Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Was blieb vom Jan-Ullrich-Boom?

Thema des Tages Was blieb vom Jan-Ullrich-Boom?

Im Juli 1996, vor genau 20 Jahren, begann eine im deutschen Sport beispiellose Zeit: Die Ära Jan Ullrich. Nie zuvor und niemals seither hat ein einzelner Athlet seinen Sport und ein Stück weit auch die Gesellschaft so verändert wie „Ulle“, der exakt zehn Jahre lang einer der besten Radprofis der Welt war. Im Juli 2006 endete diese Ära mit dem Ausschluss aus der Tour de France wegen Dopings. Das „Ulle-Jahrzehnt“ im Rückspiegel.

Voriger Artikel
Schaumburger Historie auf Gleisen
Nächster Artikel
Irrfahrt von Schlesien nach Schaumburg

Jan Ullrich.

Quelle: dpa

Im Jahr 1996 hat der „Ulle-Effekt“ im Hobbyradsport schon beinahe grotesk Züge gehabt: Kaum war nach Didi Thurau wieder ein deutscher Radsportler bei der Tour um den Gesamtsieg mitgefahren, wurde es buchstäblich bunt. Etliche „Ulle“-Fans zwängten fortan die Bierbäuche in bunten Stoff, streiften enge Radhosen über die stämmigen, wenn auch nicht muskulösen Beine und schwangen sich auf die noch aus der Thurau-Zeit stammenden Velos, um im Ausflugstempo ein paar Runden ums Eck zu drehen. Nicht auf dem Radweg, sondern auf der Landstraße, wie es die Rennfahrer schließlich auch tun. Fortan gab es zwei Sorten Hobbyradler: Die, die es sportlich ernst meinten, und die ihrem neuen Idol huldigten.

Zwar wurden Letztgenannte schon damals belächelt, doch liegt genau bei diesem Phänomen der Schlüssel zum Verständnis dafür, warum Jan Ullrich mehr Menschen faszinierte als selbst Boris Becker. Jeder hat wohl irgendwann einmal auf dem Fahrrad gesessen und dabei schmerzhaft erfahren, wie sehr die Oberschenkel brennen können, wenn es mal ein paar Hundert Meter lang steil berghoch geht. Und wie lästig selbst die drei Kilometer zum Bahnhof sein können, wenn es regnet oder schneit.

Bei der Tour de France fahren die Profis nahezu täglich um die 200 Kilometer mit dem Rad, sind auf diese Distanz bei Gegenwind noch schneller als ein Mofa, und die Berge sind 15, 20, zum Teil 30 Kilometer lang. Kaum vorstellbare Qualen leiden die nicht umsonst „Helden der Landstraße“ genannten Sportler.

Der Milchbubi lässt sich nicht von der Elite abhängen

Dann kommt ausgerechnet ein 22-jähriger Milchbubi daher, mit Sommersprossen auf den Wangen und einem Gesichtsausdruck, als sei er mehr aus Zufall im Rennen dabei, und lässt sich selbst an den schwersten Anstiegen nicht von der Elite um Miguel Indurain, Tony Rominger und Richard Virenque abhängen. Einer, der mit seinem unaufgeregten Wesen auch im Supermarkt nebenan an der Kasse sitzen oder im Einwohnermeldeamt arbeiten könnte. Plötzlich war der rare und kostbare Toursieg, der sonst Belgiern, Franzosen und Spaniern vorbehalten schien, für einen Deutschen greifbar nahe.
Die Nation hatte mit Jan Ullrich ihren neuen Star, mit dem sich die Menschen in Nullkommanichts identifizieren konnten. Und zwar quer durch die Schichten: Der Handwerker fand an diesem Bengel ebenso etwas Positives wie der Uni-Professor. Er war kein Großmaul wie Stefan Effenberg, kein Dampfplauderer wie Lothar Matthäus, auch kein Kopfmensch wie Michael Schumacher – und von den Allüren eines Boris Becker hatte der Telekom-Radprofi schon gar nichts.

Wie selbstverständlich fuhr Ullrich an der Seite seines Kapitäns, Bjarne Riis, auf den schweren Alpenetappen der Tour 1996 bis auf Gesamtrang fünf vor. In den Pyrenäen schmiedete Riis mit mehreren Konkurrenten einen Pakt, der ganz nebenbei Ullrich auf den zweiten Platz vorschob. Am 20. Juli jenes Jahres war es dann so weit: Ullrich verteidigte im letzten Zeitfahren nicht nur Rang zwei, er gewann die Etappe gegen Zeitfahrlegenden wie Indurain, Rominger, Abraham Olano und Evgeni Berzin. Außerdem nahm er dem zehn Jahre älteren Riis mehr als zwei Minuten ab, sodass beide in der Endabrechnung nur 1:41 Minuten trennten.

Der lange Däne hatte die Tour zwar gewonnen, aber in Deutschland feierten die Fans das gesamte Team Telekom, das mit Rang eins und zwei, dem Sieg in der Punktwertung durch Erik Zabel, dem Trikot des besten Nachwuchsprofis (Ullrich) sowie fünf Etappensiegen nach Hause gekommen war. Ein beispielloser Triumph.

Im Sommer 1997 brachten sich die Journalisten bereits in Stellung, um den Vollzug des am 20. Juli 1996 eingeläuteten Generationenwechsels zu vermelden. So kam es dann auch: Ullrich war bereits im Prolog besser als Riis, der später auf einer Flachetappe eine weitere Minute einbüßte. In der ersten Pyrenäenetappe konnte Ullrich mit den Kletterern Virenque und Marco Pantani mithalten, Riis verlor den Anschluss und weitere 27 Sekunden.

Am 15. Juli jenes Jahres wurde Ullrich dann zum Volkshelden. Radsport-Journalist Klaus Blume beschreibt den entscheidenden Moment in seinem Buch „Des Radsports letzter Kaiser“ eindrucksvoll. Auf einem Pressemotorrad fuhr Blume damals wenige Meter neben Riis und Ullrich, als diese die ersten steilen Kehren des Anstiegs zur Ski-Station Andorra-Arcalis unter die Räder nehmen. Riis war am Anschlag, die Konkurrenz aber nicht. „Einem Ertrinkenden gleich, schreit der sonst so souveräne Toursieger nach seinen getreuen Adjutanten Jan Ullrich. ,Jan, Jan!‘ Und dann, nach einer Pause, die eine Ewigkeit zu dauern scheint, in der er aber Luft holte, kreischt Bjarne doch tatsächlich: ,Fahr weg, wenn Du noch kannst.‘“

Mit dem Tour-Sieg hat Ullrich eine Sonderstellung

Er konnte, und der Rest ist Geschichte: Ullrich gewann die Etappe, baute seinen Vorsprung später immer weiter aus und gewann als bislang einziger Deutscher die Tour de France – mit mehr als neun Minuten vor Virenque. Deutschland feierte einen Mann, der aus heutiger Sicht neben Max Schmeling, Franz Beckenbauer, Boris Becker und Michael Schumacher eine Sonderstellung in der Sportgeschichte dieses Landes einnimmt. Das hatte Folgen: Die Zahl der Hobbyradsportler nahm Jahr für Jahr zu, neue Rennen stiegen im Profikalender auf, die Besetzungen wurden prominenter. Allen voran die Deutschlandtour und die Hamburger Cyclassics holten die Topstars auf deutsche Straßen. Das Hamburger Rennen überlebte und ist bis heute eine der größten jährlichen Sportveranstaltungen im Land.
       

Auch im Schaumburger Land und Umgebung waren die Auswirkungen spürbar: Bei der Niedersachsenrundfahrt kletterte Laurent Jalabert durch den Klüth bei Hameln, und in Bückeburg sprintete Alessandro Petacchi um den Sieg. In Lauenau wurde eine Radtouristikfahrt (RTF) eingeführt, am Bückeberg gab es ein Bergzeitfahren, im Nenndorfer Kurpark fanden Cross-Meisterschaften statt.
Doch Ullrich hat nicht nur durch Siege seine Bedeutung erlangt. Dass er nie wieder die Tour gewann, ließ ihn vom Helden zum Publikumsliebling aufsteigen – die letzte mögliche Stufe. Am 24. Juli 1997, als die Tour durch die Vogesen rollte, machte Udo Bölts den Anfang, indem er den schwächelnden Ullrich mit dem Satz anfeuerte: „Quäl Dich, Du Sau!“ Dem Publikum wurde gewahr: Dieser sommersprossige Rennfahrer hatte Schwächen, er musste sich bei all seiner Klasse ungemein schinden. Das gefiel den Fans noch besser – Mütter hätten ihm nun wohl am liebsten vor jedem Rennen eine Leberwurststulle extra geschmiert, die Machos unter den Sportfans brüllten ihre „Ulle“-Schlachtrufe umso inbrünstiger.

Dann kam der Winter, der Begriff Jahrhunderttalent setzte sich in den Gehirnen fest, Ullrich wurde Sportler des Jahres und bekam Pausbacken. Dass einer im Dezember ruhig aussehen kann wie ein Dart-Profi, im Juli danach aber doch wieder allen davon fahren würde, das mochte sich die Mehrheit wohl noch vorstellen. Als aber im März, selbst im April noch immer so viel Speck auf Ullrichs Hüften saß, dass die Presse von Übergewicht sprach (er wog da bei 1,83 Metern Größe etwa 80 Kilogramm), kamen Zweifel auf. Konnte da mal wieder einer – wie Boris Becker – nicht mit seinem Ruhm umgehen? Bestätigt wurden die Unkenrufe, als Ullrich im Juli die Skandal-Tour 1998 tatsächlich nur auf Rang zwei hinter Kletter-Legende Pantani beendete.

So ging es fortan Jahr für Jahr mehr um das Körpergewicht und den Trainingsfleiß des besten deutschen Radprofis als um den Sport an sich. Und Ullrich bereitete dafür den Nährboden. 1999 rollte er wieder mit zu vielen Kilos im Fahrerfeld herum, dann stürzte er in der Deutschlandrundfahrt, musste die Tour de France abhaken. Im Herbst nahm die Öffentlichkeit wenig Notiz von seinem beeindruckenden Sieg bei der sportlich ebenbürtigen Spanienrundfahrt, noch weniger von seinem ersten Zeitfahrweltmeistertitel.

Das Jahr 2000: Ein im Frühling wirklich beängstigend draller Ullrich kommt und kommt nicht in Fahrt, unterliegt später in Frankreich erstmals Lance Armstrong. Die Experten waren sich einig: Der Ullrich der Jahre 1996 und 1997 hätte den US-Amerikaner in jenem Jahr wohl geschlagen. Das bestätigte der Deutsche bei den Olympischen Spielen, wo er Armstrong im Zeitfahren besiegte, Silber hinter dem vom Wind begünstigten Wjatscheslaw Ekimov holte und im Straßenrennen sogar zu Gold raste. Seine Niederlage nutzte hingegen Armstrong mehr zur Motivation, als Ullrich seine Lehre aus der Tour. Im Jahr 2001 kamen beide in Topform nach Frankreich, Armstrong fuhr Ullrich erneut davon, zeigte die beste Leistung seiner Karriere.

2002 war Ullrich wegen Knieproblemen komplett aus dem Verkehr gezogen, 2003 legte er ein sagenhaftes Comeback hin und kam Armstrong in der Tour so nah wie nie vorher und nie wieder danach: Nur eine Minute trennte die Kontrahenten in Paris. 2004 ging das Leiden unverändert weiter, nur dass Ullrich wie schon im Vorjahr zu Beginn der Tour auch noch krank wurde. 2005 knallte er vor dem ersten Zeitfahren gar in die Heckscheibe eines Autos und stürzte in den Vogesen schwer. Platz vier (2004) und drei (2005) waren die schlechtesten Platzierungen, die Ullrich je bei der Tour einfuhr – was aber auch wieder beeindruckend ist.

Doping passt nicht ins Bild vom Radsport-Helden

2006 sollte es dann ohne Armstrong noch einmal zum Sieg reichen, und tatsächlich kam Ullrich so austrainiert wie seit 1997 nicht mehr zum Tourstart. Weil er aber in den Fuentes-Skandal verwickelt war und Blutbeutel von ihm bei dem spanischen Arzt beschlagnahmt worden waren, reiste „Ulle“ heim. Ein wenig wurde der Vorfall vom „Fußball-Sommermärchen“ überlagert, doch erstmals wandten sich Fans vom deutschen Radstar ab. Doping – und diesmal keine Pille in der Disco – passte nicht ins Bild. All seine Niederlagen gegen den Widersacher aus Texas hatten Ullrich eher noch beliebter gemacht. Aber Betrug, das war zu viel des Schlechten. Im Frühjahr 2007 erklärte der Toursieger von 1997 seinen Rücktritt.

Meinungsforscher haben später ermittelt, dass die Deutschen Ullrich noch immer unter die fünf besten Athleten wählen würden, die dieses Land je hervorgebracht hat. Dabei spielte seine unbestrittene Stärke sicher eine Hauptrolle, doch es waren Ullrichs Schwächen, die seine Popularität selbst über die eines Serienweltmeisters in der Formel 1 wachsen ließen. Und einer, der auch mal über die Stränge schlägt, der Fehler macht und sie offen eingesteht, war und ist den Fans auch allemal lieber als ein Mobber wie Armstrong, der zwar jedes Rennen gewinnt, aber sämtliche Sympathien verliert. So preußisch-strebsam sind die Deutschen einfach nicht mehr.

Genau deswegen kurven nach wie vor so viele Hobbyradsportler mit Waschbärbauch über die Landstraßen. Jeden Tag Disziplin? Immer hart trainieren? Ach wo, Ulle hat es ja auch oft schleifen lassen. Soll heißen: Es menschelt in der Hobbyradlerszene. Noch immer haben sich manche den „Quäl-Dich“-Satz auf Lenker oder Rahmen geschrieben. Und das bedeutendste Berge-Verzeichnis der Radsportszene ist auf der Homepage www.quaeldich.de zu finden. Das soll alles Ullrich zuzuschreiben sein? Sicherlich haben Zabel, Andreas Klöden, Steffen Wesemann und andere ihren Teil beigetragen, dass der Radsport populärer wurde, aber so hart es klingt: Ullrich hätte auch ohne die anderen Geschichte geschrieben. Die anderen ohne Ullrich nicht.

Amateure und Hobbyfahrer sind zahlreicher unterwegs

Es ist aber noch mehr haften geblieben aus dem Jahrzehnt des Jan Ullrich. Auch ambitionierte Hobbyfahrer und Amateure sind heute zahlreicher. Im Schaumburger Land belegen dies die Radsparten der TuSG Wiedensahl und des SV Victoria Lauenau. Beide hatte es 1996 nicht gegeben. Man kann sogar den aktuellen Radsport-Boom, der die Deutschlandtour wie einst zu Ullrichs und zu Thuraus Zeiten abermals auferstehen lässt, auf den Toursieger von ‚97 zurückführen: John Degenkolb, Marcel Kittel, André Greipel – „unsere“ Sprinter sind Extra-Klasse. Und mit Tony Martin stammt auch der momentan beste Zeitfahrer aus Deutschland.

Die Diskussionskultur unter Sportfans hat sich ebenfalls gewandelt. Jeder selbsternannte Experte weiß heute: Du musst leicht sein, um gut zu klettern. Im Winter wird die Basis für den Sommer gelegt. Ein Sprinter kann wohl bei den Eintagesklassikern vorn sein, aber nicht in Alpe d’Huez. Und dann wäre da noch das Doping: Hätte es Ullrich nicht gegeben, wäre die Wirkweise von Epo und Blutdoping nicht halb so bekannt wie sie ist.

Das ist nicht unbedingt negativ zu verstehen, hat doch das „schlamperte Genie des Radsports“ wohl auch dem letzten Fan verdeutlicht, wie weit der Betrug im Sport verbreitet ist. Und das kann helfen, jedem Hype weniger aufgeregt zu begegnen. Ganz so, wie damals der 22-jährige Jan Ullrich ganz unaufgeregt aus dem Nichts in die Spitzengruppen der Tour fuhr.

Sport-Idol gerade wegen seiner Schwächen

Jan Ullrich hat eine Gesellschaft bestätigt, die endgültig die preußischen Tugenden in die zweite Reihe drängte. Laissez-faire haben die Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten gelernt. „Ich und mein Magnum“, „Generation Golf“ – auch das prägte die Neunziger und die Jahrtausendwende. Jan Ullrich war mit all seinen Schwächen das perfekte Sport-Idol dieser Zeit. Und ein unvergleichlicher Sportler noch dazu. gus

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr