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Wenn sich die Eltern trennen

Thema des Tages Wenn sich die Eltern trennen

Wenn Eltern sich trennen, dürfen die Kinder nicht auf der Strecke bleiben. Doch oft genug gleicht das Leben als Scheidungskind dem Gang über ein Minenfeld. Eltern können ihr Kind dabei unterstützen, das einschneidende Erlebnis gut zu verkraften. Hilfe finden sie dabei in der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Schaumburg.

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Quelle: Symbolbild

Thema des Tages. Scheidungskind. Was früher als Stigma galt, als Pauschalerklärung für Bindungsunfähigkeit und Verlustangst, ist heute Normalzustand. Jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden. Fast die Hälfte dieser Paare hat minderjährige Kinder. 2013 waren das 136 000 Mädchen und Jungen, die sich mit der Trennung ihrer Eltern auseinandersetzen mussten.Für viele ist das Schwerstarbeit. Denn Kinder empfinden das Ende der elterlichen Partnerschaft als einschneidend, oft genug als traumatisch.

Dabei ist es weniger die Trennung an sich, unter der Kinder leiden, erklärt Regina Reichart-Corbach. Als viel schlimmer erleben sie den Streit der Eltern, die andauernden Anschuldigungen und Gefühlsausbrüche, die oft genug auf dem Rücken der Jungen und Mädchen ausgetragen werden. Reichart-Corbach weiß, wovon sie spricht. Als Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Landkreises Schaumburg gehört es zu ihrer Arbeit, Familien vor, während und nach einer Trennung beratend zur Seite zu stehen. Ihr Ziel: den Müttern und Vätern trotz Scheidung zu einer erfolgreichen Elternschaft zu verhelfen.

Denn, und das betont die Pädagogin nachdrücklich, eine Scheidung muss kein Trauma sein. Auch Kinder getrennt lebender Eltern können glücklich aufwachsen, wenn ihre Bedürfnisse erfüllt werden und wenn sie eine intakte Beziehung zu beiden Elternteilen führen dürfen. Das setzt jedoch eines voraus: Die Fähigkeit der Eltern, an einem Strang zu ziehen, als Team die Verantwortung für den Nachwuchs zu übernehmen – auch wenn das für wütende Ex-Partner eine extreme Herausforderung sein kann.

„Unser Ziel in der Beratung ist deshalb, dass die Eltern lernen, wieder konstruktiv miteinander zu reden und nach dem Streit einen neuen Weg der Kommunikation finden“, sagt Reichart-Corbach. Dazu gehört auch, den Eltern die Perspektive der Kinder zu erläutern.
Diese leiden massiv unter dem elterlichen Streit, der das durch eine Trennung ohnehin zerstörte kindliche Sicherheitsempfinden weiter bedroht. Kinder tragen den Konflikt der Eltern in sich, erklärt Reichart-Corbach. Wenn Mutter und Vater sich streiten, können sich Kinder emotional nicht abgrenzen. Sie denken, dass sie selbst betroffen sind und suchen die Schuld bei sich. Und sie haben Angst, von den Eltern verlassen zu werden.

Die Folge: „Das Kind führt ein Doppelleben“, sagt die Erziehungs- und Familienberaterin und erläutert: „Kinder bedienen beide Seiten des Streits und sind dadurch emotional gespalten. Die konfliktreiche Beziehung der Eltern ist für das Kind wie ein Minenfeld, denn es weiß nie, was es dem jeweils anderen Elternteil erzählen kann, ohne ihn zu verletzen.“ Der Zwiespalt, weder Mutter noch Vater zu verärgern oder traurig zu machen, führt laut Reichart-Corbach so weit, dass ein Kind die Beziehung zu beiden Elternteilen nicht unbelastet ausleben kann.

Ein Beispiel: Ein neunjähriges Mädchen kommt nach dem Wochenende bei ihrem Vater nach Hause. Obwohl sie sich gut mit dessen neuer Partnerin versteht und sich beim Vater wohlfühlt, hat das Mädchen Angst, ihrer Mutter zu erzählen, wie schön das Wochenende bei Papa war oder wie lustig und nett seine neue Freundin ist. Stattdessen erklärt das Kind, dass es lieber bei seiner Mutter ist und nicht mehr so oft zum Vater möchte. Auf der anderen Seite kann es auch vorkommen, dass die Neunjährige ihrem Vater erklärt, dass es bei ihm viel schöner ist, als bei Mama. „Das sind keine Lügen des Kindes“, betont Reichart-Corbach. Das Kind möchte mit seinen vermeintlich kritischen Aussagen über ein Elternteil viel mehr unbewusst signalisieren, dass es das andere Elternteil lieb hat und dessen Gefühle bedienen.

Reichart-Corbach hat noch eine weitere Erklärung für dieses Doppelleben: „Kinder leben im Jetzt und Hier. Sie spüren Präferenzen und Wunschtendenzen stärker bei dem Elternteil, bei dem sie sich gerade wohlfühlen.“ Wenn ein Kind das Zusammensein mit seinem Vater genießt, möchte es manchmal nicht weg oder weint beim Abschied. Die Gefahr ist dann, dass der Vater kritische Äußerungen des Kindes vorschnell als Appell versteht, bestehende Umgangsregelungen zu verändern.

Eltern ist in dieser Situation kein Vorwurf zu machen, betont die Beraterin. Schließlich laufen diese Prozesse subtil und auf einer unbewussten Ebene ab. Stattdessen helfen regelmäßige Gespräche der Eltern über das Kind dabei, die Situation zu entschärfen. „Was hat das Kind gesagt, als es bei dir war? Was habt ihr zusammen erlebt? Elternsein heißt letztendlich: Zwei Menschen reden über ihr Kind und versuchen zu verstehen, wie es ihm geht.“ Dafür sei es unerlässlich, ein Maß an Kooperation aufzubringen.

Fakt ist auch: Weder Mutter noch Vater darf den anderen Elternteil vor dem Kind schlecht machen. Hinter so einem Verhalten steckt laut Reichart-Corbach oft die Angst, die Liebe des Kindes an den anderen zu verlieren. Oder aber das fehlende Vertrauen, dass sich der Ex-Partner gut um den Nachwuchs kümmert. Auch in diesem Punkt kann das gemeinsame Gespräch Ängste reduzieren. „Wichtig ist die Bereitschaft der Eltern, die Beziehung des Kindes zum jeweils anderen Elternteil zu akzeptieren und zu fördern, ohne eigene Maßstäbe an diese Beziehung zu setzen.“ Soll heißen: Eltern müssen dem Kind vermitteln, dass es beide Eltern lieb haben darf, ganz egal, was sie übereinander denken. Denn für ein glückliches Heranwachsen ist die intensive Bindung zu beiden Eltern fundamental.

Dass es für Eltern, die sich im Streit getrennt haben, sehr schwer ist, weiterhin gemeinsam verantwortlich für ihre Kinder da zu sein, weiß auch Reichart-Corbach. „Die Trennung ist eine Krise für alle Beteiligten.“ Guter Zeitpunkt für die Beratung ist deshalb, wenn alle wichtigen existenziellen und finanziellen Fragen zwischen den Eltern geklärt sind. Vorher gelingt es nach Auskunft der Familienberaterin häufig nicht, eine konstruktive Gesprächsebene herzustellen. Erst dann kann gemeinsam auf Augenhöhe geklärt werden, wie die Eltern ihren Kindern nach der Scheidung zur Seite stehen können. kcg

factbox

Hilfe für mehr als 1000 Familien

Nicht nur Eltern, die sich getrennt haben oder trennen wollen, finden Hilfe bei Regina Reichart-Corbach und ihrem Team. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Landkreises Schaumburg geben Hilfestellung in allgemeinen Erziehungsfragen und stehen Familien zur Seite, deren Kinder schulische Probleme haben oder an einer Lernstörung wie Legasthenie oder Dyskalkulie leiden.

1091 Familien haben sich 2014 mit unterschiedlichen Problemen an die Beratungsstelle gewendet. Die Anmeldung ist grundsätzlich freiwillig, auch wenn die Beratung von Lehrern, Ärzten oder einem Gericht empfohlen wurde. Die Beratung erfolgt in individuellen Einzelterminen oder während der offenen Sprechstunde, sie ist kostenlos und wird vertraulich geführt. Zusätzlich gibt es unterschiedliche Gruppenangebote für Kinder mit Rechtschreib- oder Rechenschwierigkeiten, mit Konzentrationsstörungen und problematischer Arbeitshaltung, die von Sozialpädagogen geleitet werden.

Geschwisterrivalität, Probleme mit Gleichaltrigen, Mobbing, Ängste, Schlafstörungen, Essstörungen: In der allgemeinen Erziehungsberatung können Familien alle Sorgen und Nöte besprechen und sich psychologisch fundiert beraten lassen. Im Bereich Teilleistungsstörung bietet die Beratungsstelle eine gezielte Förderung auf der Grundlage einer individuellen Diagnostik an. Außerdem helfen die Mitarbeiter Eltern dabei, sich für eine geeignete Schulform für ihr Kind zu entscheiden.

Die Nachfrage nach Erziehungsberatung bleibt seit Jahren stabil, teilt Reichart-Corbach mit. Vor allem Eltern mit sechs- bis 13-jährigen Kindern melden sich bei der Beratungsstelle. Im Gegensatz dazu fragen nur wenige Eltern sehr junger Kinder nach Hilfe. Das liegt nach Auskunft Reichart-Corbachs vor allem daran, dass der Landkreis im Bereich früher Hilfen sehr gut aufgestellt ist.

Das Angebot der professionellen Unterstützung für Familien helfe, Krisen zu überwinden und die Beziehung von Eltern und Kindern zu stärken. Sie gebe Kindern und Jugendlichen die Zuversicht, ihren Alltag in Schule, sozialem Umfeld und Familie meistern zu können. „Wer Rat sucht, zeigt Stärke und gibt keinesfalls nur eine Schwäche zu, denn er ist bereit, sich mit Problemen auseinanderzusetzen und sie zu lösen“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle. kcg
 - Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Landkreises Schaumburg, Eilsener Straße 15, 31683 Obernkirchen, Telefon (05724) 6011 und 6012, E-Mail an erziehungsberatungsstelle.51@landkreis-schaumburg.de
 - Außenstellen gibt es in Bad Nenndorf, Bückeburg, Lindhorst und Rinteln, die ebenfalls über Telefon (05724) 6011 und 6012 zu erreichen sind.
 - Die offene Sprechstunde wird mittwochs, 8 bis 10 Uhr, in Obernkirchen angeboten. Um Anmeldung wird gebeten

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