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Untermieter mit Bleiberecht

Thema des Tages Untermieter mit Bleiberecht

Im Frühjahr entbrennt in vielen Gärten ein erbitterter Nachbarschaftsstreit. Doch während der tierische Mietnomade ungeniert das Grundstück verwüstet, sind dem Eigentümer die Hände gebunden. Der Gartenbesitzer hat kein Kündigungsrecht, auch wenn der Maulwurf noch so dreist die Beete umpflügt. Der Buddler steht unter Schutz, bei Zwangsräumung des Maulwurfhügels droht eine Geldstrafe.

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Quelle: dpa

Hobbygärtner fürchten ihn ebenso wie Fußballspieler: Der Maulwurf macht sich durch sein natürliches Verhalten wenig Freunde. Dabei sind die von ihm aufgeworfenen Erdhügel nur die Spitze des Eisberges, wie auch Dieter Kellermeier feststellen musste. „Das Ärgerliche ist, dass der Boden uneben wird, weil die von ihm gegrabenen Gänge einsacken“, klagt der Vorsitzende des Stadthäger Gartenbauvereins sein Leid.

Um sein weit verzweigtes unterirdisches Jagdrevier von bis zu 3 000 Quadratmetern zu graben, nutzt der Maulwurf seine schaufelartigen Vorderbeine. Mit ihnen kann er Erdmassen vom bis zu 20-Fachen seines eigenen Körpergewichts bewegen, informiert der Nabu auf seiner Internetseite.

Dank des milden und trockenen Winters erfreuen sich die Tiere in diesem Jahr bester Gesundheit und sind voller Tatendrang. „Maulwürfe mögen es nicht, wenn ihre Bauten nach einer Schneeschmelze absaufen. Das hat es in diesem Winter aber nicht gegeben. Deshalb sind die Tiere bereits seit Januar sehr aktiv dabei, unseren Schaugarten umzupflügen“, berichtet Kellermeier.

Für passionierte Hobbygärtner dürfte es ein schwacher Trost sein, dass die Anwesenheit eines Maulwurfes nach Angaben des Nabu auf einen gesunden Boden schließen lässt. Außerdem trägt seine Buddelaktivität zur Auflockerung des Bodens bei. Schäden an Salatwurzeln, Möhren, Kartoffeln oder den mit Liebe gesäten Kräutern kann man dem Buddler dagegen nicht in Rechnung stellen. Denn der Fleischfresser verschmäht vegetarische Kost. Regenwürmer, Raupen, Schnecken, Engerlinge und andere Insektenlarven stehen ebenso auf seinem Speiseplan wie Spinnen und Mäuse. Dabei hat der Maulwurf einen gesunden Appetit: Die Tagesration an Insekten, Regenwürmern und anderen Kleintieren entspricht in etwa seinem eigenen Körpergewicht, also bis zu 100 Gramm. Pro Jahr vertilgt ein einziger Maulwurf locker bis zu 37 Kilogramm Futtertiere.

Allerdings hat Kellermeier festgestellt, dass Maulwurfbauten ungebetene Nachmieter anziehen. „Wühlmäuse sind zu faul, um selbst zu buddeln. Dafür nutzen sie gerne bereits vorhandene Tunnel. Mit ihren spitzen Zähnen setzen sie sich gegen Maulwürfe durch.“ Und dann ist das Malheur umso größer. Denn im Gegensatz zu ihren Vormietern haben es die Wühlmäuse durchaus auf die geliebten Schätze der Gartenbesitzer abgesehen. „Die fressen das Obst von den Bäumen, auch auf Möhren und Kartoffeln haben sie es abgesehen“, klagt Kellermeier.

Der Präsident des Stadthäger Gartenbauvereins weiß auch kein probates Mittel gegen den Maulwurf. Vergrämen lasse sich der Säuger nicht wirklich. „Dann geht er zum Nachbarn und kommt oft nach kurzer Zeit wieder.“ Zumal das Vergrämen ebenso wie das Töten nach Angaben des Landkreises verboten ist. „Der Maulwurf ist durch das Bundesnaturschutzgesetz geschützt. Für Vergrämungsmaßnahmen ist eine Genehmigung erforderlich“, informiert Martina Engelking, Leiterin des Naturschutzamtes.

Allerdings dürfe nicht jeder Hobbygärtner den Maulwurf von seinem Grundstück vertreiben. „Einen Antrag können nur öffentliche Träger wie eine Stadt stellen. Bevor wir die Genehmigung erteilen, prüfen wir, ob ein Extremfall vorliegt.“ Vor allem für die Befreiung der Sportplätze stellen nach Angaben von Engelking Städte und Gemeinden einen entsprechenden Antrag. Dies komme aber höchst selten vor, durchschnittlich einmal pro Jahr.

Ungeachtet dessen empfiehlt der Nabu auf seiner Internetseite Vergrämungsmaßnahmen für Hobbygärtner. Dort heißt es: „Schlägt man Holzpfähle in die Erdhaufen und klopft oft und regelmäßig dagegen, sodass dem kleinen Kerl die empfindlichen Ohren dröhnen, sucht er alsbald das Weite. Auch ein Sud aus Lebensbaumnadeln, Holunder oder Knoblauch, in kleineren Mengen in die Gänge geträufelt, soll helfen.“

Im Raiffeisenmarkt in Stadthagen gibt es Calciumcarbid zu kaufen. Das Gas soll dafür sorgen, dass der Maulwurf das Weite sucht. Der Erfolg hänge aber vom jeweiligen Tier ab, heißt es auf Nachfrage. Auch Geruchsstäbchen auf Lavendelbasis sollen helfen, eine Erfolgsgarantie gebe es aber ebenso wenig wie beim sogenannten Wühlmaus-Schreck, mit dem der Boden in Schwingungen versetzt wird. Überhaupt sei das ein sensibles Thema, betont Marktleiter Jörg-Peter de Vijlder. „Der Maulwurf steht ja unter Naturschutz. Ich kann aber auch verstehen, wenn Kleingärtner etwas dagegen tun wollen.“

Dieter Kellermeier hat die Erfahrung gemacht, dass nur die Zwangsräumung des Maulwurfbaus für Ruhe im Erdreich sorgt. Lebendfallen führt der Raiffeisenmarkt jedoch bisher noch nicht. De Vijlder hat sich allerdings ein Exemplar bestellt, „um mir das mal anzuschauen“.

Die Dunkelziffer der Maulwurf-Vergehen dürfte relativ hoch sein. Das räumt auch Engelking ein. „Wo kein Kläger, auch kein Richter. Selbst wenn es zur Anzeige kommt, ist es schwierig, das Vergehen auch nachzuweisen. Es liegt in der Regel kein toter Maulwurf neben dem Hügel. Wir können nur an die Menschen appellieren, sich an die Vorschrift zu halten. Mit Sanktionen kommt man dem Problem nicht bei.“

Für Aufsehen hat allerdings der Prozess gegen einen Rentner aus Ostwestfalen gesorgt. Der 75-Jährige saß auf der Anklagebank, weil er einen Maulwurf mit einem mit Nägeln gespickten Holzstiel getötet haben soll. Angezeigt hatte ihn sein Mieter, der ihn bei der Tat beobachtet haben will.

Das Amtsgericht Detmold hatte den Rentner zu einer Geldbuße von 1500 Euro verurteilt. In zweiter Instanz reduzierte das Landgericht Paderborn die Strafe auf 250 Euro – aus Mangel an Beweisen.

Daher sollten sich Hobbygärtner dreimal überlegen, bevor sie zu rabiaten Maßnahmen gegen den ungeliebten Untermieter greifen. Nach Beobachtungen von Dieter Kellermeier ist der größte Spuk sowieso bald vorbei. „Bis zum Frühjahr sind die Maulwürfe sehr rege, danach lässt ihre Aktivität erst einmal nach. Im Herbst geht es dann wieder los.“  ber

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