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Wo sind die Singvögel hin?

Thema des Tages Wo sind die Singvögel hin?

Deutlich weniger Meisen, Eichelhäher und Amseln sind an Futterhäuschen in Schaumburger Gärten und Parks zu beobachten. Der Naturschutzbund Deutschland schließt einen Zusammenhang mit der Vogelgrippe aber aus. Warum sich Wintervögel in diesem Jahr rar machen, können auch Naturschützer nur vermuten.

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Aktuell machen sich Singvögel, wie dieses Rotkehlchen, in Gärten und Parks rar.

Quelle: dpa

Landkreis. Die Grauammer ist – wie ihr Name ja andeutet – ein relativ unscheinbarer Singvogel mit eher eintönigem Gesang. Mit ihrem bräunlichen Gefieder ohne besondere Musterung fällt sie nicht weiter auf, da wo sie an Feldrändern und im Grünland lebt. Deshalb merkte man lange Zeit gar nicht, dass dieser einst weit verbreitete Vogel nach und nach aus der Landschaft verschwand. Na und, könnte man sagen, das Leben geht weiter, auch ohne Grauammern. „Ja, sicher, ein Leben ohne Grauammern ist denkbar“, meint dazu Biologe Thomas Brandt. „Doch das Verschwinden einer Vogelart sagt viel über unsere eigene Umwelt aus.“

Thomas Brandt ist wissenschaftlicher Leiter der ökologischen Schutzstation am Steinhuder Meer. Die Vogelbeobachtung gehört zu seinem Arbeitsalltag, und sie gehörte schon immer zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Schon als Junge füllte er ganze Notizbücher mit Aufzeichnungen über Vögel, die er in seinem Heimatdorf Todenmann entdecken konnte. „Damals sah ich zum Beispiel oft 40, 50 Spatzen auf einmal“, sagt er. „Heute freue ich mich schon, wenn mal zehn Stück zusammenkommen.“

Auch solche Freizeit-Vogelbeobachtungen sind wichtig. Thomas Brandt ist Mitglied und Regional-Koordinator eines bundesweiten Netzwerkes, das über das Internet Millionen solcher Daten sammelt. Der Name: www.ornitho.de.

Programm verschafft Überblick über Vogelbestand und Zugvogel-Bewegungen

Wer sich nicht damit auskennt, rätselt zunächst, was das für eine seltsame Datensammelstelle ist. Was soll es bringen, wenn jemand einträgt, er habe am Stadthäger Stadtrand zwei Grauschwäne gesehen oder einen Reiher an den Rintelner Kiesteichen? „Nun, ohne unser spezielles Computerprogramm, mit dem wir die Daten auswerten, kämen wir nicht sehr weit“, so Thomas Brandt. „Mit diesem Programm aber entsteht tatsächlich ein Bild davon, welche Vögel in welcher Anzahl bei uns leben.“ Auch die Zugvogel-Bewegungen können so nachvollzogen werden. „In Deutschland, auch in Luxemburg und in der Schweiz gibt es ja zigtausend Menschen, die bei uns mitmachen“, sagt er. „Allein am Steinhuder Meer sind es Hunderte Beobachter.“

Wenn man über dieses große Interesse an der Vogelbeobachtung staunt, muss Thomas Brandt lächeln. „Das ‚Bird-Watching‘ ist international gesehen ein Hobby, für das die Leute fast so viel Geld ausgeben wie fürs Golfspielen – und das ist das teuerste Hobby der Welt“, erklärt er. „Amerikaner, Briten, die Holländer und die Skandinavier lieben es besonders.“ Bei www.ornitho.de kann jeder mitmachen, auch Menschen, die bisher nur wenig Erfahrung mit der Vogelbeobachtung haben. „Man fängt klein an und gibt dort vielleicht weiter, wo und wie viele Amseln man gesehen hat. Alles ist interessant für uns. Nach und nach lernt man, einzelne Arten zu spezifizieren, und wenn man auch nur endlich Feldspatzen von Grauspatzen unterscheiden kann.“

Natürlich machen auch erfahrene Hobby-Ornithologen mit. Ginge es zum Beispiel darum, unter anderem besagter Grauammer auf die Spur zu kommen, dann werden einzelne Gebiete für Stichproben abgesteckt. Man geht dann innerhalb von einem Quadratkilometer herum und notiert alles, was es an Vögeln und Nestern zu entdecken gibt. Auf diese Weise stellt man fest, dass der Bestand der Grauammer weiter und immer weiter abnimmt. Für Thomas Brandt liegt eine wichtige Ursache auf der Hand: „Es ist die industrialisierte Landwirtschaft, die die Bio-Diversität insgesamt radikal vermindert.“

Lebensraum geht durch Monokulturen verloren

Die Mais-Monokulturen sorgen dafür, dass die Blütenvielfalt dahin ist und damit zugleich die Vielfalt der Insekten, von denen sich die Vögel ernähren. „In den Mais-Äckern gibt es kein Leben mehr, ebenso wenig wie in den stark gespritzten Weizenfeldern.“ Dazu kommt, dass den Vögeln in den bereinigten Landschaften der Lebensraum verloren geht. „Die Grauammer war der klassische Vogel für die Feldwege mit ihren Bäumen, Büschen und Hecken“, so Brandt. „Doch die Bauhöfe mähen die Hecken nieder, nirgends blüht es mehr, die Feldraine sind alle weg.“ Zusammen mit den Grauammern verringert sich insgesamt die Anzahl der Vögel und Vogelarten.

Das bestätigt auch Karl-Friedrich Alms aus Barksen, im Naturschutzbund Hameln-Pyrmont einer der Zuständigen für den Vogelschutz, speziell für Eulen und Greifvögel. „Maisfelder sind für Vögel einfach nur totes Gebiet“, sagt er. „Ich habe den Eindruck, es gibt so wenig Singvögel wie nie zuvor. Man kann es auch daran sehen, dass viele Futterstellen und Vogelhäuschen kaum noch Besucher haben.“ Er benennt auch noch eine andere Ursache für den Singvogel-Rückgang: „Es werden einfach zu viele Singvögel weggefangen. In Ägypten – ein Beispiel – sind ganze Küsten mit Vogelfallen verdrahtet. Kein Wunder, wenn von diesen Zugvögeln nur noch wenige zu uns zurückkehren.“

Das Netzwerk www.ornitho.de nimmt auch solche Beobachtungen auf. Die Teilnehmer berichten nicht nur vom Vogelvorkommen vor Ort, sondern auch von dem, was sie auf ihren Urlaubsreisen entdecken. Thomas Brandt war kürzlich in Indien, um Informationen über eine Vogelart einzuholen, von der weltweit nur noch fünfzehn Brutpaare bekannt sind. „Die leben – wie wir feststellen konnten – alle auf einem Gebiet von ein paar Quadratkilometern Größe. Das Bestehen dieser Art hängt am seidenen Faden.“ Das Bird-Watching zeigt solche Tendenzen mit erstaunlicher Genauigkeit auf. „Das Aussterben einer Art kann so schnell gehen“, sagt er.

"Für den Steinkauz konnte man nichts mehr tun"

Manchmal kann man Vogelarten direkt unterstützen, wie etwa den Uhu, der beinahe ausgerottet worden wäre, auch deshalb, weil man ihn bei jeder Gelegenheit einfach abschoss. Bevor es fast zu spät war, gab es ein Abschussverbot und mit viel Aufwand siedelte man ihn wieder an, sodass er jetzt relativ oft von Vogelbeobachtern verortet wird. Für den Steinkauz aber konnte man hier nichts mehr tun. „Ich selbst habe noch einen der letzten im Schaumburger Land beringt“, sagt Thomas Brandt.

Die Informationen, die bei www.ornitho.de eingesammelt und ausgewertet werden, sind auch ein Indikator für viel größere Zusammenhänge. „Man könnte mit ihnen glatt Einzelheiten des Klimawandels vorhersagen anhand der Zugvogel-Beobachtung“, so Brandt. In den 1970er-Jahren war es auch der Vogelbeobachtung zu verdanken, dass man auf die Gefährlichkeit des Pflanzenschutzmittels DDT aufmerksam wurde. Der Greifvogelbestand ging dramatisch zurück, und zwar, weil das Gift, das die Greifvögel mit ihrer Beute aufnahmen, dazu führte, dass ihre Eier zu dünne Schalen hatten. „Solche Umweltgifte sind ja auch nachteilig für den Menschen.“

Thomas Brandt besitzt über 700 Bücher, die sich mit der Vogelwelt beschäftigen. Er kenne, sagt er, alle Vogelarten, die es in Deutschland gibt. Auch deshalb schmerze es ihn, wenn ein an sich nicht weiter bedeutsamer Vogel wie die Grauammer kaum noch zu finden sei oder aus unserer Gegend vielleicht ganz verschwände. „Die Lebenswelt der Vögel und unsere eigene sind untrennbar miteinander verbunden“, sagt er. Bei ihm war das besonders ausgeprägt der Fall, da sein Vater Vögel züchtete, darunter Kanarienvögel, und der ganze Dachboden voller Vogelkäfige stand. Doch ihm geht es um weit mehr.

Nur auf Truppenübungsplätzen existieren Vögel wie vor 50 Jahren

Um das zu erläutern, erzählt er von einem Buch, das 1936 erschien und das er zu seinen Lieblingsbüchern zählt. Es handelt von der Vogelwelt der Mittelweser bei Rinteln. „Das Buch hat keine Bilder, aber es zählt alle Vogelarten auf, die hier jemals gesichtet wurden, und auch, wo genau das der Fall war. Wenn ich in ihm herumlese, erstehen die Landschaften von früher vor mir auf.“ Also die Hecken zwischen den Feldern, die Kartoffeläcker, wo der Ortolan, auch eine Ammernart, brütete, die Wiesen, die dort lagen, wo sich jetzt Kiesteiche ausbreiten. „Es ist verrückt, dass es heute eigentlich nur noch die Truppenübungsplätze sind, wo die Vögel so existieren können wie vor fünfzig Jahren.“

Britta Raabe von der NabuRegionalgeschäftsstelle im Weserbergland berichtet übrigens aktuell von Beobachtungen, die bestätigen, was auch Karl-Friedrich Alms über den Singvogel-Rückgang anmerkt. Es gebe, sagt sie, vermehrt Meldungen, dass die zu dieser Jahreszeit üblichen Vögel am Futterhäuschen oder im Garten ausbleiben würden. Doch leider seien die Gründe bisher unklar: Blau-, Kohl-, Hauben- und Schwanzmeisen, aber auch Rotkehlchen, Dompfaff und Gimpel sowie Spechte und Amseln werden seltener als in den Vorjahren gesehen oder leider oft auch gar nicht mehr beobachtet.

Die Beobachtungen sind bisher aus dem gesamten Weserbergland – von Schaumburg über Hameln-Pyrmont bis Hildesheim und Holzminden – gemeldet worden. Raabe ruft daher alle Naturfreunde auf, diese Beobachtungen weiter bekannt zu geben und sich in der Zeit vom 6. bis 8. Januar 2017 an der Nabu-Aktion „Stunde der Wintervögel“ zu beteiligen. cok

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