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Wohin der Weg führt

Thema des Tages Wohin der Weg führt

Über das Leben im hohen Alter hat jeder Mensch ganz eigene Vorstellungen. Manchmal kommt es aber anders als geplant – wenn etwa ein selbstständiges Leben im eigenen Zuhause nicht mehr möglich ist. Das bedeutet Umdenken. Zwei Frauen berichten aus ihrem Alltag. Die eine lebt im Heim, die andere in der eigenen Wohnung.

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Eine Seniorin spaziert mit dem Gehstock durch einen Park.

Quelle: Fotolia

Zwei sehr alte Frauen: Emmi S., 93, lebt im Seniorenheim. Helga K., 85, wird in der eigenen Wohnung betreut. Emmi S. ist eine Denkerin. „Ich habe mir nach und nach alles zurechtgerückt“, sagt sie. „So lange, bis ich einverstanden war, dass ich aus meinem vorherigen Leben herausgeworfen wurde.“ Helga geht einen anderen Weg. „Ich mache mir keinen Kopf über das alles“, sagt sie und lacht wie über einen guten Witz. Fast den ganzen Tag liegt sie in ihrem Wohnzimmer-Bett und guckt Fernsehen. „Ich fühle mich wohl. Wenn nur die Zeit nicht so schnell vergehen würde.“

 Ja, die Zeit verfliegt nur so für Helga K., kein Wunder. Zwar sind da die polnischen Haushaltshilfen, von denen sie nur Gutes erzählt und mit denen sie mehrmals täglich „Mensch ärgere dich nicht“ spielt; zwar kommt regelmäßig der Pflegedienst vorbei, vor allem, um ihr bei der Hygiene zu helfen; und ab und zu gibt es Besuch von einer Nachbarin oder dem entfernt lebenden Sohn – doch alles in allem ähnelt ein Tag dem anderen. „Früher, da wollte ich, dass die Jahre umgehen. Es ist Schlimmes passiert, und das sollte vorbei sein. Aber jetzt geht das Leben so schnell vorüber, ich bin schon uralt.“

 Helga K. lächelt, wenn sie so redet. Es hört sich nicht nach einer Klage an, nur nach einer Feststellung. Wer sich auf ihr Haus zubewegt und weiß, dass sie zur Fortbewegung einen Rollator benötigt, der sieht die holperigen Pflastersteine, bemerkt, dass man den engen Hausflur nur über einen Absatz betreten kann – und dann noch die Stufen bis zur Wohnung. Es ist schon länger her, dass Helga K. sich zu einem Spaziergang bis zur nächsten Straßenecke aufmachte.„Vielleicht könnte ich es noch, aber ich will es gar nicht. Ich habe mich daran gewöhnt, hier im Wohnzimmer auf dem Bett zu liegen. Und samstags, da kommen immer die schönen Sendungen im Fernsehen.“

 Auch Emmi S. besitzt einen Rollator. Sie stößt ihn irgendwie ärgerlich mit dem Fuß ein bisschen von sich weg. „Ich hatte eine andere Vorstellung vom Alter“, sagt sie. „Ich wollte selbstständig bleiben, in meiner eigenen Wohnung, ich wollte es alleine schaffen.“ Mit 89 Jahren aber musste sie ins Krankenhaus. „Und da war es besiegelt.“ Ihre Schwester und der Neffe besorgten den Platz im Seniorenheim, die Wohnung wurde aufgelöst. „Ich war gar nicht vorbereitet. Von einem Tag auf den anderen vom normalen Leben abgeschnitten, ich hatte keine Bleibe mehr.“

 Sie sieht sich um in diesem Zimmer mit dem riesengroßen Fenster Richtung Sonnenuntergang. An den Wänden hängen Bilder, auf denen ihr Blick immer wieder verweilt. Sie hat sie selbst gemalt, in einem kleinen Mansardenatelier, das sie in ihrer alten Wohnung in Hameln angemietet hatte. Es sind interessante Gemälde, eines zeigt den Maler Vincent van Gogh. „Ich male nicht mehr, aber die Bilder sind noch da“, sagt sie. Sie erinnern sie daran, wie sie die Leinwände und Farben einkaufte, Kunstpostkarten sammelte, mit ihrem Vater und Freunden darüber sprach. Gute Erinnerungen.

 Helga K. dagegen denkt nicht so gern an die Vergangenheit. „Das interessiert doch keinen“, meint sie. Vielleicht liegt es daran, dass ihr viele Dinge nicht mehr so deutlich vor Augen stehen. Sie war als junge Frau Kreismeisterin im Hochsprung und in… – was waren noch die anderen Sportarten? „Na, ist doch egal“, meint sie.

 Ursprünglich kam Helga K. aus dem Ruhrgebiet nach Rinteln, auf der Flucht vor den Bomben. Sie begann eine Lehre in der Bank, später war sie Sekretärin. Ihr Mann ist schon lange tot, und auch zwei ihrer Söhne leben nicht mehr, vom dritten steht nur ein Kinderbild im Zimmer. Sie will sich all dessen gar nicht vergegenwärtigen. Lieber lauscht sie mit ihrem noch sehr guten Gehör auf die Geräusche im Hausflur.

 Helga K., so sieht es aus, tut alles dafür, einfach im Hier und Jetzt zu leben. Sie mag die Polinnen und lobt das Essen, das sie kochen. Sie schätzt die Mitarbeiter des Pflegedienstes. Sie freut sich über den Neujahrsgruß, den sie von einer fortgezogenen Nachbarin bekam. Der Fernseher, der immer läuft, ist wie ein bewegliches Bild in der Wohnung, in der sie die großen Ölgemälde längst nicht mehr bewusst wahrnimmt. Sie liegt angezogen im Bett, das ist dann fast so, wie früher auf dem Sofa.

 Im Seniorenheim-Zimmer von Emmi S. steht ebenfalls ein Fernseher. Still und stumm, sie schaltet ihn niemals an. Ihre Freude ist eine viel jüngere Mitbewohnerin von Gegenüber. „Wir haben uns gegenseitig zu erkennen gegeben. Mit ihr rede ich fast jeden Tag über Gott und die Welt“, verrät sie.

 So sehr sie anfangs damit haderte, ins Heim zu kommen, mit all den neuen Reizen, mit all den Regeln und mit den anderen alten Menschen auch, von denen viele nur noch selten lächeln können, alles in allem hat sie sich das Seniorenheim als neues Zuhause erobert. „Ich fühle mich inzwischen sicher hier“, sagt sie.

 Zuvor spürte Emmi S., wie die Angst sie immer mehr in Beschlag nahm. Was sollte nur werden mit den kranken Beinen, den schwer beweglichen Fingern, was mit dem ehemals großen Freundeskreis in Hameln, aus dem sich einer nach dem anderen durch Krankheit oder Tod verabschiedete? „Ich habe immer gelesen und geschrieben, und es machte mich sehr unruhig, dass ich dafür irgendwie die Kraft verlor.“

 Sie grübelte und grübelte, wie das alles ausgehen sollte und kam zu keinem Ergebnis. „Hier im Seniorenheim kann ich wieder richtig denken“, sagt sie. „Ich sehe, wie den Menschen wirklich geholfen wird, das gibt auch mir die Ruhe zurück.“

 Auf einem Tisch liegen Bücher mit Mandalas zum meditativen Ausmalen. Einige hat Emmi S. auch selbst entworfen: „Ich wollte mal sehen, was ich noch kann.“ Sie war unter anderem Büroleiterin in einem Kursanatorium in Bad Eilsen. Die ganze liebenswürdige Art vermittelt den Eindruck einer bei aller Neigung zur Melancholie sehr menschenfreundlichen Frau. Es ist gut zu hören, dass sie eine richtige Freundin gefunden hat im Seniorenheim.

 Zu Helga K. hat der Arzt neulich gesagt, sie könne gut und gern über 100 Jahre alt werden. Sie ist eine sehr schöne alte Frau und sieht mit ihrem anziehenden Lächeln wirklich ganz gesund aus. „Man weiß ja nie, was kommt“, sagt sie mehrmals. Einmal war sie kurz in einem Pflegeheim, bestand dann aber darauf, zurück in ihre vertraute Wohnung zu ziehen und dort zu bleiben, auch nachdem sie einmal schlimm gestürzt war – im Bad, durch dessen Tür der Rollator nicht passt. „Man weiß ja nie, was kommt“, sagt sie wieder, mit einem Augenzwinkern, als solle das heißen, es könne gern noch was richtig Spannendes passieren. „Immerhin, Udo Jürgens ist einfach so umgekippt, und der war viel jünger als ich.“

 Der Tod. Er nähert sich. Emmi S. geht meistens sehr früh ins Bett. Sie hat sich die Kissen so zurechtgelegt, dass sie bequem aus dem großen Fenster sehen kann. Oft liegt sie wach und beobachtet die Lichter der Autos, die auf der entfernten Straße vorbeifahren. Sind da kaum noch Lichter, ist es weit nach Mitternacht – die Autolichter sind ihre Uhr. „Sterben möchte keiner“, sagt sie. „Aber ich habe mir in meinem Kopf zurechtgelegt, wie ich damit klarkomme. Ich habe keine Ansprüche mehr an die Welt.“ Dieses Denken gebe ihr Sicherheit. „Und hier erlebe ich ständig, wie die Leute sterben. Irgendwann müssen wir alle weg. Irgendwohin.“

 Helga K., die so stark empfindet, wie schnell das Leben inzwischen vorbeirauscht, nimmt auf ähnliche Weise hin, dass man sich vor dem Tod nun mal nicht retten kann. „Schön ist etwas anderes“, sagt sie. Aber das hört sich ganz so an, als wenn sie das Leben liebe, in ihrem Bett unter der warmen Decke, gegenüber der beruhigende Fernseher, dessen Bilder vorübergleiten wie die Zeit. cok

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