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Zuhause in Angst

Zuhause in Angst

Der Tod der Offenbacher Studentin Tugce macht bewusst, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur in Entwicklungsländern an der Tagsordnung ist. In Deutschland haben etwa 35 Prozent aller Frauen schon einmal unter psychischer oder körperlicher Gewalt gelitten. Die Dunkelziffer ist viel höher. Am häufigsten trifft es Frauen innerhalb der eigenen Familie.

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Quelle: Symbolbild dpa

Anne S. weiß noch genau, wann es in ihrem Kopf „Klick“ gemacht hat. Wann ihre persönliche Schmerzgrenze überschritten war und sie einfach nicht mehr konnte. Bloß raus aus der Wohnung, bloß weg von diesem Mann. Mit einer Handvoll Habseligkeiten und ihrer kleinen Tochter im Arm verließ sie ihr Heim und war sich sicher: „Ich geh nicht mehr zurück.“ Da war sie gerade 21 Jahre alt.

Vier Jahre lang hatte die junge Frau unter den willkürlichen Gewaltausbrüchen ihres Mannes gelitten. Sie wurde geschlagen und beschimpft, wusste nie, wann der nächste Wutanfall über sie hereinbricht. Dann eskalierte die Situation. „Das Datum weiß ich noch ganz genau, das war der 24. August 1988“, erinnert sich die Mutter. Sie habe sich mit einer Freundin in der Stadt getroffen, war etwas später als vereinbart nach Hause gekommen und hatte es daher nicht mehr geschafft, das Mittagessen vorzubereiten. „Mein Mann hat mich geschlagen. Und dann, als ich schon auf dem Boden lag, hat er zugetreten.“ Das sei der Augenblick gewesen, in dem sie wusste, dass sie so nicht weiterleben kann.

Gewalt gegen Frauen ist kein Randphänomen und Anne S. kein Einzelfall. Etwa 35 Prozent aller Frauen in Deutschland haben nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erlitten. Experten sind sich einig: Die Dunkelziffer liegt viel höher. Gefährdet sind Frauen vor allem dort, wo sie sich eigentlich am sichersten fühlen sollten – in den eigenen vier Wänden, in Familie und Partnerschaft.

„Häusliche Gewalt ist ein großes Problem“, sagt Doris Weide. Die Sozialpädagogin arbeitet seit mehr als 25 Jahren im Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Schaumburg und betreut Frauen und deren Kinder, die in der Einrichtung Schutz suchen. Häusliche Gewalt hat viele Gesichter, erklärt Weide. Nicht nur physisch und sexuell, auch psychisch und finanziell können Frauen misshandelt werden.

Dabei haben Schläge, Vergewaltigungen, Erniedrigungen und Beschimpfungen meist langfristige Auswirkungen für die Opfer. Durch die ständige Angst vor dem Partner kann sich der Gesundheitszustand der Frauen generell verschlechtern, sind sich Mediziner einig. Häufig kommt es zu psychologischen Erkrankungen wie Depression und Angststörungen. Das Risiko für Alkohol- und Drogenmissbrauch ist bei Frauen, die Gewalt erfahren, dreifach höher, teilt das Jüdische Krankenhaus Berlin mit.

Die Kinder betroffener Frauen sind indirekt Opfer der Gewalt, auch wenn sie nicht selbst unter Übergriffen leiden müssen. „Sie werden Zeuge der Gewalt, auch wenn sie hinter verschlossenen Türen stattfindet“, erklärt Weides Kollegin Sabine Fischer. Die Erzieherin kümmert sich um die Kinder, die mit ihren Müttern im Schaumburger Frauenhaus Zuflucht gefunden haben. „Die Kinder leiden unter der gewaltgeladenen Atmosphäre in ihrem Elternhaus und sind hilflos und verängstigt“, erklärt Fischer. Oft hätten sie das Gefühl, selbst Schuld zu sein, wenn sich die Eltern streiten.

Im Frauenhaus können Frauen und ihre Kinder zur Ruhe kommen. Viele Frauen fliehen aus einer Extremsituation, in der sie um ihr eigenes und das Wohl ihrer Kinder fürchten müssen. Im Frauenhaus finden sie Zuflucht, einen sicheren Ort, an dem sie ohne Angst vor dem nächsten Übergriff durchatmen und wieder einen klaren Gedanken fassen können. „Wir sind rund um die Uhr zu erreichen und nehmen Betroffene auch nachts auf“, sagt Weide.

Die Sozialpädagogin und ihr Team helfen den Frauen, das Erlebte zu verarbeiten und die ersten Schritte auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu gehen. Zusätzlich zur psychosozialen Beratung und der pädagogischen Begleitung der Kinder unterstützen die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses die Betroffenen bei notwenigen Ämtergängen, beraten in allen Fragen zur Sicherung des Lebensunterhaltes, helfen bei der Wohnungssuche und bei der Unterbringung der Kinder in Schule und Kita. „Die Frauen bleiben so lange, wie es notwendig ist“, betont Weide.

Der Aufenthalt ist immer freiwillig. Wichtigstes Ziel ist, den Betroffenen Wege für ein eigenständiges Leben aufzuzeigen. Wieviel Hilfe sie dabei annehmen will, entscheidet jede Frau selbst. „Viele Frauen brauchen mehrere Anläufe, bis sie sich zur Entscheidung durchringen, ihren Partner zu verlassen. Viele gehen wieder zu ihm zurück. Das müssen wir dann akzeptieren“, erklärt die Sozialpädagogin. Oft sei es die Angst, plötzlich allein dazustehen, ohne sicheres Einkommen, die es Opfern häuslicher Gewalt so schwer mache, sich aus der Situation zu befreien. Die Frauen sind oft hin und her gerissen, wollen sich auf die netten, liebevollen Seiten ihres Partners besinnen oder geben sich selbst die Schuld an dessen Übergriffen.

Auch Anne S. hat den Grund für die Gewaltausbrüche ihres Mannes oft bei sich gesucht. „Ich hatte sowieso ein geringes Selbstwertgefühl und dachte, dass er mich schlägt, weil ich mich schlecht benehme, weil ich etwas falsch mache“, erklärt die Mutter. Weder ihre Eltern noch ihre Freunde hatte sie eingeweiht, für blaue Flecken erfand sie Ausreden und Unfälle. Erst im Frauenhaus – in den Gesprächen mit Weide und ihrem Team und anderen Betroffenen, fand sie die Möglichkeit, sich darüber klar zu werden, wie sie ihr Leben und das ihrer Tochter künftig gestalten will.

Heute, 26 Jahre nach der Trennung von ihrem Ex-Mann, kann sie frei und reflektiert über ihr Martyrium sprechen. „Ich habe das verarbeitet. Das war harte Arbeit“, sagt Anne S. Die Hilfe, die sie im Frauenhaus erhalten hat, war der erste Schritt dahin. kcg

  •  Im Frauenhaus Schaumburg finden von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder eine sichere und anonyme Unterkunft. Die Adresse der Einrichtung ist geheim. Jede Frau bewohnt mit ihren Kindern ein eigenes Zimmer und versorgt sich selbst. Küche, Bäder und Wohnzimmer werden gemeinsam genutzt. Telefonisch ist das Frauenhaus unter (0 57 21) 32 12 zu erreichen. Außerhalb der Dienstzeiten sowie nachts und am Wochenende vermittelt die Polizei den Kontakt zu den Mitarbeiterinnen.
  • Kostenlose und vertrauliche Beratung bekommen Frauen außerdem bei der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS) der Awo Schaumburg unter Telefon (0 57 21) 99 51 21.

Awo fordert Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfe

Wolfgang Stadler, Bundesvorsitzender der Awo, fordert einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder. Und zwar unabhängig von Einkommen, Aufenthaltstitel, Herkunftsort, gesundheitlichen Einschränkungen und Behinderung.
Für Stadler bilde die strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen den Nährboden für Gewalt im häuslichen Umfeld. Frauen würden den Löwenanteil unbezahlter Fürsorgearbeit im Bereich Erziehung und Pflege leisten und seien vielfach durch schlecht entlohnte Teilzeitarbeit und Minijobs kaum in der Lage, für sich selbst ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften. Dadurch würden sie oft in einer ungewollten Abhängigkeit leben.
„Häusliche Gewalt ist eine extreme Ausdrucksform dieser strukturellen Benachteiligung“, erklärt Stadler und fügt hinzu: „Ausreichende Maßnahmen im Bereich Gewaltschutz für Frauen und ihre Kinder gehören zu einer echten Gleichstellungspolitik dazu.“ kcg

Hilfe in der Not

In akuten Notsituationen im häuslichen Umfeld kann die Polizei einen Platzverweis aussprechen. Der Täter darf dann die gemeinsame Wohnung bis zu 14 Tage nicht mehr betreten, auch wenn der Täter Mieter oder Besitzer ist.
Opfer häuslicher Gewalt haben nach dem Gewaltschutzgesetz die Möglichkeit, unabhängig vom Platzverweis bei Gericht zu beantragen, dass ihnen die Wohnung für einen gewissen Zeitraum zugewiesen wird, dass sich der Täter nicht mit ihnen in Verbindung setzen oder bestimmte Orte in ihrer Nähe aufsuchen darf. kcg

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