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Wer allein reist, ist niemals einsam

Thema des Tages Wer allein reist, ist niemals einsam

„Das kommt gar nicht in die Tüte“: Ihre Eltern sind alles andere als begeistert, als die 22-jährige Bahar Ülgen von ihren Plänen erzählt. Nach der Ausbildung will sie um die Welt reisen – und zwar ganz alleine. Doch die Bückeburgerin setzt sich
durch und erlebt in Asien das Abenteuer ihres Lebens. Ein Reisebericht.

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Landkreis. Irgendwann kamen sie dann doch, die Zweifel. „Das war in meiner ersten Nacht, in der ich tatsächlich ganz allein unterwegs war.“ Bahar blättert in ihrem Reisetagebuch und erinnert sich lebhaft an den Abend in einem Hostel auf Bali. Gerade erst hatte sie sich von ihrer Reisepartnerin getrennt – zu unterschiedlich waren die Vorstellungen der beiden jungen Frauen über die Art und Weise des Unterwegsseins – und am Abend konnte sie nicht in den Schlaf finden. „Ich war so weit weg von zu Hause und hatte Angst, dass ich mir vielleicht zu viel vorgenommen hatte.“ Doch der folgende Abend mit vier anderen Frauen, die ebenfalls jede für sich durch Asien tingelten, ließ sie wieder neuen Mut schöpfen. „Die Mädels waren alle so stark, da wusste ich, dass ich das auch schaffen kann.“ Was folgte, war ein Trip quer durch Asien, den Nahen Osten und Afrika. Zwölf Länder in sechs Monaten. Das Abenteuer ihres Lebens.

Doch von Anfang an. Bahar Ülgen, 23 Jahre alt, wollte nach ihrem Abschluss als Sparkassenbetriebswirtin Anfang 2015 nur eines: Reisen. Die Welt sehen. Fremde Menschen und Kulturen kennenlernen. „Ich hatte so ein Fernweh und das Bedürfnis, etwas nur für mich zu machen, etwas, wozu ich später im Berufsleben keine Gelegenheit mehr haben würde“, beschreibt die Bückeburgerin. Also überzeugte sie ihren Arbeitgeber kurzerhand, sie für sechs Monate freizustellen und investierte ihr Sparguthaben in ein Flugticket nach Indonesien.

Ihr Plan: Asien entdecken und sich nach und nach bis nach Europa vorarbeiten – ohne Reiseveranstalter, ohne festes Ziel, mit dem Rucksack auf dem Rücken. „Ich bin so ein Reisetyp, der spontan unterwegs ist, ich mache nie viele Pläne und überlege erst vor Ort, wohin es weiter geht.“ Gefällt ihr ein Ort, bleibt sie und taucht in die Kultur ein. Gefällt er nicht, zieht sie weiter.

Umso spärlicher war die Planung für den großen Asien-Trip. Einzig für den Aufenthalt in Indien organisierte sich Bahar noch in Deutschland Unterkunft und Begleitung. „Ich wusste, dass es als Alleinreisende dort gefährlich sein kann und habe mich für einen Monat bei einem Freiwilligen-Projekt angemeldet.“

Eine große Hürde war dann noch vor dem Abflug zu meistern: „Meine Eltern von der Reise zu überzeugen, hat mich wirklich Mut gekostet.“ Bahar wusste: Steht sie nicht selbst felsenfest hinter ihrem Vorhaben, wird sie es auch nicht schaffen, die Familie von ihren Plänen zu begeistern. „Meine Eltern waren schockiert und mein Vater hat immer wieder versucht, mich von der Reise abzubringen“, schildert sie schmunzelnd. Doch die damals 22-Jährige blieb standhaft und der Vater akzeptierte ihren Wunsch, auf eigene Faust die Welt zu entdecken.

Ob sie denn keine Angst gehabt habe, so ganz allein als Frau unterwegs zu sein? „Ich war da ganz pragmatisch“, sagt Bahar. Sie besuchte einen Selbstverteidigungskurs und klickte sich durch zahlreiche Blogs alleinreisender Frauen. Und auf der Reise selbst hat sie immer wieder festgestellt: „Nicht nur das Geschlecht entscheidet, sondern viel mehr das Auftreten an sich.“

Dann kam der Zeitpunkt des Abflugs. „Das war am 7. Februar 2015, meine ganze Familie hat mich zum Flughafen gebracht.“ Die erste Station: Indonesien. Es folgten Abstecher nach Malaysia und Taiwan, nach Thailand, Indien, Nepal, Indien und Bangladesh. Von der Türkei ging es nach Israel, Palästina, nach Marokko und Spanien.

Bahars Motto auf der Reise: Lieber abseits ausgetretener Pfade tief in die jeweilige Kultur eintauchen, als den 1000. Tempel anzuschauen. Statt die typischen Touristenziele in den jeweiligen Ländern abzuklappern, fasste sie sich ein Herz und kam mit den Einheimischen ins Gespräch. „Ich bin auf die Menschen zugegangen und habe ihren Alltag kennengelernt“, erinnert sich die Bückeburgerin und berichtet begeistert, wie sie auf Bali surfen gelernt hat, in Indien einen Bekannten zu einer Hochzeit begleiten durfte, in Marokko in einem Hostel arbeitete und in Indonesien mit Einheimischen Nasi Goreng kochte.

Klar habe es auch Sprachbarrieren gegeben. Zum Beispiel in Taiwan, als sie in Restaurants Schwierigkeiten hatte, der kaum Englisch sprechenden Belegschaft klar zu machen, dass sie kein Schweinefleisch isst. „Ein netter Hotelbesitzer hat mir dann die passenden chinesischen Schriftzeichen aufgeschrieben.“ Und ja, sie habe auch die ein oder andere brenzlige Situation erlebt. Bahar erzählt von einem Unfall mit einem Motorroller, bei dem sie leicht verletzt wurde. Von der Woche, in der sie in Malaysia mit einer schweren Mandelentzündung und hohem Fieber ins Krankenhaus musste. Oder vom Erdbeben in Nepal, dass sie verschanzt mit Waisenkindern in einem Kinderheim überstand. „Aber es hat sich immer alles gefügt und ich wurde von vielen neuen Freunden unterstützt.“

Nicht nur Bahars Eltern sind stolz auf ihre Tochter, die sich in fremden Kulturen ganz allein zurechtgefunden hat. Auch die Bückeburgerin selbst sei selbstbewusster und selbstständiger geworden. Ob sie sich während der Reise verändert hat? „Vielleicht nicht verändert. Ich würde eher sagen, dass ich mich selbst sehr gut kennengelernt habe.“ Das Alleinreisen habe ihr Gelegenheit gegeben, besondere Momente nur für sich zu genießen. Ihre Gedanken hielt sie in ihrem Tagebuch fest, das ihr nun, zurück in Bückeburg, dabei hilft, die Erinnerung an all die wunderbaren Erlebnisse wachzuhalten.

„Wenn ich die Texte lese und die Fotos anschaue, bin ich sofort wieder drin in der Reise“, schwärmt die 23-Jährige und betont, mit vielen Bekannten, die sie in Asien kennengelernt hat, Kontakt zu halten. „Jeder dieser Menschen ist etwas ganz Besonderes für sich“, sagt Bahar. Vor allem der Aspekt des Teilens habe sie nachhaltig beeindruckt. „Viele haben nicht nur ihre Gedanken und ihre Zeit mit mir geteilt, sondern auch ihre knappen Ressourcen.“ So habe sie unterwegs letztendlich immer gewusst: „Wenn du allein reist, bist du niemals einsam.“
Die Frage, welches Land auf ihrer Reise das schönste sei, will Bahar nicht beantworten. „Das kann ich gar nicht sagen, jeder Ort hat seinen besonderen Zauber.“ Doch trotzdem will sie vor allem eine Erfahrung nicht missen. Gemeinsam mit ihrem Vater besuchte die Bückeburgerin das Dorf ihrer Familie in der Türkei und überzeugte ihren Vater, die türkische Heimat während einer Rundreise mit dem Auto kennenzulernen. Diese Wochen hätten ihr geholfen, sich intensiv mit den eigenen Wurzeln und dem eigenen Heimatgefühl auseinanderzusetzen. Sie sei weder ganz türkisch, noch ganz deutsch, wisse nun aber um ihre Herkunft. Das gehöre zu den wertvollsten Erfahrungen ihres Auslandsabenteuers.

Von Katharina Grimpe

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