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Verlorene Kinder

Thema des Tages Verlorene Kinder

Sie sind billig, manipulierbar und furchtlos. Überall auf der Welt halten Kriegsherren Kinder für hervorragende Soldaten. Schätzungen zufolge werden weltweit mindestens 300.000 Jungen und Mädchen zum Töten gezwungen. Einer von ihnen war Junior Nzita. Der 31-Jährige hat in Stadthagen über seine Zeit als Kindersoldat im kongolesischen Bürgerkrieg berichtet.

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von Katharina Grimpe. Schon sein schwarzes T-Shirt, das er über dem weißen Hemd trägt, ist ein Statement: „Kinder, keine Soldaten“, steht da in dicken weißen Lettern auf Französisch. Mit ruhigen Gesten und wohl formulierten Worten erzählt Junior Nzita an diesem Vormittag Stadthäger Schülern von seinem zehn Jahre währenden Leid als Kindersoldat. Doch gelegentlich verrät ein Blick, ein Räuspern und Zögern, dass er sein Trauma noch lange nicht verarbeitet hat. Nein, leicht fällt ihm dieser Vortrag in der IGS-Oberstufe in Stadthagen nicht. Manche Fragen könne er einfach nicht beantworten, dafür fehle ihm noch die Kraft, erklärt der 31-Jährige den aufmerksam zuhörenden Jugendlichen.

Nzita, 1984 in der Provinz Nord-Kivu an der Ostgrenze der Demokratischen Republik Kongo geboren, ist eines von Hunderttausenden Kindern weltweit, die mit Waffen ausgestattet in den Krieg geschickt wurden. Allein in Kongo kämpften in der blutigsten Phase des Bürgerkrieges etwa 30 000 Kindersoldaten. Heute werden nach Schätzungen der Unicef 300 000 Jungen und Mädchen in mindestens 18 Ländern – darunter Afghanistan, Syrien, Irak, Mali und Somalia – zum Töten und Foltern missbraucht. Sie werden entführt oder mit falschen Versprechungen gelockt, um dann an vorderster Front in den Einsatz geschickt zu werden.

Warum gerade Kinder? „Sie sind billiger als Erwachsene, sie fordern keinen Sold und widersprechen ihren Befehlshabern nicht“, erklärt Nzita. Sie seien leicht zu manipulieren und könnten als effektive Tötungsmaschinen eingesetzt werden.

Es war an einem Tag im November 1996, als sich Nzitas Leben schlagartig änderte. Der Zwölfjährige stand noch am Beginn seiner Schulausbildung in einem Internat in Kiondo, als Milizen der kongolesischen Befreiungsarmee AFDL die Schule überfielen, die Kinder entführten und in ein Ausbildungslager brachten. Was er dort erlebte, hätte er sich „vorher nie im Leben vorstellen können“, schreibt er in seinem Buch.

Einem Initiationsritus gleich wurden die verängstigten und geschockten Kinder aufgefordert, sich mit einer Rasierklinge den Kopf kahl zu scheren. „Das war ein Symbol dafür, dass unsere Kindheit unwiederbringlich vorbei ist.“

Das Ausbildungscamp sei keine Militärakademie gewesen, sondern eine Schule der Gewalt, in der die Kinder nur eines lernen sollten: Töten, Zerstören, Vergewaltigen. „Die Liebe wurde uns ausgetrieben, wir wurden entmenschlicht, empfanden keine Achtung mehr vor Menschenrechten“, schildert der 31-Jährige eindringlich. Flüchten war keine Option. Denn jeder Versuch, die Armee zu verlassen, wurde mit dem Tod bestraft. „Wir mussten auf die eigenen Kameraden schießen.“ Und auf die eigene Familie, auf die Dorfgemeinschaft. Damit wurde den jungen Soldaten klar gemacht, dass sie keine Heimat mehr haben, nicht mehr zurück können.

Nzita gehörte zu den Truppen von Laurent Kabila, der Diktator Mobutu Sese Seko 1997 in einem blutigen Bürgerkrieg stürzte und ein ebenso korruptes Regime einsetzte. Mit drastischen Worten beschreibt der 31-Jährige den Moment, in dem er den feindlichen Truppen zum ersten Mal gegenüberstand. „Als ich realisierte, dass einer der Feinde fiel, getroffen von meinem Schuss aus meinem Gewehr. Dann ging es los, es war alles wie ein Spiel. Die Regel war ganz simpel: Es ging darum zu töten, um nicht getötet zu werden.“

Was folgte, waren zehn Jahre exzessive Gewalterfahrungen. Viele seiner Freunde starben, zahlreiche Menschen verloren durch seine Hand das Leben. Nzita selbst sehnte sich in dieser Zeit immer wieder nach einem normalen Leben als Schulkind, danach, mit seinen Freunden Murmeln zu spielen, mit einem Mädchen zu tanzen, von den Eltern umsorgt zu werden. „Mein schwerster Tag als Kindersoldat: Ich sah gleichaltrige Kinder, wie sie an der Hand der Eltern zur Schule gingen. Da wusste ich, dass ich von dieser Welt ausgeschlossen bin. Ich war herausgerissen aus der süßen Kindheit.“

Junior Nzita

Junior Nzita, 1984 geboren und 1996 von kongolesischen Rebellen entführt, will ehemalige Kindersoldaten nicht sich selbst überlassen. Die Aufarbeitung der im Krieg erlittenen Traumata sei Voraussetzung für ein gewaltfreies Leben in der Zivilgesellschaft. Sein Buch "Wenn ich mein Leben als Kindersoldat erzählen könnte", ISBN 978-3-906821-01-6, ist für 15 Euro zu haben. Zehn Euro gehen direkt an die Organisation "Paix pour l'enfance".

Nzita überlebte den Bürgerkrieg. 2006 wurde er im Rahmen des Demobilisierungsprogramms der Unicef und der kongolesischen Regierungsbehörde Conadur aus der Armee befreit. Ein Ehepaar kümmerte sich um ihn, er machte sein Abitur, gründete die Organisation „Paix pour l’enfance“ (Frieden für die Kindheit) und schrieb seine schrecklichen Erinnerungen im Buch „Wenn ich mein Leben als Kindersoldat erzählen könnte“ nieder.

Um die Öffentlichkeit auf das Schicksal der Kindersoldaten aufmerksam zu machen, reist Nzita nun durch seine Heimat und durch Europa. Er tritt in Schulen auf, liest aus seinem Buch. Sein Ziel: Vor allem junge Leute aufzurütteln und zu sensibilisieren. Sein eigenes Leben soll als Argument dienen, Jugendliche vom Wert des Friedens zu überzeugen, erklärt er. Er sieht sich als Botschafter einer Welt ohne gewaltsame Auseinandersetzung und vor allem einer Welt ohne Waffen. „Denn gekämpft haben wir mit euren Waffen“, sagt Nzita in der IGS.

Deutschland gilt als weltweit drittgrößter Waffenexporteur. Vor allem leicht zu bedienende Kleinwaffen – meist illegal in die Krisenländer gebracht – fördere die Rekrutierung von Kindersoldaten, kritisiert die Unicef und fordert einen generellen Stopp von Exporten in Krisenregionen. Nzita will Deutschland nicht anklagen oder beschuldigen, erklärt er. Aber es sei nicht zu leugnen, dass Pistolen und Gewehre in westlichen Ländern hergestellt werden und auf illegalen Wegen nach Afrika gelangen. Das treibe ihn an, sich besonders dort zu engagieren, wo Waffen produziert werden.

Es gibt noch einen anderen Aspekt, auf den der junge Mann aufmerksam machen will. Für viele Kindersoldaten ist der Leidensweg nach der Befreiung aus der Armee nicht beendet. Sie finden keinen Platz in der Gesellschaft, bleiben Ausgestoßene und versinken in Drogen und Kriminalität. Das Leben im Krieg hat tiefe Spuren hinterlassen, psychische und physische. Doch die fundamentale Traumatisierung der Jungen und Mädchen werde in den internationalen Demobilisierungsprogrammen nicht ausreichend berücksichtigt, betont Nzita. Das hat er am eigenen Leib erfahren. Noch immer, neun Jahre nach seiner Demobilisierung, leidet er unter seinen Erlebnissen, konnte nur zwei Stunden in der Nacht schlafen, aus Angst, wieder in den Krieg geschickt zu werden. Erst jetzt, nach einer Therapie in der Schweiz, findet er die Ruhe für fünf Stunden Schlaf am Stück.

Die Bewältigung der Traumata durch psychologische Betreuung sei unerlässlich, um Kindersoldaten auf ein ziviles Leben vorzubereiten, schreibt der Kongolese in seinem Buch. Die Kinder müssten lernen, sich anders als mit Waffengewalt auszudrücken.

Um diese Lücke zwischen Demobilisierung und Integration in die Zivilgesellschaft zu schließen, initiierte Nzita gemeinsam mit dem Schweizer Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes und dem Psychologen David Niyonzima ein Projekt, um den Austausch über erfolgreiche Methoden zur Traumabewältigung zu verbessern: die „Trauma Healing and Creative Coalition“.

Besonders stolz ist der 31-Jährige auf seine Organisation „Paix pour l’enfance“. Seit 2011 kümmert er sich gemeinsam mit 13 ehrenamtlichen Mitarbeitern um 140 Kinder, die durch den Bürgerkrieg zu Waisen geworden sind oder als Kindersoldaten nachhaltig traumatisiert wurden. Dafür hat er die Jungen und Mädchen auf einem Gelände in Kinshasa mit Frauen zusammengebracht, die ebenfalls ihre Familie im Krieg verloren haben, und die den Kindern nun ein Zuhause geben.

Die Kinder können zur Schule gehen und werden dort entsprechend ihren Bedürfnissen betreut und gefördert. Nach ihrem Schulabschluss ermöglicht die Organisation ihnen eine Ausbildung, um als Erwachsene auf eigenen Beinen stehen zu können. Ergänzt wird das Angebot durch Seminare zur gewaltfreien Konfliktlösung. Damit will Nzita auch dem großen Problem Kongos gegensteuern: Es fehlen Fachkräfte, vor allem Handwerker werden dringend im Land benötigt. Und er will die jungen Leute dazu ermuntern, im eigenen Land zu bleiben, statt nach Europa auszuwandern. „Wir Afrikaner müssen selbst Afrika entwickeln, durch unsere Arbeit.“

Sein Problem: Weil keine kongolesische Organisation „Paix pour l’enfance“ monetär unterstütze, werde die Finanzierung aus dem Ausland immer wichtiger. Bisher sammelt Nzita Geld durch den Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten und den Vertrieb seines Buches, das im Herbst auch auf Deutsch erschienen ist. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Irgendwann, so hofft er, kann er nicht nur seine Organisation erhalten, sondern eine Traumaklinik aufbauen, in der ehemalige Kindersoldaten die Chance auf ein normales Leben bekommen.

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