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Thema des Tages Von Bürgern für Bürger

Ein Bäcker, ein Schlachter, eine Dorfkneipe und manchmal sogar ein kleiner Supermarkt: Damit waren bis in die siebziger Jahre viele Dörfer bestückt. Dann kam das große Sterben. Zuletzt in Wiedensahl, wo Ende März mit dem Markant Markt der letzte Einzelhändler im Dorf dicht machen wird.

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Im Flegesser Süntellädchen ist Matthias Lindemann im Einsatz: Er berät Kundin Beatrix Nehmann bei der Auswahl der zahlreichen regionalen Waren und Bio-Produkte.

Quelle: doro

Doch es gibt Alternativen. Findet sich kein mutiger Unternehmer für den Nahversorger im Dorf, entschließen sich immer öfter die Dorfbewohner selbst, einen Laden zu eröffnen. Beispiele gibt es in den Nachbarlandkreisen Hameln-Pyrmont und Nienburg. Ein Blick hinter die Ladentheke.

In Flegessen kann man heute wahrscheinlich besser einkaufen als früher. Gemeinsam mit Klein Süntel und Hasperde hat das Dorf im Januar den Titel „kerniges Dorf“ bekommen – unter anderem, weil es in Flegessen nun das Süntellädchen gibt. In dem Neubau aus Stroh und Lehm im Herzen des Dorfes, ein Ortsteil von Bad Münder, gibt es rund 1200 hochwertige Produkte. Vieles stammt direkt aus der Region: Obst, Gemüse, Milch, Käse und Honig. So weit so gut. Denn das Besondere am Süntellädchen ist weniger die Vielfalt und Qualität der angebotenen Waren als vielmehr die Art und Weise, wie der Laden betrieben wird: von den Dorfbewohnern selbst.

Während früher fast jeder kleine Ort auf dem Land eine eigene Schule, ein Gasthaus, eine Post oder einen Tante-Emma-Laden hatte, zieht sich der Einzelhandel zunehmend aus den Dörfern zurück. Auch in Schaumburg. Alteingesessene Ladenbesitzer geben aus Altersgründen auf und finden keinen Nachfolger, die Geschäfte laufen schlechter, gleichzeitig wächst die Konkurrenz durch die Discounter. Zuletzt hat Markant-Markt-Betreiber Christian Steuber angekündigt, seinen Supermarkt in Wiedensahl zum 1. April zu schließen. Der Grund: sinkende Kunden- und Umsatzzahlen.
Mit jeder Ladenschließung verschlechtert sich jedoch die Nahversorgung im Ort, die Lebensqualität der Bewohner nimmt ab, die Menschen ziehen weg. Antworten auf diese Entwicklung können Engagement und Eigeninitiative der Dorfbewohner sein, die es mit guten Ideen schaffen können, ihren Ort vor dem Aussterben zu bewahren. Wie in Flegessen.

Zunächst waren es einige Freunde, die 2010 einen kleinen, aber feinen Dorfladen als Einkaufsgemeinschaft gründeten. Der Wunsch nach einem größeren Nahversorger entstand bei der „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ im Jahr 2012: Als die Schule im Dorf geschlossen werden sollte, fanden sich ungefähr 120 Leute zusammen und fingen an, darüber nachzudenken, wie sie die Lebensqualität in ihrem Dorf bewahren können. Ergebnis waren mehr als 80 Projektideen, 20 davon sind bereits umgesetzt, unter anderem das Süntellädchen.

Für den haben 300 Einwohner eine Mini-GmbH gegründet, ein Grundstück gekauft und 2015 den Laden gebaut. Zusätzlich zu den Waren aus der Region gibt es viele Bio-Produkte. Das Angebot im Süntellädchen ist günstiger als das vieler anderer Bioläden. „Das können wir nur, weil wir ehrenamtlich arbeiten und keinen Gewinn machen wollen“, sagt Henning Austmann, einer der vielen Dorfladen-Gründer. Außerdem zahlen die Mitglieder im Dorfladen-Verein einen monatlichen Beitrag von zehn Euro und dürfen im Gegenzug günstiger einkaufen.

Wenn Austmann erzählt, wie alles begann und was das Engagement mit dem Dorf gemacht hat, könnte man meinen, dass Sozialismus doch funktioniert. Rund 80 Mitglieder schmeißen den Laden, einen Chef gibt es nicht, „es funktioniert alles basisdemokratisch“, sagt Austmann. Und so soll es bleiben. Damit die Lust nicht verloren geht. Gerade für die Älteren sei die Arbeit ein Pluspunkt, sie seien wieder ins Dorfleben integriert. Damit alles rund läuft, sind drei von zehn Organisatoren ausschließlich damit beschäftigt, den Einsatzplan zu koordinieren. Pro Tag liegt der Umsatz bei 750 Euro, 50 bis 60 Kunden kommen, davon sind 80 Prozent Mitglieder.

Und kann der Laden auch ein Katalysator für eine Ernährungswende hin zur regionalen Bio-Küche sein? „Wir wollen hier nicht dogmatisch oder belehrend sein. Unser gemeinsamer Nenner war und ist ein Dorfladen mit hochwertigen, aber günstigen Lebensmitteln. Viele Bewohner unserer drei Dörfer lassen sich darauf ein – das freut alle Beteiligten“, sagt Austmann. „Ich würde einfach sagen, wir sind eine außergewöhnliche Ansammlung von engagierten Menschen, das Ganze ist von unten gewachsen.“

Das Süntellädchen ist nur ein Beispiel von vielen, das eine Trendwende auf dem Land andeuten könnte. Die Mini-Läden in den Dörfern organisieren sich zunehmend und auf ganz unterschiedliche Weise. Es sind zwar noch relativ wenige – rund 200 soll es in der gesamten Republik geben – doch, die Zahl steigt. Oft werden sie von Seiteneinsteigern geführt, nicht selten tun sich die Dörfler zusammen.
Ein weiteres Beispiel findet sich knapp zehn Kilometer jenseits der nördlichen Grenze Schaumburgs. Im Dörfchen Leese im Landkreis Nienburg betreiben engagierte Einwohner seit einem Jahr den Dorfladen und schließen mit ihrer Initiative eine Versorgungslücke: Als 2013 der letzte Lebensmittelmarkt dicht machte, kümmerte sich der Gemeinderat um die Frage, wie die Nahversorgung im 1600-Einwohner-Ort künftig gesichert werden soll. Obwohl Leese mit Bäckereien, Fleischergeschäften, einem Restaurant, Gasthäusern und einem Imbiss noch relativ gut versorgt ist, erklärten 80 Prozent der Leeser, die sich in einer Bürgerbefragung zu Wort gemeldet hatten, dass sie sich eine Verbesserung der Nahversorgung wünschen.

Ein Arbeitskreis übernahm die Aufgabe zu prüfen, was für die Gründung eines Dorfladens nötig ist. Das Ergebnis: Die Bürger sammelten 40.000 Euro Eigenkapital in Anteilszeichnungen, gründeten einen Verein und suchten eine geeignete Immobilie. Ihr Ziel: einen Dorfmittelpunkt zu schaffen mit Bürgertreff, Café und Supermarkt. Eröffnung des 140 Quadratmeter großen, selbstverwalteten Ladens war im Februar 2015.

Von Dorothee Balzereit und Katharina Grimpe

Zahlen und Fakten

  •  Die Zahl der kleinen Lebensmittel-Einzelhändler hat sich von 2000 bis 2007 um 17.000 Geschäfte auf 28.900 Läden (minus 37 Prozent) reduziert. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Discounter von 12.970 auf 14.806 und die Zahl der Verbrauchermärkte von 2363 auf 3150. Die Zahl der Verkaufsstellen im Lebensmittel-Einzelhandel ist in den vergangenen vier Jahrzehnten von 160.000 Geschäften (um 1970) auf unter 39.000 im Jahr 2012 gesunken.
  • Trotz des Ladensterbens hat sich die Verkaufsfläche im Lebensmitteleinzelhandel von 26,1 Millionen Quadratmeter (2000) auf 28,9 Millionen Quadratmeter erhöht – ausschließlich bei den Discountern und Verbrauchermärkten. Während einem Bundesbürger in den Städten laut Edeka 1,7 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung stehen, stehen einer 10.500 Einwohner zählenden Gemeinde mit 17 Dörfern mitten in Niedersachsen nur 0,20 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Einwohner zur Verfügung.
  •  „Eigeninitiative statt Unterversorgung” lautet deshalb immer öfter das Motto – und aktive Bürgergesellschaften gründen ihr eigenes Lebensmittelgeschäft. Durch dieses Engagement sind in Deutschland bereits mehr als 200 Bürger-Dorfläden gegründet worden und werden nach Angaben des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels überwiegend erfolgreich betrieben.

 Internet: www.bvlh.net/ www.dorfladen-netzwerk.de

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