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Verloren in der Welt der Zahlen

Thema des Tages Verloren in der Welt der Zahlen

Gestern haben wir es noch geübt. So schwer ist es doch nicht. Weißt du nicht mehr? Also noch mal: Fünf plus sieben sind wie viel? Manche Eltern scheitern daran, ihren Kindern die Mathe-Hausaufgaben verständlich zu machen. Dass hinter diesem Unverständnis für Zahlen jedoch weitaus mehr liegen kann, wissen die wenigsten.

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Thema des Tages. Dieses fehlende Vorstellungsvermögen für Zahlen und Mengen hat nichts mit Unwillen oder gar Dummheit der Kinder zu tun. So wie es eine Lese- und Rechtschreibschwäche gibt, gibt es diese Schwäche auch für die Welt der Zahlen: Dyskalkulie – Rechenschwäche.

Betroffenen Kindern fehlt das Grundverständnis für die Mathematik. „Es ist, als ob es bei den Kindern keinen fruchtbaren Boden für Zahlen gibt“, erklärt Christina Krauel-Hill. In ihrer Praxis für Mathematisches Lernen betreut sie derzeit 20 Schüler, die von dieser Schwäche betroffen sind.

Warum manchen Kindern das Verständnis für Mathematik fehlt, ist weitestgehend noch nicht erforscht. Sicher ist nur: Es muss etwas mit der Verarbeitung im Hirn zu tun haben. Das Kind schafft es nicht, die Verknüpfung zwischen Zahlen und dem System hinter den Zahlen zu verstehen. Natürlich hat nicht jedes Kind, dass in Mathe eine schlechte Note schreibt, Dyskalkulie.

„Zählen ist ein wesentliches Merkmal von Dyskalkulie“, so die Diplompädagogin. Besonders das verfestigte Abzählen an den Fingern in den höheren Klassen sei dabei typisch. Krauel-Hill betreut derzeit eine Siebtklässlerin, die bei Rechenaufgaben noch immer alles an den Fingern abzählt.

Bei manchen Kindern wird die Rechenschwäche erst spät festgestellt. Sie schlängeln sich irgendwie durch den Unterricht, mit Hängen und Würgen und immensem Aufwand. Denn es wird einfach alles auswendig gelernt. „Die Kinder wissen, dass vier plus vier acht ist. Aber nur, weil sie es auswendig gelernt haben. Das Wissen können sie aber nicht übertragen. Frage ich, wie viel vier plus fünf ist, geht das Abzählen los“, erklärt Krauel-Hill.

Meist fallen die Probleme der Kinder jedoch schon in der Grundschule auf. Nach Meinung der Pädagogin könnte das allerdings noch wesentlich früher geschehen. „Mit ganz einfachen Aufgaben wie: ,Ich habe fünf Bonbons und gebe dir eines dazu. Hast du nun mehr oder weniger?‘ Solche Tests können schon im letzten Jahr des Kindergartens gemacht werden.“ Denn bei Dyskalkulie fehlt den Kindern meist das Verständnis der Menge. Mehr oder weniger Bonbons? Keine Ahnung.

„Spätestens, wenn es in der Schule beim Zehner-Übergang schwierig wird, werden die meisten Eltern hellhörig“, so Krauel-Hill. Dann sei es ganz wichtig, die Kinder nicht als dumm abzustempeln, sondern der Ursache der Schwierigkeiten auf den Grund zu gehen.

So hat es auch Familie P. aus der Nähe von Hameln gemacht. „In der ersten Klasse haben wir gemerkt: Es klappt nichts.“ Das einfache Einmaleins? Ein großes Problem für den mittlerweile zehnjährigen Sohn der Familie. „Auch so scheinbar einfache Sachen wie: ,Du hast fünf Euro, etwas kostet drei Euro. Wie viel bekommst du wieder?‘ klappten nicht“, so der Vater des Jungen. Da die Eltern jedoch zuvor schon von Dyskalkulie gehört hatten, ließen sie ihren Sohn untersuchen, die Diagnose stand schnell fest.

„Seit uns klar war, dass es Dyskalkulie ist, fiel erst mal auf, was alles nicht klappt“, so der Vater. Seit der ersten Klasse ist der Junge mittlerweile bei Krauel-Hill in Behandlung. „Und es ist deutlich besser geworden“, stellt der Vater fest. Heute ärgert er sich, dass die Schwäche seines Sohnes nicht schon früher festgestellt wurde. „Dann hätten wir ihn noch früher und besser fördern können“, bedauert Herr P.

Diese Förderung übernimmt Krauel-Hill in ihrer Praxis. Dort wird aber nicht etwa pausenlos gebüffelt oder es werden Mathe-Hausaufgaben gemacht. „Wenn die Kinder zu mir kommen, muss ich erst mal feststellen, auf welchem Stand sie sind“, so die Diplompädagogin. Was geht? Was geht nicht? Was versteht das Kind? Was für ein Lerntyp ist das Kind? Bei ihrer Arbeit geht die vom Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie ausgezeichnete Pädagogin an das Grundlagenverständnis der Kinder heran.

Das geschieht zum Beispiel mit dem Heidelberger Rechentest. Dabei werden elementare Rechenleistungen überprüft. Plus- und Minusrechnen, Malnehmen, geteilt rechnen. Wichtig sei dabei auch, mit den Kindern zu reden. „Was hast du dir dabei gedacht? Wie kommst du zu diesem Ergebnis?“, fragt Krauel-Hill die Schüler dann. Auf diesem Wege kann sie den Gedankengang der Kinder nachvollziehen und sehen, wo ihr Verständnisproblem liegt.

„Ein Fehler, den ich immer wieder sehe: 21 minus 19 gleich 18“, so Krauel-Hill. Die Kinder verstehen nicht, dass, zieht man von 21 eine recht große Menge, wie 19 ab, automatisch nur eine kleine Menge bleiben kann. „Sie rechnen zwei minus eins, wollen dann eins minus neun rechnen, merken, das geht nicht und rechnen stattdessen neun minus eins. Ihr Ergebnis ist dann 18.“ Kinder mit Dyskalkulie haben also durchaus Teile des Systems verstanden, wenden diese aber falsch an oder machen es sich unnötig kompliziert.

„Die Kinder lernen isoliert. Die verstehen nicht, dass diese Zahlen, die sie da lernen, auch angewendet werden können“, weiß Krauel-Hill. Mit Dyskalkulie sind vier, sieben, neun und andere Zahlen inhaltsleere Symbole, die irgendwie miteinander  kombiniert werden können.

Warum die Kombination dieses Ergebnis ergibt? Tja, das ist die Frage. Ohne dieses grundlegende Wissen ist es den Kindern schier unmöglich, neu erlerntes mathematisches Wissen zu verinnerlichen und zu behalten. Fast ist es wie bei einem spannenden Film: Hat man den Anfang verpasst, versteht man auch den Rest nicht mehr so wirklich. Man gibt auf und schaltet ab.

„Daher ist es ganz wichtig, dass die Schwäche der Kinder in der Schule frühzeitig erkannt wird“, weiß die 45-jährige Pädagogin. „Wenn Kinder zu mir kommen, die mittlerweile in der siebten Klasse sind, aber noch immer alles an den Fingern abzählen, die grundlegende Dinge nicht verstanden haben,  da  frage  ich  mich:  Wie hast du es bis in die siebte Klasse geschafft? Wo war da der Lehrer?“

Krauel-Hill betont, dass sie keinesfalls Lehrer anprangern will. „Es muss aber einfach mehr Bewusstsein für diese Schwäche geschaffen werden.“

Schüler, bei denen Dyskalkulie diagnostiziert wurde, können in der Schule durchaus Unterstützung erhalten. Auch der Sohn der Familie P. darf bei Klassenarbeiten Hilfsmittel nutzen. „Es gibt einen Nachteilsausgleich. Die Kinder erhalten bei Klassenarbeiten mehr Zeit oder weniger Aufgaben“, zählt Krauel-Hill weitere Möglichkeiten auf. Eines der Kinder ihrer Praxis bekommt jede Aufgabe auf einem einzelnen Zettel. „Ist eine Aufgabe gelöst, geht er zum Lehrer und holt sich die nächste Seite.“

So würden wesentlich weniger Reize auf den Jungen eingehen, die Überforderung sich in Grenzen halten. „Und es hilft dem Jungen supergut“, freut sich die Pädagogin. An dieser Stelle sei jedoch die Mitarbeit des Lehrers elementar. Krauel-Hill: „Einige Schulen hier in Hameln arbeiten da wirklich gut mit, andere so gar nicht.“ Eltern, die ihr Kind unterstützen wollen, rät sie: „Es ist wichtig, dass das Kind seelisch ausgeglichen ist. Man muss den Druck rausnehmen.“

Die Schwäche des Kindes darf keinesfalls das Hauptgesprächsthema sein. Auch grenzenloses Üben ist nicht förderlich. „Wenn das Kind dann mal eine Drei mit nach Hause bringt, ist das doch toll. Dann darf keinesfalls gesagt werden, dass das ja auch eine Zwei hätte werden können.“

Eine bestimmte Ursache für Dyskalkulie gibt es nicht. „Es ist immer ein Ursachengeflecht“, so Krauel-Hill. Früher arbeitete sie mit erwachsenen Patienten, die nach einem Schlaganfall eine Rechenschwäche zeigten. Kinder haben in der Regel keinen Schlaganfall, bei ihnen kommen andere Faktoren zusammen. „Bei manchen ist zusätzlich zur Rechenschwäche die Aufmerksamkeit gestört, viele Kinder haben auch ADHS oder ADS, auch ein häufiger Schul- oder Lehrerwechsel kann Dyskalkulie begünstigen.“

Auffällig sei auch, dass besonders früh geborene Kinder oft von Dyskalkulie betroffen seien. „Ich kenne eine Gruppe von Frühchen-Eltern, die sich auch Jahre später noch treffen. Viele der Kinder haben diagnostizierte Dyskalkulie“, weiß die Diplompädagogin. Das Unverständnis für Zahlen muss also etwas mit der Entwicklung spezieller Hirnbereiche zu tun haben. Auch der Sohn der Familie P. kam zur früh zur Welt.

Dyskalkulie ist von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit anerkannt: „Ich kenne aber keine Krankenkasse, die die Behandlung bezahlt“, so Krauel-Hill. Das Jugendamt übernimmt die Bezahlung erst, wenn diagnostiziert wird, dass eine seelische Behinderung des Kindes droht.

„Dafür kommt auch extra jemand vom Jugendamt vorbei, um das zu überprüfen“, kann Herr P. aus eigener Erfahrung berichten. Natürlich steht es Eltern auch frei, die Behandlung ihres Kindes aus eigener Tasche zu bezahlen. Laut Krauel-Hill ist es jedoch nicht von Vorteil, dass die Behandlung des Kindes vom Geldbeutel der Eltern abhängig ist.

Von Svenja-A. Möller

Phänomene der Rechenschwäche

Räumliche Beziehungen werden nur recht unregelmäßig korrekt erfasst und benannt – sehr häufig wird rechts/links, oben/unten, hinten/vorn verwechselt?

Begriffe wie mehr/weniger, das Doppelte/die Hälfte, ein Teil, aber auch Begriffe wie länger/kürzer, schwerer/leichter, schneller/langsamer, früher/später werden recht häufig verwechselt?

Muss selbst bei kleineren Mengen fast immer abgezählt werden?

Löst das Kind Addition/Subtraktion fast ausschließlich durch Abzählen und verrechnet sich dabei häufig auch mal „um eins“?

Die Zahlen werden „nach Gehör“ falsch geschrieben. Zum Beispiel bei der 43 erst die 3 und dann die 4, also 34; oder 20030 statt 230?

Kommt die Antwort bei 30+6 schnell, aber 6+30 dauert sehr lange?

Fantasierergebnisse wie 100+100=1000 werden nicht angezweifelt?

Gibt es größere Schwierigkeiten, mit Geldbeträgen umzugehen, beispielsweise Wechselgeld nachzuprüfen?

Hilft Üben wirklich dauerhaft, oder ist fast alles, was der Betroffene gestern noch „konnte“, heute wieder wie weggeblasen?

Werden auf „gut Glück“ Rechenwege ausprobiert, weil der richtige nicht erkannt wird? r

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