oft grundlose Bauchschmerzen, große Müdigkeit und Agressionen.

Die Gründe für die gestiegene Zahl der erkrankten Kinder und Jugendliche sind Rendslob zufolge vielfältig. „Es fällt vielen Familien leichter, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Außerdem schauen Eltern und Lehrer genauer hin, sind aufmerksamer.“ Allerdings würden auch die immer instabiler werdenden Familienstrukturen die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen belasten.

Als weitere Gründe nennt die Fachärztin schulische Überforderung sowie Mobbing in Schule oder sozialen Netzwerken. „Aber auch frühkindliche Missbrauchs- und Gewalterfahrungen sind Belastungsfaktoren.“ Diese traumatischen Erfahrungen steigern das Risiko, an Depressionen zu erkanken, erklärt Rendslob.

Die Behandlungsmöglichkeiten von betroffenen Mädchen und Jungen sind vielfältig und abhängig vom Schweregrad der Depression. Medikamente sollen dabei nur zurückhaltend eingesetzt werden, sagt die Medizinerin. Bei leichten depressiven Episoden reiche mitunter aus, den jungen Patienten und dessen Eltern über die Krankheit und mögliche Belastungsfaktoren aufzuklären, die bestehenden Probleme auszuräumen und das Kind durch Stärkung und Beratung wieder auf den Weg zu bringen.

Sei die Depression stärker, komme eine Kombination aus Psychotherapie und im Notfall auch Medikamenten in Frage, immer vor dem Hintergrund, dass Eltern und auch Schule intensiv beraten werden. Schafft es das Kind nicht mehr, den Schulalltag zu meistern, könne die Behandlung in einer Tagesklinik sinnvoll sein. Beim einem besonderen Schweregrad und tiefgehenden Problemen im Elternhaus sei eine stationäre Behandlung angeraten. kcg

Vier Fragen an

Detlef Dietrich , Ärztlicher Direktor und Leitender Arzt der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Burghof-Klinik Rinteln. Dietrich ist seit 2004 Repräsentant der European Depression Association für Deutschland.

Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Depression, nur zehn Prozent von ihnen werden wirksam und ausreichend lange behandelt. Woran scheitert die Versorgung vieler Patienten?
Das hat unterschiedliche Gründe. Ein Drittel der Erkrankten findet gar nicht erst den Weg zum Arzt. Zum einen, weil sich depressive Erkrankungen häufig nach und nach entwickeln, so dass viele Betroffene erst spät bemerken, dass sie depressiv sind. Zum anderen gehören Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug zu den Symptomen einer Depression, da fällt der Arztbesuch sehr schwer.

Wenn ein Betroffener sich an einen Arzt wendet, stehen nicht selten körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen im Fokus und die depressive Symptomatik rückt in den Hintergrund. Depressionen sind dann auch für den Behandelnden schwer zu diagnostizieren.

Ist die Diagnose Depression gestellt, werden vielfache Möglichkeiten der Behandlung oft nicht ganz ausgeschöpft. Das kann zum Beispiel daran liegen, dass der Patient einer Behandlung gegenüber skeptisch eingestellt ist oder nicht die Geduld für eine längerfristige Psychotherapie und Behandlung mit Medikamenten mitbringt. Es gibt zahlreiche Therapiemöglichkeiten, die individuell zwischen Arzt und Patient abgestimmt werden müssen. Dieser Prozess kann langwierig sein.
Wie sieht denn eine optimale Behandlung von Menschen mit Depressionen aus?
In der Regel ist je nach Schweregrad der Depression die Kombination einer medikamentösen und einer Psychotherapie am besten geeignet. Je nach Form der Depression sind auch spezifische Verfahren wie z.B. Lichttherapie bei saisonaler Depression sinnvoll. Depressionen sind gut behandelbar.

Was sind die Symptome einer Depression?
Hauptsymptome sind eine gedrückte Grundstimmung, Antriebslosigkeit, Interessen- und Freudlosigkeit. Dazu können Beschwerden wie Schlafstörungen, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Appetitmangel und negative Gedanken bis hin zu Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken kommen.
Manche Patienten warten oft viele Wochen auf einen Therapieplatz. Gibt es in Schaumburg ausreichend Psychotherapeuten?
In der Akutsituation ist zumeist eine psychiatrische Diagnostik und Behandlung beim Haus- oder Facharzt hilfreich und zeitnah möglich. Die Wartezeit für eine ambulante Psychotherapie im engeren Sinne ist als Problem erkannt, und man versucht derzeit, die Rahmenbedingungen zu verändern, damit es gelingt, Patienten schneller eine ambulante Psychotherapie anzubieten.

Für akute Krisensituationen sind die psychiatrischen Kliniken und Notdienste eine Anlaufstelle. kcg

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