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Von null auf hundert

Thema des Tages: Pflegeeltern Von null auf hundert

Seit sieben Monaten ist Familie Genzel aus Rodenberg nun zu dritt. „Zurzeit schläft Ben schlecht und schreit viel“, sagt Susanne Genzel. „Doch diese Phase gibt sich wieder“, ist sich die 32-Jährige sicher. Was nach den Worten einer jungen Mutter klingt, die erst vor einem halben Jahr entbunden hat, sind in Wahrheit die Worte einer jungen Frau, die vor Kurzem ein vierjähriges Kind in Pflege genommen hat.

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Der vierjährige Ben hat sich in den sieben Monaten, in denen er mittlerweile bei Familie Genzel wohnt, gut eingelebt. 

Quelle: rg

„Ben buhlt um Liebe“, erklärt Sozialpädagoge Mark Schraps vom Pflegekinderdienst (PKD) des Jugendamtes Schaumburg. „Diese Phasen sind völlig normal“, sagt er. Genzel wirkt ein wenig erleichtert, doch in ihren Augen zeigt sich, dass es schon ganz anderer Schwierigkeiten bedürfe, um die Bindung zu ihrem Schützling infrage zu stellen.
Die Entscheidung, ein Kind in Pflege zu nehmen, war nicht in Stein gemeißelt. Eine Adoption stand für die Familie ebenfalls zur Debatte. Hierbei hätten Susanne Genzel und ihr Mann alle rechtlichen Pflichten der Herkunftseltern übernommen. Bei einem Pflegeverhältnis dagegen verbleiben diese bei den leiblichen Eltern. „Ein Adoptionsverfahren hätte wesentlich länger gedauert“, sagt Genzel. Außerdem ist die 32-Jährige selbst bei einer Pflegefamilie aufgewachsen, was die Entscheidung, sich an den Pflegekinderdienst in Stadthagen zu wenden, wesentlich beschleunigte. Innerhalb weniger Monate nach der Vorstellung beim PKD konnte Ben in seiner neuen Familie begrüßt werden.
Und aller Wahrscheinlichkeit nach wird er Familie Genzel auch nicht so schnell wieder verlassen, da es sich um ein unbefristetes Pflegeverhältnis handelt. Das heißt, dass Ben wohl bis zu seinem 18. Lebensjahr in der Obhut der Rodenberger Familie verbleiben wird. „Es sei denn, die Herkunftsfamilie weist erheblich verbesserte Bedingungen auf“, erklärt Schraps. Doch eine derartige Wandlung sei „extrem selten“.
Eltern, die ihre Kinder in Pflege geben, stecken meist in einer „Lebensüberforderungssituation“, die nicht gelöst werden konnte. Das heißt, dass sie nicht in der Lage sind, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen, da sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Suchtkrankheiten können hier eine Rolle spielen, ebenso psychische Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen und Depressionen“, erklärt Sozialpädagoge Schraps.
Allerdings bieten das Jugendamt und der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) für Problemfamilien Unterstützungsangebote an. So auch bei Bens Herkunftsfamilie. Dort hat ein intensives Trainingswohnen auf Zeit der Eltern mit dem Kind allerdings nicht funktioniert. Seine elfjährige Schwester, die heute ebenfalls bei einer Pflegefamilie lebt, übernahm immer wieder die Mutter-Rolle, da die eigentliche Mutter aus Gründen der Belastbarkeit den Ansprüchen der Kinder überhaupt nicht gerecht werden konnte.
Wenn solche Maßnahmen nicht greifen, kann das Jugendamt gerichtlich durchsetzen, dass ein Kind aus der Ursprungsfamilie heraus genommen wird. Eltern haben aber auch von sich aus die Möglichkeit, ihr Kind in Pflege zu geben, was nach Angaben von Schraps in der Mehrheit der Fälle passiert, so auch bei Ben.
Unabhängig davon, wie ein Kind in der Vermittlung des PKD landet, bleibt die grundlegende Aufgabe dieselbe. „Wir müssen eine geeignete Pflegefamilie finden, um dem Kind eine möglichst positive Entwicklung zu garantieren“, sagt Schraps.
Das gestaltet sich allerdings nicht immer einfach. Das Alter der Pflegekinder reicht von null bis 18 Jahre. Damit sind ganz unterschiedliche Ansprüche an die Pflegeeltern verbunden. „Einige brauchen heilpädagogische Betreuung, andere eine therapeutische Umgebung. Es kommt immer auf die einzelne Situation an“, sagt der Sozialpädagoge Schraps. Auch die potenziellen Pflegeeltern dürfen gewisse Ansprüche stellen – wie etwa eine Eingrenzung des Alters oder die Art der Pflege. „Wir wollten eigentlich ein Kleinkind, nicht älter als drei Jahre“, sagt Genzel. Ben habe mit seinen vier Jahren „gerade noch im Rahmen“ gelegen, erklärt sie weiter.
Bevor potenzielle Pflegeeltern aber in die Kartei der Kinderpflegedienststelle aufgenommen werden, gilt es einige Vorbereitungen und Anforderungen zu erfüllen. So dürfen interessierte Paare maximal 40 Jahre älter sein als das Pflegekind. Außerdem müssen ein einwandfreies Führungs- und Gesundheitszeugnis, eine entsprechende Schufa-Auskunft und das Einverständnis aller Familienmitglieder vorgelegt werden. „Erforderlich sind gesicherte emotionale, finanzielle und wohnliche Verhältnisse“, sagt Schraps.
Ebenfalls elementar wichtig seien die persönliche Motivation, Einfühlungsvermögen und Toleranz. „Pflegeeltern müssen die schwierigen Verhältnisse der Eltern sowie der Kinder akzeptieren und bereit sein, mit der Herkunftsfamilie und dem Jugendamt zusammenzuarbeiten“, fügt Schraps hinzu. In der Regel kann eine Pflegefamilie bis zu drei Kinder aufnehmen. Allerdings müsse dabei immer der individuelle Erziehungs- und Förderbedarf der Jungen und Mädchen einzeln berücksichtigt werden. Es sei weiterhin wichtig, dass das Pflegekind nicht älter ist, als schon vorhandene leibliche beziehungsweise Pflegekinder. Mitarbeiter des PKD versichern sich unter anderem durch mindestens drei Hausbesuche, ob alle Anforderungen erfüllt sind.
Sind geeignete Paare gefunden, werden diese zu Seminaren eingeladen. Dort werden die potenziellen Pflegeeltern nicht nur über Dinge wie finanzielle Aspekte, rechtliche Grundlagen oder Versicherungsfragen informiert, sondern setzen sich bei einer Bindungs-Trauma-Schulung mit dem Umgang der Erlebnisse der Pflegekinder in der Herkunftsfamilie auseinander.
Es braucht also eine gewisse Vorlaufzeit, bevor es überhaupt zum ersten Kontakt mit einem möglichen Pflegekind kommt. Dieser findet meist in den Räumlichkeiten des PKD statt. Ein Pädagoge des PKD ist ebenfalls dabei. So auch bei Genzels: „Ben hat uns gar nicht wahrgenommen“, berichtet sie. Doch das Gefühl war gut, auch beim Sozialpädagogen Schraps. Weitere Kontakte folgten, etwa zehn innerhalb von zwei Wochen. Dann war endgültig klar, dass der Junge eine neue Familie gefunden hatte.
Kommt es zu einer Dauerpflege, wird ein Hilfeplanverfahren erstellt. Hierbei werden unter Beteiligung der Pflegedienststelle, der Herkunfts- und der Pflegeeltern beispielsweise Fragen der Entwicklungsziele und Besucherkontakte geklärt. Ebenfalls eruiert werden Maßnahmen, die die Herkunftseltern ergreifen müssen, um eine mögliche Rückkehr des Pflegekindes zu ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise Angebote der Familienhilfe oder eine Therapie, die die Lebenssituation maßgeblich zum Wohle des Kindes verändert. „Doch die Herkunftseltern müssen das auch wirklich wollen“, sagt Schraps. Auch wenn sich viele Eltern anfangs bemüht zeigen, eine wirkliche Veränderung werde selten erzielt. „Die Quote für eine Rückkehr liegt bei unter zehn Prozent“, erklärt Schraps.
Auch die Kinder selbst weisen Verhaltensauffälligkeiten auf, die sich zu Beginn der Inpflegenahme aber selten zeigen. „Oftmals eröffnet sich für die Kinder eine völlig neue Welt. Ihnen wird nicht nur ein eigener Raum zur Entfaltung geboten, sondern auch ein strukturiertes Leben“, erklärt Schraps.
Auch Ben zeigte sich anfangs aufgeschlossen. Erst mit der Zeit würden Pflegekinder ihre Grenzen ausloten und testen, ob frühere Verhaltensweisen immer noch anwendbar sind. „Bis in die Puppen Fernsehen zu schauen ist dann eben für einen Siebenjährigen nicht mehr drin“, sagt Schraps. Auch Bens Reaktion, das viele Schreien und Buhlen um Liebe, sei nichts Außergewöhnliches.
Gerade in diesen ersten Monaten hält die PKD engen Kontakt zu den Pflegeeltern. „Wir schauen sehr genau, was die Pflegeeltern brauchen und versuchen, zu helfen“, versichert Schraps. „Ich habe mich gut unterstützt gefühlt“, bestätigt Genzel. Die Apothekerin hat für zwei Monate ihre Arbeit niedergelegt, um sich ganz um den Neuankömmling kümmern zu können. „Ben war geistig auf dem Stand eines Anderthalbjährigen“, erinnert sich Schraps. Er habe wenig gesprochen. „Und wenn er mal sprach, war es sehr unverständliches Zeug“, fügt die Rodenbergerin hinzu. Auch eine Windel sei in der Anfangszeit vonnöten gewesen. „Es war schon stressig, sich von null auf hundert um ein bedürftiges Kind kümmern zu müssen, aber ich möchte es nicht mehr missen“, sagt die 32-Jährige. Gegenwärtig besucht Ben einen integrierten Kindergarten, weshalb die Rodenbergerin wieder geringfügig arbeiten gehen kann.
Sie freut sich, dass ihre Arbeit mit Ben erste Erfolge zeigt. Die Windeln seien verschwunden, auch seine Sprache habe sich deutlich verbessert. Emotionale Anpassungsschwierigkeiten hatte sie ohnehin nicht gespürt: „Ben gehörte von Anfang an irgendwie dazu. Er ist ein festes Mitglied unserer Familie geworden und ich will ihn auch für nichts in der Welt wieder hergeben.“

+++ Zahlen +++

 Bereitschaftspflege: Zurzeit stehen elf Bereitschaftspflegefamilien zur Verfügung. Diese müssen bereit sein, bei Krisensituationen in den Herkunftsfamilien sofort einzuspringen. Maximal ein halbes Jahr bleibt das Kind in der Obhut einer Bereitschaftspflegefamilie. „Spätestens bis dahin müssen die Verhältnisse geklärt sein, sonst entwickelt sich eine zu starke Bindung des Kindes zur Familie“, erklärt Sozialpädagoge Markus Schraps.
Bis zum 31. Oktober 2014 waren 29 Kinder im Alter von null bis 16 Jahren bei Bereitschaftspflegefamilien unter gebracht. Die Verweildauer hängt von der Fallkonstellation ab und bewegte sich in 2014 im Mittel um 66 Tage.
 Vollzeitpflege: Bis zum Stichtag 01.07.2014 waren 142 Kinder und Jugendliche stationär in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht. Sowohl 2013 als auch 2014 konnten 15 Kinder in eine Pflegefamilie vermittelt werden.
 Bewerberseminare : Von Januar bis November des vergangenen Jahres haben zwei feste Seminargruppen mit jeweils vier Abend- und drei Tagesveranstaltungen stattgefunden. In diesem Zeitraum gab es 22 interessierte Bewerberfamilien, 16 davon nahmen am Bewerberseminar teil. Davon standen nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens neun als geeignet zur Verfügung. Ein weiteres Seminar ist für November 2014 bis März 2015 geplant. Von den 14 interessierten Bewerberfamilien nehmen acht am Seminar teil.

+++ Pflegegeld +++

Das Pflegegeld, also die finanzielle Unterstützung, die eine Pflegefamilie bekommt, hängt vom Alter und dem Erziehungsaufwand des Pflegekindes ab. Es wird unterschieden zwischen normaler Vollzeitpflege, Sondervollzeitpflege und sozialpädagogischer Vollzeitpflege. Bei Letztgenannten weist das Pflegekind zwar erhebliche Entwicklungsrückstände auf, diese können aber von Pflegeeltern ohne sozialpädagogische Ausbildung abgefangen werden – im Gegensatz zur Sondervollzeitpflege. Hier ist eine pädagogische Ausbildung dringend notwendig.
Für eine normale Vollzeitpflege wird folgendes Pflegegeld gezahlt: null bis fünf Jahre: 699 Euro, sechs bis elf Jahre 780 Euro, ab zwölf Jahre 867 Euro. In diesen Summen ist der finanzielle Aufwand für die Erziehungsarbeit mit 237 Euro vertreten. Bei sozialpädagogischer Vollzeitpflege verdoppelt sich dieser Betrag, bei Vollzeitsonderpflege erhalten Pflegeeltern das Vierfache der 237 Euro.

+++ Kontakt +++

Der Pflegekinderdienst des Jugendamtes Schaumburg ist ständig auf der Suche nach neuen Pflegeeltern. Bei unverbindlichen Informationsgesprächen können sich Interessierte über die Möglichkeiten sowie das Unterstützungsangebot einer Pflege sowie über das Prozedere des Bewerbungsverfahrens informieren.
 Landkreis Schaumburg
– Pflegekinderdienst –
Breslauer Straße 11
31655 Stadthagen
Telefon: 0 57 21 / 7 03 83 11
0 57 21 / 7 03 83 26
0 57 21 / 703 83 27
Fax: 0 57 21 / 703 83 20
E-Mail: pkd.51@landkreis-schaumburg.de

Von Jan Schaumburg

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