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Wenn Papa böse wird

Kinder leiden unter häuslicher Gewalt – auch wenn sie nicht selbst Prügel einstecken müssen Wenn Papa böse wird

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte keineswegs: Unter häuslicher Gewalt leiden nicht nur Prügel-Opfer, meist die Frau, sondern auch die Kinder – auch wenn sie selbst keine Schläge einstecken müssen.

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Auch wenn Kinder nicht selbst verprügelt werden, leiden sie unter der Gewalt im Elternhaus – mit verheerenden Folgen.

Quelle: dpa

Thema des Tages. Diese Erkenntnis ist in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Studien nachgewiesen worden – und wirkt sich auch auf die Hilfsangebote im Landkreis Schaumburg aus.

Die „Arbeitsgruppe Kind“, die aus dem „Runden Tisch Häusliche Gewalt“ unter Federführung der Gleichstellungsbeauftragten hervorgegangen ist, plant eine Fachtagung zum Thema „Wenn‘s Zuhause knallt – Kinder und häusliche Gewalt“. Das Angebot richtet sich an alle, die in der Jugendarbeit tätig sind: Pädagogen, Erzieher, Juristen, Lehrer, Therapeuten und Helfer.

In der Arbeitsgruppe vertreten sind die BISS-Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt, das Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt, das Kreisjugendamt, das BASTA Mädchen- und Frauenberatungszentrum, der Kinderschutzbund und die Polizei.
Bei der Tagung am 17. März geben Fachleute Tipps, wie die Opferhilfen im Landkreis ihre Zusammenarbeit intensivieren können. „Wir wollen Mindeststandards erarbeiten, um in Zukunft möglichst schnell den betroffenen Kindern helfen zu können“, erklärt Michael Andreas Meier, Leiter des Polizeikommissariats Bad Nenndorf. Bisher richte sich das Hilfsangebot vor allem an Erwachsene. Eine verprügelte Frau werde im Frauenhaus untergebracht, „Kinder werden als ,Handgepäck‘ mitgenommen“.

Dabei sei mittlerweise nachgewiesen worden: Wenn ein Elternteil das andere verprügelt, seien die Kinder genauso betroffen, als wenn sie selbst verprügelt würden. Denn: „Sie identifizieren sich mit ihren Eltern“, so Gabriele Dransfeld von der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS). Die Folgen seien verheerend: „Die Kinder können irgendwann kein Vertrauen mehr entwickeln.

Sie fühlen sich dort, wo sie eigentlich sicher sein sollten, unsicher. Vor allem langfristige Gewalterfahrungen sind kaum noch aufzuarbeiten.“ Das lasse sich sogar körperlich nachweisen: „Bei dauerhaftem Stress steigt der Kortisonspiegel, die Leistungen in der Schule gehen bergab.“ Eine vermeintlich indirekte Gewalterfahrung könne daher durchaus ein Fall von Kindeswohlgewährdung darstellen.

Hinzu kommt: Kinder nehmen das Verhalten ihrer Eltern an. „Ich weiß allein von fünf Frauen, deren Mütter verprügelt wurden und die sich selbst prügelnde Ehemänner gesucht haben“, berichtet Inge Wehking vom BASTA. Umgekehrt sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein Gewalttäter in seiner Kinderheit selbst Opfer von Gewalt geworden ist.
Umso wichtiger sei es, möglichst schnell und kompetent zu helfen.

Das beginne bereits mit dem Polizisten, der einen Fall häuslicher Gewalt aufnimmt. „Wenn ein Mann seine Frau verprügelt, stellt sich die Frage: Sollte das Kind weiter seinen Vater besuchen? Nur wenn der Polizist in seinem Bericht schreibt, dass bei der Gewalttat ein weinendes oder geschocktes Kind anwesend war, kann das Familiengericht den Umgang versagen“, so Dransfeld.

Wichtig sei – und der Begriff fällt im Gespräch mit der Arbeitsgruppe immer wieder –, alle Netzwerkpartner zu sensibilisieren. „Kinder brauchen an den Orten, an denen sie sich aufhalten, Ansprechpartner mit offenen Ohren“, betont Annette Schediwy vom Jugendamt des Landkreises. Die verstärkte Schulsozialarbeit wirke sich in dieser Hinsicht positiv aus. „Es werden heute mehr Fälle bekannt. Jungen und Mädchen wenden sich an den Schulsozialarbeiter und sagen: ,Ich habe es satt, dass meine Eltern sich schlagen.’“

Doch nicht immer ist es so offensichtlich. Wehking berichtet von einem Fall, in dem eine Frau erst nach 33 Jahren erfuhr, dass ihre Schwester von ihrem Ehemann verprügelt wird. „Die Dunkelziffer ist immens hoch“, meint Polizist Meier. „Und die Indizien zu erkennen, ist immens schwer.“ Dies liege auch daran, dass häusliche Gewalt nicht nur körperlich ausgeübt werde. „Es gibt auch diverse Formen der psychischen Gewalt: Permanentes Runtermachen, Lügen verbreiten, totale Überwachung oder finanzielles Kleinhalten.

Gewalt fängt dann an, wenn einer Macht über den anderen ausübt, um seine Interessen durchzusetzen.“ Dabei sei häusliche Gewalt ein Problem, das sich durch alle gesellschaftlichen Schichten ziehe. Und unter den Opfer gibt es durchaus auch Männer.

Meier legt sich trotz der großen Dunkelziffer fest: „Mindestens 30 Prozent der Kinder haben in irgendeiner Form schon häusliche Gewalt erlebt.“
Zwar gebe es im Landkreis bereits ein niedrigschwelliges Hilfs- und Beratungsangebot, aber „wir stoßen in unserer eigenen Professionalität an unsere Grenzen. Wir wollen Mindeststandards entwickeln.

Es soll nicht zufällig sein, an welche Stelle sich ein Betroffener wendet“, meint Meier. Dabei gelte es, noch besser als bisher Zuständigkeiten abzustimmen. „Bei häuslicher Gewalt zerren bis zu zehn Helfer an einer Familie, ohne gemeinsames Ziel. Das wollen wir ändern und in eine gemeinsame Handlungsrichtung gehen. Da ist der Fachtag der erste Schritt“, erklärt Wehking.
Durch die zunehmende Vernetzung würden zudem Hemmschwellen abgebaut. „Ein Nebeneffekt ist der kurze Dienstweg. Wenn ich weiß, wer an der anderen Leitung am Hörer sitzt, rufe ich eher an“, sagt Annette Schediwy vom Jugendamt. „Wir haben landkreisweit Schulungen für Erzieherinnen in Kitas angeboten. Dabei haben wir sie dafür sensibilisiert, dass das Jugendamt Hilfe anbietet – und nicht böse ist.“

Nach wie vor gebe es bei einigen Menschen eine Hemmschwelle, die Fälle anzuzeigen. Dabei komme erschwerend hinzu, dass die Opfer in der öffentlichen Wahrnehmung zum Teil noch heute mit einem Makel behaftet seien, wie die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises festgestellt hat. Colette Thiemer: „Viele haben die Einstellung: ,Irgendeinen Grund wird er schon gehabt haben.‘“

Einen ersten Erfolg hat die Arbeitsgruppe bereits erzielt: Bisher gab es lediglich den automatischen Hinweis an die BISS, wenn eine Frau Opfer häuslicher Gewalt wurde. Künftig erhält auch das Jugendamt den Hinweis, wenn in dem betroffenen Haushalt auch ein Kind lebt. „Darauf haben wir mit Nachdruck hingewirkt“, erklärt Meier.

Für ihr Ziel, den Kindern im Schaumburger Land möglichst früh und kompetent zu helfen, erhofft sich die Arbeitsgruppe Anregungen durch den Fachtag am Dienstag, 17. März, ab 8.30 Uhr im JBF-Centrum Obernkirchen, Auf dem Bückeberg 2. Anmeldungen sind möglich bis zum 2. März bei der Volkshochschule unter Telefon (05721) 7870 oder per E-Mail an info@vhs-schaumburg.de. Dabei sollte die Kursnummer angegeben werden: 214111. ber

Mehr als 2000 Fälle

Die BISS-Beratungs- und Interventionsstelle hat seit ihrem Bestehen im Jahr 2002 Kenntnis erlangt über 2067 Fälle häuslicher Gewalt. Dabei waren in 1750 Fällen auch Kinder betroffen. 2014 sind der BISS 232 Fälle bekannt geworden, bei denen in 175 Fällen auch Kinder betroffen waren. Allerdings betont Gabriele Dransfeld vom BISS: „Die Zahlen sind als Spitze des Eisberges zu verstehen. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.“

Im Frauenhaus Stadthagen haben seit 1984 insgesamt 1404 Frauen und 1596 Kinder Zuflucht gesucht. 2014 waren es 68 Frauen und 56 Kinder.
Das BASTA Mädchen- und Beratungszentrum hat 2014 insgesamt 898 Beratungsgespräche mit Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften geführt. Diese verteilen sich auf 140 Fälle hauptsächlich sexualisierter und häuslicher Gewalt.

Mit Mädchen zwischen 8 und 17 Jahren hat BASTA 89 Beratungsgespräche zum Thema sexualisierte Gewalt geführt, zum Thema häusliche Gewalt 47.

RAT & HILFE

Frauenhaus Schaumburg
Postfach 1146
31641 Stadthagen
Telefon (05721) 93 98 30
E-Mail: fh@awo-kv-schaumburg.de

BASTA Mädchen- und Frauenberatungszentrum e. V.
Enzer Straße 22A
31655 Stadthagen
Telefon (05721) 91048
BISS-Stelle Schaumburg/Nienburg
Am Sonnenbrink 13
31655 Stadthagen
Telefon (05721) 995121
E-Mail: biss@awo-kv-schaumburg.de

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