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Ungewisse Zukunft

Thema des Tages Ungewisse Zukunft

Vor zwei Jahren hat Heinz Menneking in seinem Gasthaus das letzte Bier gezapft. Im Mai ist der Wirt gestorben. Seitdem verwahrlost der ehemalige Dorfmittelpunkt von Rosenthal, dem Gebäude am Fuße der Schaumburg drohen Verkauf und Abriss. Die Geschichte eines Hauses, das Pension, Herberge für verletzte Soldaten, und schließlichTreffpunkt für die vielen Vereine in der Region war.

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Unkraut wuchert auf dem Grundstück, niemand kümmert sich. Der einstige Dorfmittelpunkt von Rosenthal, das Gasthaus Menneking, verwahrlost. Der letzte Betreiber, Heinz Menneking, starb am 23. Mai im Alter von 82 Jahren. Die letzten zwei Jahre hatte er die Gaststätte nicht mehr geöffnet, 2013 das Gewerbe abgemeldet. „Ich bin traurig, dass es das Gasthaus nicht mehr gibt“, spricht Horst Hartmann vielen älteren Einwohnern aus der Seele. Was die Zukunft bringt, ist ungewiss. Verkauf und Abriss sind am wahrscheinlichsten.
Aktuell ist ein Testamentsvollstrecker damit beauftragt, entweder das schon vor vielen Jahren aufgesetzte Testament zu erfüllen oder das Grundstück noch zu Geld zu machen. Alleinerbe ist der Sohn Mennekings, der allerdings unter Betreuung steht und bei der Lebenshilfe in Rinteln lebt. „Das Verfahren ist gerade erst angelaufen“, teilt der rechtliche Betreuer des Sohns, Ralph Krüger Kosmalla vom Stadthäger betreuungsverein Bubis, mit.
„In ruhigster Lage am Waldrand direkt am Fuße der Schaumburg gelegen. Freundliche Fremdenzimmer, alle an der Sonnenseite, mit herrlichem Ausblick auf Wald und ins liebliche Wesertal. Helle große Aufenthaltsräume, Gastwirtschaft und Liegewiese. Bestempfohlene Familienpension. Gute und reichliche Verpflegung zu soliden Preisen. Eigene Landwirtschaft.“ So warb das Gast- und Pensionshaus Friedrich Menneking noch in den sechziger Jahren mit Prospekten um Feriengäste. Aus Hamburg, Bremen, Berlin und dem Ruhrgebiet kamen damals Sommerfrischler, die in dem damaligen Luftkurort ihren Lungen Erholung von den Umweltbelastungen der industriellen Ballungsgebiete gönnten. Frauen aus dem Ort kochten, putzten die Zimmer, der Laden lief.
20 Zimmer mit 40 Betten gab es Anfang der siebziger Jahre. Zeitweise mussten Pensionsgäste in benachbarten Häusern untergebracht werden. Im Laufe der Zeit nahm der Fremdenverkehr aber ab, schon 1975 stellten die Eheleute Menneking den Pensionsbetrieb ein.
Ein Blick in die Geschichte: Anfang 1904 hatte der Maurer Friedrich Menneking beim Landratsamt in Rinteln die Gaststättenerlaubnis für zwei kleine Räume im seinem Haus Rosental Nr. 4 beantragt. Eröffnung war am 1. August 1904, Menneking führte die Gaststätte nebenberuflich. Sein Sohn Friedrich übernahm mit seiner Ehefrau Marie 1930 die Gaststätte und errichtete als weiteren Betriebszweig eine Pension. 1937 gab es 20 Betten, die Übernachtung kostete mit Vollpension drei bis 3,50 Reichsmark, eine Bahnfahrt von Hamburg nach Hessisch Oldendorf damals etwa 17 Reichsmark.
In den Kriegsjahren diente das Gasthaus auch der Kinderlandverschickung von Hannover. Der Saal wurde später zum Behelfsverbandsplatz, in den Fremdenzimmern wurden die behandelten Soldaten untergebracht. Dann wurde er Sammelstelle für im Nahbereich gefallene Soldaten. Im Juni 1946 waren in den Pensionsräumen vorübergehend 120 Vertriebene unterbracht. Der Saal war Massenquartier, in den Zimmern kam je eine Familie unter.
Nach der Währungsreform wurde der Pensionsbetrieb wieder aufgenommen. Die Nachfrage war groß. 1950 haben die Inhaber den Saal vergrößert und neue Toiletten eingebaut. 1956 wurde die Gaststätte erweitert. In dem Saal, der als Ess- und Gemeinschaftsraum diente, hat es nach der Währungsreform auch Wanderkinovorstellungen gegeben. Die örtlichen Vereine nutzten den Saal für ihre Veranstaltungen. 1988 übernahm Heinz Menneking den Gaststättenbetrieb.
Lebhafte Erinnerungen an die Gaststätte hat zum Beispiel Horst Hartmann vom früheren Gemischten Chor Frohsinn, später Verein Frohsinn: „Wir haben im Saal geprobt, Theater gespielt, gemütliche Abende verbracht und in den fünfziger Jahren Karneval gefeiert, lange bevor es in Rinteln losging. Einmal im Jahr gaben wir dort ein Konzert, hielten jährlich unsere Weihnachtsfeier im Saal ab. Es war immer sehr gemütlich, und nicht nur ich habe dort meine Hochzeit gefeiert.“
Karl-Heinz Heisterhagen vom Mandolinenklub Rosental erinnert sich: „Da haben wir Theater gespielt und ich habe zum ersten Mal als Solist mit der Mandoline auf der Bühne gestanden.“
Ulrich Kipp denkt ebenfalls gern an den Karneval zurück: „Sonnabendabends feierten die Erwachsenen in Kostümen, sonntags waren wir Kinder dran. Wir mussten uns mit unserer Verkleidung auf einen Tisch stellen und bekamen dann ein Geschenk. Ich war einmal als Förster verkleidet dabei.“
Heinrich Bredemeier, Ortsbrandmeister der Feuerwehr Schaumburg von 1984 bis 2008, kannte die Familie Menneking schon in Kindertagen: „Touristen kamen zuerst mit der Bahn nach Deckbergen und dann mit der Kutsche, später mit Autos, da war viel Leben im Dorf. Nach dem Feuerwehrdienst sind wir immer noch auf ein Bier zu Mennekings, wir waren als Gruppe auch zur Goldenen Hochzeit von Friedrich und Marie eingeladen. Im März hatten wir dort immer Jahreshauptversammlung, im Januar Kameradschaftsabend mit warmem Essen und Tanz zur Musik einer Kapelle. Bis zu 130 Personen waren dabei. Die Gaststätte gehörte zum Dorfleben einfach dazu. Da war immer Klönschnack, heute bietet das keine Gaststätte im Ort mehr. Ein neuer Besitzer könnte aber wegen der behördlichen Auflagen nicht mehr einfach so weitermachen. Und der Pensionsbetrieb endete damals relativ schnell nach der letzten Erweiterung, weil es Toiletten und Bad nur auf der Etage gab. Das war Mitte der siebziger Jahre nicht mehr zeitgemäß.“
Bredemeiers Ehefrau Brigitte arbeitete als Jugendliche in Küche und Pension, feierte später dort viele Feste und meint heute: „Das war der Mittelpunkt des dörflichen Lebens, bis die alte Schule zum Dorfgemeinschaftshaus umgewandelt wurde.“ Diese Umwandlung erfolgte 1981, die Schulräume wurden ab 1977 nicht mehr benötigt.
Übrigens hatte das Gasthaus auch einen großen Außenbereich, wo die Gäste ihr Bier trinken konnten, lange bevor die Biergartentradition aus Bayern nach Norddeutschland hinaufschwappte.
Zuletzt war nur noch zweimal die Woche geöffnet – für Stammgäste an der Theke und an drei Tischen. Der Wirt, scherzhaft „Eule“ genannt, diskutierte mit den Gästen über Politik und Schlager, alte Zeiten und Meinungen lebten auf bei einem „gepflegten und wohl temperierten Pils“, wie Volker Buck sich erinnert. „Eule“ habe eine gewisse Altersweisheit ausgestrahlt. Und der Gang zur Toilette über den seit Jahren verwaisten Saal war wie die Besichtigung eines Denkmals. Bernd Pietzka kehrte dort mit Buck öfters ein und erinnert sich an die vielen Eulenfiguren an den Wänden, gesammelt vom Wirt.
Mancher Schaumburger findet in seinen älteren Fotoalben noch Aufnahmen von Festen bei Mennekings. kein Wunder, denn zwei Häuser weiter wohnte der Fotografenmeister Siegfried Gutermann, der viele Erinnerungen an Feiern im Bilde festhielt. Aber auch Gutermanns damaliges Wohnhaus verfällt.

Von Dietrich Lange

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