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Von milden Gaben und guten Taten

Thema des Tages Von milden Gaben und guten Taten

In Scharen laufen Kinder mit ihren Laternen, singen Martins-Lieder und bitten um Süßigkeiten: Rund um den Martinstag am 11. November haben sich viele Bräuche und Traditionen entwickelt. Aber welcher Martin wird da eigentlich gefeiert? Und warum? Ein Überblick:

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Zwei Tage, zwei Martins

Wer wird am Martinstag gefeiert? Martin Luther? Oder Sankt Martin? Die Antwort ist einfach: beide! In erster Linie wird am 11. November an den Heiligen Martin von Tours erinnert. Der ehemalige Römische Legionär gilt als Schutzpatron der Armen und ist der erste Christ, der nicht wegen seines heldenhaften Märtyrertodes heiliggesprochen wurde, sondern wegen seines heroischen Lebens, das geprägt war von Nächstenliebe, Güte und Barmherzigkeit. Martin wurde 316 oder 317 nach Christus im heutigen Ungarnb als Sohn eines römischen Tribuns geboren. MIt 15 musste er gegen seinen Willen zum Militär. Der Legende nach teilte der junge Soldat seinen Mantel mit einem frierenden Bettler. In der darauffolgenden Nacht soll Martin im Traum Jesus erschienen sein, der dessen gute Tat als Sinnbild der Nächstenliebe lobte. Martin ließ sich taufen, trat aus dem Militär aus und wurde später Bischof von Tours.
Und welche Rolle spielt Martin Luther? Der Martinstag und sein Brauchtum blieb nach der Reformation auch in protestantischen Gebieten erhalten. Die Verehrung des Heiligen Martins wurde dabei auf Martin Luther übertragen, der am 10. November geboren wurde. Getauft wurde der Reformator am 11. November  – dem Namenstag des Bischofs von Tours – womit sich der Kreis schließt.

Laternenumzüge und Feiern

Martinsfeiern, Laternenumzüge, Ritte: Zahlreiche Bräuche, bei dem vor allem Kinder im Mittelpunkt stehen, sind rund um den Martinstag entstanden. Auch in Schaumburg veranstalten fast alle Kindergärten Anfang November Laternenfeste, Kirchengemeinden laden zu Andachten und Umzügen ein. Wie in Bad Nenndorf, wo seit mehr als 20 Jahren die katholische und evangelische Gemeinde zusammen ein ökumenisches Martinsfest feiern. Dabei bringen Kinder die Martins-Legende auf die Bühne: Während eines bitterkalten Wintertages begegnete der Heilige Martin – zu Lebzeiten selbstverständlich noch nicht heiliggesprochen – am Stadttor der franzosischen Stadt Amiens einem nur spärlich bekleideten Bettler. Martin hatte Mitleid mit ihm, teilte seinen Mantel mit dem Schwert und gab dem Bettler eine Hälfte der wärmenden Kleidung.
Aber warum gehen Kinder ausgerechnet mit Laternen spazieren? Ein Erklärungsansatz besagt, dass bereits die frühen Christen ihre Toten mit Lichterprozessionen ehrten, vermutlich auch den Heiligen Martin an dessen Grab. Der Ursprung des Laternenbrauchs könnte auch um Jahresablauf der Bauern liegen. Anfang November waren die Felder abgeerntet. Zum Dank für die Ernte entzündeten die Bauern dort Feuer und die Kinder bastelten sich aus Stroh fackeln und zogen mit diesen durch die Straßen.
Ein weiterer Brauch, der in vielen Regionen am Martinstag zelebriert wird: Die Laternenumzüge werden von einem als Sankt Martin verkleideten Reiter angeführt. Was dabei auf keinen Fall fehlen darf: der Mantel.

Verhängnisvolles Geschnatter

Martinszeit ist Gänsezeit: Jetzt beginnt die Saison für das köstliche Freilandgeflügel. 700 Halter in Niedersachsen mästen insgesamt mehr als 290 000 Gänse für die Zeit zwischen Martinstag und Weihnachten. Etwa 200 von ihnen laufen auf den Wiesen von Familie Harkopf in Habichhorst. Seit Juni hegen und pflegen Gesa und Hans-Heinrich Harkopf ihre gefiederten Tiere, um sie in ihrem Hofladen zu verkaufen. Denn Martinsgänse werden auch in Schaumburg gerne zubereitet.
Die Tradition des knusprigen Gänsebratens geht auf folgende Legende zurück: Als die Menschen von Tours Martin baten, ihr Bischof zu werden, lehnte der bescheidene Mann zunächst ab und versteckte sich in einem Gänsestall. Die schnatternden Tiere verrieten ihn, Martin wurde entdeckt und zum Bischof ernannt. Die Gänse jedoch wurden zur „Strafe“ gebraten und verspeist. Auch bei diesem Brauch gibt es mehrere Erklärungsansätze. Denn der 11. November war früher auch der Tag, an dem die Bauern Abgaben an ihren Dienstherren zahlen mussten, oft in Form von Naturalien – etwa einer Gans. Außerdem war der 11. November der letzte Tag vor Beginn der 40-tägigen Fastenzeit vor Weihnachten, also die letzte Gelegenheit, noch einmal einen leckeren Braten zu essen.
Für Gesa Harkopf gibt es übrigens vor allem eine Zubereitungsart für den perfekten Gänsebraten: Die Gans innen und außen salzen und mit ganzen ungeschälten Äpfeln füllen, aus denen man vorher das Kerngehäuse entfernt hat. Ein wenig Wasser angießen und dann bei 150 Grad im Ofen garen. In Sachen Garzeit gilt laut Harkopf die Faustregel: eine Stunde pro Kilo Gans.

Süßigkeiten als Lohn für Gesang

Trotz der Konkurrenz zu Halloween: Das Martinssingen ist in Schaumburg nach wie vor beliebt. Der Brauch, dass Kinder am 10. November singend von Haustür zu Haustür oder von Geschäft zu Geschäft ziehen und um Süßigkeiten bitten, hat mit dem Heiligen Martin allerdings nicht viel zu tun. Er wurde von der protestantischen Kirche auf Martin Luther umgemünzt.
Zur Entstehung: Traditionell wurden die Landarbeiter Anfang November über den Winter entlassen. Damit diese weitgehend arme Bevölkerungsgruppe den Winter gut überstehen konnte, sammelten Kinder Lebensmittel, die für den Wintervorrat eingelagert und nach und nach verzehrt wurden. So schreibt es Ralf Schröder, Sprecher des Arbeitskreises Heimatgeschichte im Verein Glück-Auf Riehe, in einem Info-Blatt. Schröder und seine Mitstreiter setzen sich dafür ein, die Ursprünge des Brauches nicht Vergessenheit geraten zu lassen. „Es ist einfach schön, wenn diese Tradition wachgehalten wird“, sagt der 53-Jährige, der sich noch gut an seine eigenen Süßigkeiten-Streifzüge erinnern kann. Umso erfreuter ist Schröder, dass noch immer zahlreiche Kinder aus Riehe die Dorfbewohner mit Reimen und Liedern erfreuen und dafür süße Leckereien bekommen.

kcg

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