Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Wenn Freundschaft zur Arbeit wird

Der verliehene Callboy Wenn Freundschaft zur Arbeit wird

Freundschaftsdienste können wirklich die Hölle sein: anstrengend, unbezahlt, manchmal schlichtweg illegal. Manche Dinge mutet man eben nur einem Freund zu. Wir haben fünf lokale Geschichten gesammelt, wo es besser gewesen wäre, wenn man einfach mal „Nein“ gesagt hätte – egal wer fragt.

Voriger Artikel
Zum Anbeißen und Einschenken
Nächster Artikel
Seit 20 Jahren alles ganz normal

Knapp zehntausend Bücher beim Umzug aus dem dritten Stock schleppen ... Dafür sind Freunde doch da, oder?

Quelle: dpa

Freundschaftsdienste sind nicht immer die angenehmsten Tätigkeiten. Sie heißen ja vor allem dann „Freundschaftsdienste“, wenn man sie nur einem Freund zumuten mag. Manchmal hat man schon im Voraus ein mulmiges Gefühl. Aber: Wer würde einem Freund eine Bitte abschlagen? Die Belohnung besteht nicht in Geld und Gut. Die Bitte selbst ist hier die Belohnung: „Du bist mein Freund und ich vertraue darauf, dass Du mir helfen wirst.“ Wie schmeichelhaft, oder? Hier folgen fünf Geschichten von eher zweifelhaften Freundschaftsdiensten. Bei manchen wäre es besser gewesen, ein „Nein“ zu wagen. (Alle Namen sind von der Redaktion geändert).

Der verliehene Callboy: Da ist zum Beispiel Günther Kuhn aus Hameln, bis vor drei Monaten Besitzer eines jungen, starken, schwarzen Katers. So schön und freundlich war das Tier, dass ein befreundetes Paar bat, er möge ihnen ausgeliehen werden, damit ihre Katze, ebenfalls eine schwarze Schönheit, von ihm geschwängert werde. Kuhn fühlte sich gar nicht so wohl dabei, seinen Katerfreund für ein paar Tage zu diesem Fortpflanzungszweck aus dem Haus zu geben. „Nicht, dass ich dachte, ich müsste vielleicht Unterhaltszahlungen für die kommenden Katzenbaby leisten“, sagt er und lacht, obwohl ihm gar nicht so zum Lachen zumute ist. „Ich hatte irgendwie so eine Ahnung, dass ich einen Fehler begehe.“
Er hatte nicht falsch gelegen. Bereits am nächsten Tag riefen ihn das Paar an und musste gestehen, dass der junge Kater geflohen und nicht wieder einzufangen war. „Vielleicht mochte er die Katze nicht?“, mutmaßt Kuhn. „Vielleicht kam er sich ausgesetzt und ausgebeutet vor?“ Wahrscheinlich war es ja nur so gewesen, dass die Tür im fremden Haus unvorsichtigerweise offengestanden und das Tier den Weg in die Freiheit gesucht hatte. In jedem Fall blieb er trotz ausgedehnter Suchaktionen für immer verschwunden. „Ich hätte ihn nicht ausleihen sollen wie einen Callboy“, meint Kuhn. „Auch Kater haben ihre Ehre.“ Nicht mal Nachkommen gab es. Der schwarze Kater war für den Freundschaftsdienst einfach nicht zu haben.
Das Geheimnis: Ganz anders, aber nicht untypisch für einen klassischen Freundschaftsdienst liegt der Fall beim zehnjährigen Kilian aus Bückeburg. Kilian ist Autist, was unter anderem bedeutet, dass er nicht lügen kann. Er hat nur einen einzigen Freund, Justin. Dieser stahl immer mal wieder Geld von seiner Mutter und bekam, wenn er erwischt wurde, gehörig Haue. Nach seinem letzten Diebeszug bat er Kilian, einen geklauten 50-Euro-Schein bis zum nächsten Tag bei sich aufzuheben. Wenn die Mutter bei ihm gesucht und nichts gefunden hätte, wolle er den Schein wiederhaben. „Ich bekomme kein Taschengeld, deshalb ist das in Ordnung“, so ungefähr rechtfertigte sich dieser Justin. „Du darfst es nur niemandem verraten.“ Kilian erklärte sich sofort bereit, seinem Freund zu helfen.
Nun aber entdeckte Kilians Vater die hohe Geldsumme in der Hosentasche des Jungen. „Wo kommen die 50 Euro her?“, fragte er. Kilian sagte erst mal gar nichts und antwortete dann ruhig: „Das kann ich dir nicht sagen!“ Das müsse er aber tun, so der Vater, er wisse, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehe. Der autistische Sohn wand sich. Er wollte keinen Ärger mit seinem Vater, aber auch auf keinen Fall den Freund verraten. „Na gut, ich sage es Dir morgen nach der Schule“, gab er also zurück. „Aber nur, wenn ich das Geld dann noch habe!“ Er wusste ja, dass er es bis dahin dem räuberischen Justin zurückgegeben hätte. Die Eltern bekamen die Zusammenhänge trotzdem heraus. Sie erklärten den beiden Jungs, warum man nicht stehlen darf und Justin, ihren Sohn nie wieder in so was hineinzuziehen. Der Mutter verrieten sie nichts, um Justin die Prügel zu ersparen.
Ein Löffel voll Kot: Cordula Behrens aus Rinteln kann ebenfalls eine ziemlich verdrehte Freundschaftsdienst-Geschichte aus ihrer Studentenzeit in Hamburg erzählen. Ein guter Freund bat sie, für ihn einzuspringen. Er habe, um seinen Professor freundlich zu stimmen, versprochen, eine Semesterferien-Woche lang auf dessen Schäferhund aufzupassen, und nun habe er doch überhaupt keine Zeit. „Ein ganz lieber Hund, ein großes Haus auf dem Dorfe, der Kühlschrank ist gefüllt und du bekommst auch ein bisschen Geld“, sagte er. „Bitte, ich flehe dich an, mein Prof würde die Absage nicht verzeihen.“ Wie soll man da Nein sagen, wenn man eigentlich nichts anderes zu tun hat.
„Der Hund allerdings war, wie ich dann schnell merkte, vollkommen neurotisch“, erzählt Cordula Behrens „Ich durfte nicht mit ihm spazierengehen, weil, so stand es auf dem Merkzettel der Besitzer, er sonst andere Hunde angreifen würde. Aber er brauchte natürlich trotzdem Bewegung, also sollte ich drei Mal am Tag im Garten mit ihm Stöckchenholen spielen, und ihn dort auch sein Geschäft erledigen lassen.“ Die Professorenwohnung war spartanisch kühl eingerichtet und überall mit Marmorboden ausgelegt, Letzteres deshalb, weil der Hund ständig irgendwo hinpinkelte.
Die stinkenden „Geschäfte“ im Garten mussten mit einem bereitgelegten Suppenlöffel eingesammelt und ins Gebüsch geworfen werden, und was das Stöckchenholen betraf, so bestand es darin, den Stock zu werfen, dann mit dem Hund dorthin zu wandern, den Stock aufzuheben und ihn wieder auszuwerfen. Das Tier hatte offensichtlich keine Ahnung, wie Stöckchenholen eigentlich gespielt wird.
Umziehen mit dem Bücherwurm: Die Geschichte des Hamelners Thorsten Sommer steht für eine Art zweifelhaften Freundschaftsdienstes, wie ihn schon so viele andere auch erlebt haben. Sommer hatte einen etwas eigenbrötlerischen Freund, mit dem er tolle Gespräche führen konnte, niemals bei ihm zu Hause, sondern immer in der „Sumpfblume“ oder einer der anderen Stadt-Kneipen. Eine Selbstverständlichkeit, dass er zusagte, als der Freund ihn darum bat, bei seinem Umzug mitzuhelfen. Als er in dessen Wohnung ankam, war außer ihm kein anderer Helfer zugegen, dafür aber eine ganze Landschaft aus übervoll gepackten, hoch aufgestapelten Bücherkartons.
„Ich wusste ja, dass mein Freund außergewöhnlich belesen ist, aber dass er an die zehntausend Bücher besaß...“ Sommer, nicht gerade die sportlichste Persönlichkeit, musste anpacken und stundenlang schwere Bücherkartons aus dem dritten Stock bis nach unten schleppen. „Irgendwann wurde es mir zu viel, ich konnte einfach nicht mehr“, sagt er. „Ich erklärte, dass ich die unendlich vielen Kartons jetzt nicht mehr mit in die neue Wohnung hochtragen würde, dass es echt nicht mehr zumutbar wäre. Mein bis dahin guter Freund war total sauer auf mich. Von einem ,Danke‘ keine Rede. Er wandte sich einfach ab. Ja, ich verstehe im Nachhinein, dass es außer mir wohl niemanden gab, den er hatte ansprechen können. Trotzdem gehen wir uns seitdem aus dem Weg.“
Alles in allem sind Bitten um Freundschaftsdienste für die meisten Menschen etwas, dem sie ohne viel Hin und Her entgegenkommen. Fast immer bestärken erfüllte Freundschaftsdienste die sowieso schon enge Beziehung. Außer bei einem Thema: Geld. Ulli Baumann aus Rinteln weiß das nur zu gut. „Leihen und borgen machen große Sorgen“, zitiert er ein jüdisches Sprichwort, und auch gleich noch Shakespeares Hamlet: „Kein Borger sei und auch Verleiher nicht! Sich und den Freund verliert das Darlehn oft.“ Er kennt jede Menge solcher Zitate.
Er habe nie „Nein“ sagen können, wenn ihn ein Freund um eine Leihgabe bat. „Aber ich mache es nicht mehr. Bis jetzt ist es jedes Mal schief gegangen. Ich habe noch niemals ein Darlehen zurückbekommen.“ Dann lenkt er doch ein: „Ganz so stimmt es nicht. Ich bekam das Geld nur dann nicht zurück, wenn ich eigentlich schon vorher wusste, dass es so kommen würde.“ Zwei seiner alten Freundschaften seien daran zerbrochen. „Ich konnte es einfach nicht verwinden, nicht vergessen. Ich quälte mich selbst, weil ich mir ausgenutzt vorkam. Ich war ein Idiot!“ Er hat sich vorgenommen, von nun an Geld an schwache Freunde nicht mehr zu verleihen, sondern, wenn schon, es gleich großzügig zu schenken. „Lieber das Geld einbüßen als die Freundschaft.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr