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Wie soll ein moderner Christ uralte Geschichten glauben?

Theologie Wie soll ein moderner Christ uralte Geschichten glauben?

Das Alte Testament ist kein Wort Gottes an die Christenheit, was einzig wirklich zähle, sei das Neue Testament – so etwa lassen sich die aktuell in der Theologenwelt diskutierten und umstrittenen Thesen des Berliner Theologieprofessors Notger Slenczka umschreiben. Wir sprachen mit hiesigen Theologen darüber.

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Von Cornelia Kurth

Wer eine Kinderbibel besessen hat – mag er nun heute gläubig sein oder nicht – der kennt wohl die großen, unheimlich faszinierenden Erzählungen aus dem Alten Testament: dass es in Gottes Paradies eine böse Schlange gibt, die Adam und Eva dazu verführt, von den Früchten des verbotenen Baumes zu essen; dass Gottes Sintflut fast die ganze Welt vernichtet; dass Lots Frau zu einer Salzsäule erstarren muss oder der ungehorsame Jona von einem Wal verschluckt wird – unvergesslich. Genau dieses archaisch wirkende Mythologische macht das Alte Testament so eindrücklich und ist allerdings zugleich mit ein Grund dafür, dass mancher sich fragt: Was hat das alles mit einem modernen Gottesverständnis zu tun?
Denn der moderne christliche Gott, so wie er Gottesdienstbesuchern in den evangelischen Kirchen begegnet, ist doch alles in allem der „liebe Gott“. Unvorstellbar, dass der jähzornige, launische, eifersüchtige, kriegerische und strafende Gott, wie ihn viele aus dem Alten Testament in Erinnerung haben, im Mittelpunkt moderner Verkündigung stehen würde. Dort steht nämlich Jesus Christus, als sanfter, gewaltloser Botschafter einer universalen Gottesliebe, der zu den Sündern, Außenseitern und Verlorenen steht und gemahnt hat, auch noch die rechte Wange hinzuhalten, wenn jemand einen auf die linke Wange schlug. „Wenn alle Menschen an den Gott der Liebe des Neuen Testaments glauben würden, dann gäbe es keinerlei Begründung mehr für Krieg und Gewalt“, das etwa meinte nachdenklich ein Zuhörer nach einem Vortrag der Hamelner Rabbinerin Irit Shillor in Rinteln.
Die aber wurde ärgerlich über diese Anmerkung. Als Jüdin ist sie vertraut mit der Idee so mancher Christen und Bibellesender, dass das Neue Testament dem Alten Testament, also der Hebräischen Bibel, überlegen sei. Immer wieder gab es Theologen, die das Alte Testament am liebsten ganz aus dem Kanon der „Heiligen Schrift“ entfernt hätten. Das beginnt schon bei dem Griechen Marcion, der im zweiten Jahrhundert verbreitete, der „böse“ Gott des Alten Testamentes hätte keinerlei Verwandtschaft mit dem „guten“ Gott, der Christus in die Welt entsendete. Es führte hin zu den „Deutschen Christen“ während der Nazizeit, die sogar die Behauptung wagten, Christus sei gar kein Jude gewesen. Und es endet schließlich aktuell bei den Thesen des renommierten Berliner Theologieprofessors Notger Slenczka.
Slenczka verteidigt die hundert Jahre zuvor vom Theologen Adolf von Harnack vertretene Auffassung, dass das Alte Testament lediglich Ausdruck einer „ethnisch gebundenen Stammesreligion“ sei, nämlich derjenigen des damaligen Volkes Israels. Die alten Texte seien durchaus interessant für ein tieferes Verständnis des Christentums, doch sollten sie nicht als Wort Gottes an die Christenheit gelten. „Die Universalität des Religiösen ist erst in Jesus von Nazareth erfasst und wird im Laufe der Christentumsgeschichte ausgearbeitet“, schreibt er. Die Konsequenz aus solchen Überlegungen fasste die Frankfurter Allgemeine Zeitung polemisch so zusammen: „Theologieprofessor fordert die Abschaffung des Alten Testaments“.
Das allerdings ist nicht Anliegen des Berliner Professors, und es geht ihm auch nicht darum, den Gott des Alten Testaments als Rachegott dem liebenden Gott des Neuen Testamentes gegenüberzustellen und ihn damit abzulehnen. Was er verteidigt, stimmt mit dem überein, was Rabbinerin Irit Shillor ebenfalls vertrat in ihrem Rintelner Vortrag: dass das Alte Testament auf eine Weise von Gott erzähle, die nichts mit Jesus Christus zu tun habe. Genau so wie Irit Shillor als Vertreterin des Judentums geht Notger Slenczka davon aus, dass Christus nicht der von den alten Propheten angekündigte Messias sei. Das Alte Testament handele von Gott, der sich seinem auserwählten Volk bedingungslos zuwende, das Neue Testament dagegen tröste die Christen mit Christus Theologie der universalen Liebe.
Während Theologen und Kirchenvertreter eindeutig, oft geradezu empört gegen Slenczka Stellung beziehen – vor allem auch da, wo er davon spricht, dass das moderne christliche Selbstbewusstsein ein „Fremdeln“ gegenüber den alten Texten empfinde –, da leuchtet so manchem theologischen Laien der Gedanke einer Ausgrenzung des Alten Testamentes durchaus ein. Wie soll ein moderner Christ auch diese uralten Geschichten glauben? „Für mich ist das Alte Testament eher so etwas wie ein spannendes Märchen- oder Sagenbuch“, meinte eine weitere Zuhörerin des Irit-Shillor-Vortrags im anschließenden Gespräch.
Philipp Meyer, Superintendent im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Hameln-Pyrmont, hat durchaus Verständnis für solche Äußerungen. „Was wir brauchen sind Zugangshilfen, um die grundlegende Bedeutung des Alten Testaments zu sehen“, sagt er. „Zu glauben bedeutet nicht, die Bibel wörtlich zu nehmen. Damit würde man auch schnell in unauflösbare Widersprüche geraten. Die Bibel ist keine Schrift, in der behauptet würde, sie sei unmittelbar das Wort Gottes, sie ist vielmehr die Rede von und über Gott, es sind Zeugnisse der Gottesannäherung.“ Das ließe sich schon an ihrer Form ablesen, an den zwei unterschiedlichen Schöpfungsgeschichten, den vier verschiedenen Evangelien, überhaupt daran, dass die einzelnen Schriften so vielfältigen Charakter hätten. Die Geschichtsschreiber sprächen anders als die Propheten, die Evangelisten anders als Apostel Paulus in seinen Briefen an die entfernten Gemeinden.
„Die Bibel ist ein widerständiges Buch, auch das Neue Testament“, so Philipp Meyer. „Wenn man nur übrig ließe, was keinen Widerstand bietet, mit dem Anspruch, die absolute Wahrheit gefunden zu haben – das wäre nicht nur gefährlich, es würde die Glaubwürdigkeit auch mehr verringern als verstärken.“ Das Neue Testament sei ohne die Hebräische Bibel nicht zu verstehen, es stünde in einem unhistorisch luftleeren Raum. „Wir hätten keinen Schöpfungsbericht, wüssten nichts über den Schöpfergott, der seinen Sohn als Erlöser und Vollender in seine Welt schickt. Jesus selbst berufe sich immer wieder auf das Alte Testament und auf den Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat. Zudem sei es ein Irrtum, anzunehmen, dass sich Gewalt und Dunkelheit nur im Alten Testament fänden, während das Neue Testament einzig der Liebesbotschaft gewidmet sei. Selbst der berühmteste Satz aus der neutestamentarischen Bergpredigt, das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, finde sich unter den Geboten des Alten Testaments, auf die Christus sich explizit beziehe. Evangelist Markus wiederum kann apodiktisch sagen: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ Die düster apokalyptischen Visionen in der Offenbarung des Johannes gar hätte selbst Martin Luther gern aus dem biblischen Kanon entfernt.
Die Rintelner Theologin Barbara Schenk gehört zur evangelisch-reformierten Kirche, in deren Gottesdiensten von jeher eine große Vertrautheit mit den Texten des Alten Testaments gepflegt wird und deren Gesangbuch zum großen Teil aus Vertonungen der Psalmen besteht. „Wer wäre Christus ohne Bezug auf den Gott des Bundes, der mit seinem Volk durch die Wüste gezogen ist und eben auch für sein Volk gekämpft hat? Irgendein herumwandernder Prediger, dessen Worte wahrscheinlich gar nicht überliefert worden wären“, sagt sie. „Für alles, was in der Bergpredigt steht, gibt es Bezugspunkte zur jüdischen Tradition. Da sind nicht zwei verschiedene Götter, sondern es dreht sich alles um eine sich entwickelnde Beziehung zu dem einen Gott, der sich in unterschiedlichen Zeugnissen offenbart.“
Umso mehr kritisiert sie, dass ein bedeutender Theologe wie Slenczka, der ja auch Studenten unterrichtet, den Ausdruck „Fremdeln“ in Hinsicht auf das Alte Testament verwende. Ebenso wie Philipp Meyer betont sie die tiefe Verbindung zwischen Judentum und Christentum und die Bedeutung eines interreligiösen Dialoges, der ohne die Hebräische Bibel als Offenbarungsschrift gefährdet wäre.
Der Ausschluss des Alten Testaments aus dem Kanon der Offenbarung wäre ein Schritt in eine völlig falsche Richtung, so Barbara Schenk. In Übereinstimmung mit nahezu allen evangelischen Kirchenvertretern kommt sie zu dem Schluss, das die Hebräische Bibel nicht eine kleinere, sondern eine viel größere Rolle in der christlichen Glaubenspraxis spielen solle. „Die Wahrheit im Glauben ist nichts, was einfach so gegeben wäre. Man reiht sich ein in eine tradierte Glaubensgemeinschaft, mit all den unvermeidlichen Widersprüchen. Gott lässt sich nicht reduzieren auf ein ‚Ich habe euch alle lieb‘. Das würde uns auch nichts nützen, denn so ist die Welt nicht, so ist das Leben nicht.“

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