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Zerbrechliche Schätze

Holzaschegläser aus dem Weserbergland Zerbrechliche Schätze

Es gibt sie noch und das sogar recht zahlreich – Schätze, die von unserer Vergangenheit zeugen. Sie verstecken sich in den Erdschichten des Weserberglands und warten dort auf ihre Bergung. Doch gerade die ist nicht so einfach. Bei Tageslicht müssen sie ganz anderen Bedingungen trotzen als im Erdreich.

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Das Grabungsteam von 2014 an der Ausgrabungsstelle im Solling, unweit von Bodenfelde.

Quelle: pr.

Thema des Tages. Die Kombination war im mittelalterlichen Weserbergland ideal: Die dichten Buchenwälder auf den Bergen links und rechts der Weser dienten als wichtiger Ressourcenlieferant, ebenso wie der Fluss selbst, der als Handelsweg auch noch Wohlstand in die Region brachte. So kam es, dass das Weserbergland für mehrere Hundert Jahre zu einem der führenden Glasexporteure Europas wurde.

Die Buchenwälder waren die Hauptbezugsquelle für Pottasche. Die wiederum ist wichtig, um mit dem quarzhaltigen Sand der Weser, gemischt in sogenannten Waldglashütten, geschmolzen zu werden. Dabei heraus kommen mittelalterliche Holzaschegläser. Einen der ältesten dieser Funde hat im letzten Jahr Dr. Hans-Georg Stephan mit seinem Team gemacht. Er ist Professor für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg. Bei Ausgrabungen im Solling in der Nähe von Bodenfelde hat er Holzaschegläser gefunden, die vermutlich aus dem neunten Jahrhundert stammen.

Derart frühe Zeugnisse der mittelalterlichen Glasproduktion sind extrem selten und zeugen von der kulturellen Geschichte des Weserberglands. „Üblicherweise beginnen die Glasfunde in der Region um die Jahre 1150 bis 1200 herum“, erzählt Professor Stephan. „Im Deister sogar frühestens im 14. Jahrhundert.“ Die Funde aus dem neunten Jahrhundert seien wahrscheinlich für das nahegelegene Kloster Corvey hergestellt worden.

Schon einige Jahre zuvor hat Professor Stephan beim Kloster Indizien dafür gefunden, dass dort Glas auch zu Fensterglas verarbeitet worden ist. Im Gegensatz zu den späteren Zentren der Glasherstellung in Süddeutschland erreichte die Glasproduktion im Weserbergland ihre erste Hochphase bereits im 13. Jahrhundert. Über die Weser gelangten die hier produzierten Gläser in die großen Hansestädte, die Niederlande und die gesamte mittelalterliche Welt. Das machte das Weserbergland zu einer der wichtigsten Regionen Europas für die Produktion von gutem Gebrauchsglas.

Da den Menschen im Mittelalter aufgrund verloren gegangener antiker Handelswege kein Soda aus Ägypten mehr zur Verfügung stand, mussten sie eine neue Rezeptur für ihr Glas finden. Mit Hilfe von Pottasche (Kaliumkarbonat, das unter anderem aus der Asche von Buchen gewonnen wird) ersetzen sie das fehlende Soda. Diese Methode brachte es allerdings mit sich, dass sich die Gläser durch geringe Spuren von Eisen in den Rohstoffen leicht grünlich färbten. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde auf diese Weise im Weserbergland Glas hergestellt.

Professor Dr. Stephan stammt gebürtig aus der Nähe der Ausgrabungsstellen, dem nordrhein-westfälischen Dalhausen. Für die Geschichte der Region hat er sich schon immer interessiert. Auch wenn es für Forscher nicht immer ganz einfach ist, die Zeugnisse unserer Vergangenheit zu lokalisieren. „Es gibt oft nur Indizien. Wenn man weiß, welche Rohstoffquellen für eine Manufaktur benötigt werden, kann man das Gebiet eingrenzen.

Hinweise aus schriftlichen Quellen sind meist nur sehr unspezifisch“, sagt der Professor. Um die aktuelle Ausgrabungsstätte zu finden, ging ein historisch interessierter Heimatkundler aus der Gegend im Solling selbst auf die Suche. Jahrelang schaute er im Waldboden nach möglichen Hinweisen. „Das ist wirklich sehr schwierig, denn meist gibt es nur kleine und unscheinbare Spuren.“

Trotzdem konnten auf diese Weise an mittlerweile über 200 Stellen im Weserbergland ehemalige Standorte von Waldglashütten ausgemacht werden. Ein einzelner Standort wurde meist fünf bis 15 Jahre aufrechterhalten, bis die Holzvorräte in der Umgebung aufgebraucht waren. Konkurrenz um den Rohstoff erfuhren die Glasmacher zahlreiche. Holz diente weit mehr als heute zum Bau, als Brennholzlieferant, wurde genutzt von Eisenhütten, als Waldweide für Nutztiere und diente natürlich der Herrschaft zur Jagd.

Ausgrabungen finden an den meisten Orten allerdings nicht statt. Um die Fundstellen archäologisch zu erschließen und die verborgenen Schätze für die Nachwelt zu sichern, braucht es Institutionen, die Forschungsgelder bereitstellen, wie beispielsweise die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die sich um den Erhalt der Holzaschegläser bemüht. Aber vor allem auch Experten mit Fingerspitzengefühl.

Die Glasfunde sind sehr zerbrechlich und könnten für immer zerstört werden, denn vom Menschen verursachte Verunreinigungen der Luft und des Bodens, etwa durch die Landwirtschaft, können das mittelalterliche Glas schädigen. Es in der Erde zu belassen, wäre also nicht gut. Die Gläser zu bergen, wäre aber ebenso mit Risiken behaftet. Besonders die starken Schwankungen in der Luftfeuchtigkeit sind nach der Bergung ein Problem für das Glas.

Die Schadsalze, die sich bereits während der Zeit im Boden auf den Gläsern abgelagert haben, verflüssigen sich bei hoher Luftfeuchtigkeit und sprengen das Glas, wenn sie bei wieder sinkender Feuchtigkeit zu Kristallen aushärten. Im Gegensatz zu den Bedingungen unter der Erde wechseln Temperatur und Luftfeuchtigkeit oberirdisch viel schneller.

Die Gläser, die Stephan geborgen hat, sind auf den ersten Blick unscheinbar und sehen nicht aus wie Gläser. Sie waren zwar mal durchsichtig, sind aber mittlerweile völlig korrodiert. „Glas ist eins der empfindlichsten Materialien“, betont Stephan. Um den Verlust für die Nachwelt so gering wie möglich zu halten, werden also nicht nur umsichtige Bergungsroutinen seitens der Archäologen benötigt, sondern auch gezielte Maßnahmen zum Erhalt der Funde.

Daher ändert Stephan das Ausgrabungsprozedere, bei dem üblicherweise zuerst Archäologen die historischen Funde bergen, die dann erst im Anschluss daran zu Restaurationswissenschaftlern gehen. Bei seiner jüngsten Grabung im Solling, die am letzten Montag gestartet ist, arbeitet er bereits an der Ausgrabungsstelle mit Experten zusammen. Ihn unterstützen dabei Professorin Dr. Alexandra Jeberien, die an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin über Grabungstechnik mit dem Schwerpunkt Archäologisch-Historisches Kulturgut und Restaurationswissenschaft forscht, sowie Professor Dr. Rainer Drewello von der Universität Bamberg, der auf dem Gebiet der Konservierungswissenschaften spezialisiert ist.

„Ich bin selbst sehr gespannt auf die Zusammenarbeit und was dabei herauskommen wird“, sagt der Professor. „Das habe ich in meinen 40 Jahren Berufserfahrung auch noch nicht gemacht.“

Von Maike Schaper

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