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Wenn aus Förderung Überforderung wird

Thema des Tages: Helikopter-Eltern Wenn aus Förderung Überforderung wird

Sie wollen nur das Beste für ihre Kinder, räumen jedes Hindernis sofort aus dem Weg und tun alles, wirklich alles für den Nachwuchs. Sogenannte „Helikopter-Eltern“ wollen die totale Kontrolle über das Leben ihrer Sprösslinge, verlieren dabei aber die Individualität der Kinder aus dem Blick.

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Sie kreisen über ihren Kindern: Helikopter-Eltern überwachen ihren Nachwuchs. Ein Erziehungsstil zwischen übertriebener Förderung und extremer Verwöhnung.

Quelle: pr.

Von Martina Koch und Katharina Grimpe

Landkreis. „Helikoptereltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“ ist der Titel eines Buchs von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Darin kritisiert Kraus ein Eltern-Bild, das er immer öfter erlebt: Eltern, die ein anwaltliches Schreiben an die Schule verfassen, weil ihr Sohn nur eine Drei bekommen hat oder die Klage, warum die Tochter in die Klasse 7b kommt und nicht in die 7d, wo die Freundin ist.

Sogenannte Helikopter-Eltern kreisen über ihren Kindern in allen Lebenslagen, wollen Schule, Freizeit und mitunter auch die spätere Karriere ihres Nachwuches kontrollieren. Helikopter-Eltern schonen, behüten und unterstützen ihre Kinder im Übermaß: ein Erziehungsstil zwischen übertriebener Förderung und nachgiebiger Verwöhnung.

„Diese Form extremer Fürsorge tritt bei uns bereits in der zweiten Klasse auf“, sagt Hildegard Focke, Stellvertreterin des kommissarischen Schulleiters an der Grundschule im Petzer Feld in Bückeburg. Es gibt Schüler, die von ihren Eltern bis in den Klassenraum begleitet werden. Dabei kommt es öfters vor, dass die Eltern sogar den Ranzen des Kindes tragen, oftmals mit dem Argument, dass er für ihren zierlichen Sohn oder ihre zierliche Tochter viel zu schwer sei, sagt Focke. „Da wir in diesen Fällen aber ansonsten nicht den Eindruck haben, dass die Kinder von übertriebener Fürsorge erdrückt werden, nehmen wir von der Situation Abstand“, macht Focke deutlich.

Problematischer hingegen sieht das Kollegium die Eltern, die ihre Kinder nicht mal ihre eigenen Streitigkeiten mit Klassenkameraden klären lassen. Es ist ihnen von Seite der Eltern aus untersagt, sich selber um diese Probleme zu kümmern. Stattdessen kommen die Eltern in die Schule, um den Streit zu klären, sagt Focke. „Wir müssen ihnen dann jedoch sagen, dass jeder Konflikt unter den Kindern, der in der Schule entsteht, von der Schule geklärt wird“, betont Focke. Was jedoch auf dem Schulweg passiert liegt nach Worten von Focke bei den Eltern.

Helmut Quander, Rektor der Grundschule Nienstädt, ist derselben Ansicht: „Eltern geben ihre Aufsichtspflicht mit dem Absetzen des Kindes auf dem Schulgelände an die Pädagogen ab.“ Streitigkeiten unter Schülern werden in der Schule ohne die Eltern gelöst. „Wenn erforderlich, greifen die Lehrkräfte mithilfe der Schulleitung ein“, sagt Quander. Nur so kann die Selbstständigkeit der Schüler ausgebaut und gestärkt werden. Überfürsorglichen Eltern begegnet Quander nach eigenen Angaben in der Grundschule Nienstädt jedoch eher selten.

Josef Kraus schätzt den Anteil der Elternschaft, der sich ausgeprägt überfürsorglich verhält, auf etwa zehn bis 15 Prozent. Er verweist in seinem Buch darauf, dass sich heute nur jeder zweite Grundschüler ohne Eltern auf den Schulweg macht, während das 1970 in Westdeutschland noch 91 Prozent der Kinder taten, und fragt sich, ob Deutschland wirklich so viel gefährlicher geworden sein kann. Und der viel bejammerte Schulstress rührt nach Worten von Kraus nicht daher, dass die Schule in Deutschland so viel anstrengender geworden wäre, sondern entsteht durch den Förderwahn der Eltern, die für ihr Kind neben einer Englischausbildung ab dem dritten Lebensjahr, dem Erlernen eines Musikinstruments ab dem vierten Lebensjahr und einer Karriere im Sportverein ja nur das Beste wollen.

Anneke Wilkening aus Stadthagen ist die Vorsitzende des Schulelternrates der Grundschule Am Sonnenbrink und vertritt die Ansicht, dass Kinder nicht zu überbehütet werden sollten. Sich in einen Streit ihrer Tochter mit einer Klassenkameradin einzumischen, kommt für sie nicht infrage: „Ich habe mich in einem solchen Fall geweigert, mich bei der anderen Mutter zu beschweren. Daraufhin nahm meine Tochter den Hörer in die Hand und klärte die Sache selbst mit ihrer Freundin und deren Mutter. Hinterher hab ich meine Tochter gelobt und sie selber fühlte sich wieder ein Stück erwachsener“.

Wilkening persönlich beobachtet, dass sich Eltern mehr und mehr in zwei Lager spalten. „Da sind einmal die Eltern, denen alles gleichgültig ist und die, die ihre Kinder mit Fürsorge ersticken“, sagt Wilkening. Vielen Kindern fehlt heutzutage jeglicher Sinn für Regeln und Ordnung. „Wenn das Radiergummi weg ist, kauft Mama eben sofort ein neues“, beschreibt Wilkening die wachsende Unselbstständigkeit überbehüteter Kinder, denen alles abgenommen wird. Sie selbst hofft, bei der Erziehung ihrer Tochter ein gesundes Mittelmaß zu finden.

Helikopter-Eltern: Die Metapher für überfürsorgliche Eltern wurde bereits 1969 vom israelischen Psychologen Haim Ginott verwendet. Als Helikopter-Eltern werden Eltern bezeichnet, die wie Beobachtungs-Hubschrauber über ihren Kindern kreisen, um sie zu überwachen und zu behüten. Im Englischen wird dieses Verhalten als „Overparenting“ bezeichnet.

Überbehütung kann schaden

Leistungsdruck, Stress, keine Möglichkeit der freien Entfaltung: Wenn Kinder keinen Schritt alleine tun dürfen und in allen Lebenslagen von ihren Eltern kontrolliert und behütet werden, kann das durchaus negative Folgen für ihre Entwicklung und die Eltern-Kind-Beziehung haben.

So kann ein Zuviel an Bildungs- und Freizeitangeboten für Kinder zusätzlich zu Schule und Hausaufgaben zur Überforderung der Jungen und Mädchen führen, betont der Stadthäger Kinder- und Jugendpsychologe Rolf Schmitz-Rost. „Kinder brauchen Freiraum, um sich und die eigene Persönlichkeit erst kennenzulernen.“ Müssen sie die hohen Erwartungen ihrer leistungsorientierten Eltern erfüllen und sich im Ballettunterricht, der Musikschule oder im Fußballverein hervortun, ohne dass das ihren eigenen Interessen entspricht, entsteht Stress. Ein eigenes Selbstverständnis könne sich so gar nicht erst entwickeln.

Das Problem: Durch ein Zuviel an Förderung würden Eltern meist ihr Kind aus den Augen verlieren und es nicht als Individuum wahrnehmen. „Die Eltern leben dann über ihren Kinder“ und hätten meist viel zu hohe Erwartungen an die Heranwachsenden und an das eigene Elternsein. Darunter würde auch die Eltern-Kind-Beziehung leiden. Nämlich dann, wenn Eltern feststellen, dass sich der ganze Förderzirkus nicht auszahlt. Wird aus dem Sprössling trotz der Geigenstunden kein Musikgenie wird, entsteht Frust. „Das Kind wird abgewertet, als undankbar und respektlos abgestempelt“, sagt Schmitz-Rost.

Freiraum und Individualität nennt auch Birgit Schaper-Gerdes vom Kinderschutzbund Schaumburg als Schlüsselbegriffe einer Erziehung, die das Kind und dessen eigene Interessen in den Blick nehmen sollte. Schon in der frühen Kindheit sei es wichtig, dem Kind zuzutrauen, „dass es sich in seinem eigenen Tempo entwickelt und seinen Weg macht.“ Angebote für Kleinkinder seien gut, aber auch da gelte die Prämisse: Weniger ist mehr. Ausreichend Zeit für freies Spiel fördere die Kreativität, Kinder würden so die Möglichkeit bekommen, sich intensiv handelnd mit der eigenen Umwelt auseinanderzusetzen.

Dazu gehören auch negative Erfahrungen. „Eltern sollten ihren Kindern nicht alles aus dem Weg räumen, damit sie lernen, mit Frustrationen umzugehen und aus Fehlern zu lernen“, macht die Pädagogin deutlich. Auch Schmitz-Rost weist auf die Wichtigkeit hin, Kinder zum Beispiel Konfikte selbst austragen zu lassen. Das Vertrauen der Eltern in die Fähigkeiten des Kindes, die eigenen Erfahrungen zu machen und Potenziale auszuschöpfen, stärke das Selbstvertrauen und ein positives Selbstwertgefühl des Kindes.

Die Balance zu finden, Kindern Freiraum zu geben und gleichzeitig Grenzen zu setzen, sei Schwerst-Arbeit für die Eltern, betont Schaper-Gerdes. Oft stünde hinter einem Zuviel an Bildungsangeboten der Wunsch, den Kindern den bestmöglichen Start in die Welt geben zu wollen. Viel wichtiger sei jedoch, dass sich Eltern als liebevolle Beobachter verstünden. „Eltern sollen präsent sein, aber die Kinder machen lassen und ihnen helfen, den eigenen Weg zu gehen.“

INFO: „Starke Eltern – starke Kinder“ heißt ein Kursangebot des Kinderschutzbundes, das Dienstag beginnt. Eltern sollen dabei unterstützt werden, ein positives Familienklima zu schaffen, in dem Kindern die Möglichkeit gegeben wird, sich den eigenen Potenzialen entsprechend zu entwickeln. Infos gibt es im Netz unter www.kinderschutzbund-schaumburg.de. r

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