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Von Pferden gezogen auf dem letzten Weg

Rehburger Leichenkutsche Von Pferden gezogen auf dem letzten Weg

Die Rehburger Leichenkutsche ist versteigert worden. Ein Hamburger Sammler hat sich für rund 3000 Euro das Gefährt gesichert, in dem bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die Rehburger ihren letzten Weg antraten. 

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Rehburg. Einige ältere Rehburger sitzen am Tisch im Rehburger Heimatmuseum. Der Vorsitzende des Bürger- und Heimatvereins, Fritz Mackeben, hat sie zum Gespräch eingeladen. Seine Bitte in die Runde: Alles zu erzählen, was sie noch über den Einsatz der Rehburger Bestattungskutsche wissen.

Einer, der sich noch bestens daran erinnert, ist Heinrich Engelmann, und das sowohl aus persönlichen als auch aus geschäftlichen Gründen. Als ehemaliger Kämmerer Rehburgs hatte er noch mit dieser Kutsche zu tun. Er erinnert sich an Streitfälle zwischen Rehburgern, die allesamt den Auftrag haben wollten, die Kutsche zu fahren. Es war wohl ein für damalige Verhältnisse recht einträgliches Geschäft. Zuletzt sollen es 20 Mark gewesen sein, die es für eine Fahrt gab. Heutzutage kaum vorstellbar, wenn bedacht wird, dass der Kutscher zwar die Kutsche von der Stadt gestellt bekam, er aber für einen Unterstand und die Pferde selbst zu sorgen hatte.

Sehr genau erinnert sich Engelmann an die letzte Fahrt der Kutsche außerhalb. Es war nämlich seine Mutter, die damals, am 14. Dezember 1962, aus dem Krankenhaus Stolzenau, wo sie tags zuvor verstorben war, abgeholt wurde. In Leese an der Kreuzung, erzählt Engelmann, habe die Kutsche den Bordstein gestreift – woraufhin die Pferde scheuten. Das habe dem Kutscher einen tüchtigen Schrecken eingejagt. Die Kutsche mit seiner Mutter sei aber trotzdem angemessen zu Hause angekommen.

 

Die Erinnerung genau vor Augen

Der Weg nach Stolzenau war aber beileibe nicht die längste Fahrt der Kutsche. Friedrich Rode weiß noch von einer Beerdigung aus den fünfziger Jahren, als der Kutscher bis zur Hannoverschen Kinderheilanstalt aufbrach. Innerhalb Rehburgs müssen die Kutschfahrten noch über 1962 angedauert haben, denn Friedrich Kloth bringt die Erinnerung seiner Frau an eine Beerdigung 1964 mit, als ein junger Mann nach einem Ernteunfall starb. Kloths Frau hat noch vor Augen, wie sie hinter dem Wagen im Leichenzug mitging, immer der Kutsche nach.

Das Bild muss einprägsam gewesen sein, denn der heute 78-jährige Heinrich Meier hat immer noch das Getrappel der Pferde im Ohr, das er als Kind so oft gehört hat. Das Klappern auf der Straße, sagt er, habe er immer als schaurig empfunden. Das habe angezeigt: „Da kommt einer weg.“

Was heute von den Leichenwagen der Bestattungsunternehmen übernommen worden ist, war seinerzeit zumindest in Rehburg Stadt-Angelegenheit. Damals, wird in der Runde erzählt, starben die meisten noch zu Hause. Luise Engelmann erinnert sich an viele Tote aus jener Zeit, die in ihren Häusern zunächst aufgebahrt wurden. In der landwirtschaftlich geprägten Stadt war oft eine Diele vorhanden, wo der Sarg aufgestellt werden konnte. Zwei oder drei Tage lang, weiß Luise Engelmann, stand der offene Sarg dort. So konnten alle Abschied nehmen. Erst wenn der Pastor zur Trauerfeier kam, wurde der Deckel aufgelegt.

Ja, sagt sie, auch die Trauerfeiern hätten in den Häusern stattgefunden. Eine Leichenhalle samt Kapelle habe es doch noch nicht gegeben. Gegen Ende der Predigt habe es dann immer auf dem Hof geklappert, wenn die Kutsche vorfuhr. Dann kamen die Sargträger zum Einsatz. Ihre Aufgabe war es, den Sarg auf die Kutsche zu setzen. Ein Kopfteil auf Schienen ist noch heute vorhanden. So wurden die Toten auf den Wagen geschoben, die hinteren Türen geschlossen und der Leichenzug setzte sich in Bewegung.

In Rehburg war es eine prächtige Kutsche, die diesen letzten Weg mit den Toten machte. Schwarz angestrichen, mit schweren samtenen Vorhängen, etlichen goldenen Verzierungen und Schnitzereien fand das Geleit statt – gekrönt von jeweils zwei Engeln die Anker, Herz und Kreuz halten – als Symbol für „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Wohin die Kutsche gehört, stand klein an der Seite geschrieben: „Rehburg“ ist dort heute noch zu entziffern.

Eine Jahreszahl, die auf das Herstellungsdatum schließen lässt, ist zum Leidwesen der Rehburger nirgendwo vorhanden. Verwaltungsmitarbeiterin Martina Nitsche, die für die Stadt die Auktion vorbereitet hat, vermutet aber, dass sie um 1890 gebaut wurde. Baugleiche Kutschen hätten dieses Alter, sagt sie. Der älteste schriftliche Hinweis zu der Kutsche ist einem Ratsprotokoll von 1939 zu entnehmen, in dem Kutscher Ernst Meyer aufgetragen wird, den Leichenwagen im eigenen Schuppen unterzustellen. Den letzten Hinweis wird es nun aus dem Jahr 2017 geben – wenn die Kutsche nach der Versteigerung abgeholt wird. Nachdem sie rund 50 Jahre unbenutzt in einer Scheune stand, kam die Verwaltung zu dem Schluss, dass es an der Zeit sei, sich von ihr zu trennen.

Der Geleitzug war für viele Rehburger neben dem traditionellen Schützenfest eine zweite – traurige – Gelegenheit, Zylinder und schwarzen Anzug hervorzuholen. Nachbarn sollten es möglichst sein, die den Sarg trugen. Aus dem Haus heraus auf die Kutsche und später auf den Friedhof, um ihn das letzte Stück bis zum Grab zu bringen. Während der Fahrt gingen die Sargträger – drei rechts, drei links – neben der Kutsche. Direkt dahinter hatte der Pastor den Vortritt vor der Trauergemeinde, gemeinsam mit den engsten Angehörigen. Alle anderen reihten sich dann erst ein.

 

Tratscherei auf dem Weg zum Friedhof

Dort habe die Pietät manchmal schon ein Ende gehabt, sagt Friedrich Kloth. Oftmals sei auf dem Weg zum Friedhof ordentlich getratscht worden. Das ist anscheinend toleriert worden. Wogegen sich die Verwaltung allerdings verwehrte, war schludriges Aussehen des Kutschers. Eine dünne Akte ist im Rathaus noch heute zu der Kutsche vorhanden. Darin ist auch ein Schreiben des Stadtdirektors aus dem Jahr 1950 an den Kutscher enthalten. Wiederholt sei von Einwohnern beanstandet worden, dass der Fahrer des Totenwagens in einem „gewöhnlichen Schlapphut beziehungsweise Mütze“ erschienen sei. Die feierliche Handlung erfordere allerdings einen Zylinderhut. Sollte der Kutscher dieses künftig nicht beachten, werde die Angelegenheit dem Rat vorgetragen.

Den Zylinder als Kopfbedeckung können alle Gesprächspartner im Heimatmuseum bestätigen. Friedrich Kloth fügt noch hinzu, dass auch die Schuhe geputzt sein mussten. Und die Pferde – mal zwei, mal eines – hatten lange schwarze Decken zu tragen.

Das Wissen um die alte Kutsche, mit der Rehburger Bürger einst den letzten Weg antraten, will Fritz Mackeben im Archiv des Bürger- und Heimatvereins hinterlegen. Nachfolgende Generationen mag es vielleicht interessieren. Die Kutsche selbst wird dann zwar die Stadt verlassen haben. Womöglich gibt es aber Chancen, sie irgendwann noch einmal ansehen zu können. Der Käufer, sagt Martina Nitsche, sei ein Kutschensammler aus dem Hamburger Raum. Er wolle den Bestattungswagen fachgerecht restaurieren lassen und in seine Sammlung auf Schloß Wotersen einfügen, wo sie gelegentlich Besuchern gezeigt werde.

Als das Stichwort „Das Erbe der Guldenburgs“ fällt, haben alle im Heimatmuseum eine Vorstellung davon, um welches Schloss es sich handelt. Diese Fernsehserie aus den achtziger Jahren war damals die erfolgreiche deutsche Antwort auf „Dallas“ – mit jenem Schloss als Kulisse. Heutzutage werden dort viele Konzerte, nicht zuletzt vom Schleswig-Holstein Musik-Festival gegeben. Eine angemessene Kulisse also für die vermutlich letzte Ruhestätte der alten Bestattungskutsche.

Auch Nitsche freut sich darüber, dass das gute Stück dort landet und nicht etwa bei demjenigen, der unter dem Pseudonym „Graf Dracula“ in der Auktion mitgeboten hatte.

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