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Zusammenbruch

Thema des Tages Zusammenbruch

Vor genau 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, als das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 bedingungslos kapitulierte. Schon einen Monat früher, Anfang April 1945, marschierten die Alliierten in Schaumburg ein. Der damals 18-jährige Harald W. war als Soldat hautnah dabei. Außerdem schildert eine Stadthägerin ihre Erlebnisse.

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Sein Tod bleibt ein Rätsel

Die zerstörte Weserbrücke in Rinteln.

Die Weser-Linie muss unter allen Umständen gehalten werden!“ Der Befehl für die Schaumburger Soldaten war eindeutig: Knapp vier Wochen vor der Kapitulation des deutschen Reiches kämpften die Truppen an der Weser in aussichtsloser Lage gegen die immer näher aus Westen anrückenden Besatzer. Selbst Alte und Kranke mussten in diesen letzten Kriegstagen wie überall im Land antreten, um Panzersperren zu errichten. Anfang April 1945 wurde Schaumburg so zum Kriegsschauplatz. Kanadier und Briten im Norden und Amerikaner im Süden besetzten innerhalb weniger Tage das Land zwischen Steinhuder Meer, Deister und dem Wesergebirge. Vor allem entlang der Weser fochten Tausende Soldaten einen sinnlosen und todbringenden Abwehrkampf gegen die Alliierten.
Einer der knapp 15 000 Deutschen im Wesergebirgskessel war der 18-jährige Harald W., ein Offiziersschüler aus Braunschweig und wie viele seiner Kameraden alles andere als ein Elitesoldat. „Ich habe während der ganzen vierwöchigen Ausbildung nicht ein einziges Mal eine Handgranate oder eine Panzerfaust in die Hand bekommen“, erinnert sich der heute 87-Jährige. Auch die Kampfmoral der wild zusammengewürfelten Truppe, die am 9. April zur Paschenburg verlegt wurde, war auf dem Nullpunkt. Fast jeder habe überlegt, wie er sich sobald wie möglich absetzen konnte. Doch die Angst der jungen Männer vor SS-Leuten der Feldpolizei, die Deserteure standrechtlich erschossen, war größer.

Der Weserübergang in Petershagen.

Die Aufgabe der Jugendlichen auf dem Bergkamm an der Paschenburg: Ein Vorrücken der Amerikaner in den Kessel südlich des Wesergebirges verhindern. Dabei konnten sie sehen und hören, wie bereits ein endloser Strom von alliierten Panzern und Lastwagen durch das Auetal in Richtung Osten dröhnte. Von den heftigen Kämpfen, die zu dieser Zeit bei Ahe und Deckbergen tobten, bekamen sie dagegen nichts mit. Am 10. und 11. April kam es dort noch zu schwerem Artilleriebeschuss mit zahlreichen Toten, darunter auch etliche Zivilisten.
Am Vormittag des 11. April wurde es im Bereich der Paschenburg hektisch. Plötzlich hieß es, die Amerikaner kämen. Zwei Offiziere mit gepackten Koffern verließen eilig das Gasthaus und machten sich auf und davon. Dann waren Schüsse zu hören. Harald W. und seine Kameraden warfen sich im Wald auf den Boden, suchten sich flache Mulden im Gelände, und es kam in einiger Entfernung zu einer kurzen aber heftigen Schießerei. Plötzlich stand ein amerikanischer GI hinter ihm. „Er war ganz ruhig, und ich ergab mich, ohne auch nur einen Schuss abgegeben zu haben“, erzählt Harald W.
Als er zusammen mit etwa 25 anderen Deutschen nach der Gefangennahme in einer Gruppe zusammenstanden, bewacht von einigen amerikanischen GIs, sprach ihn ein Kamerad an: „Mensch, Harald, du hast ja am Rücken da zwei Löcher in deinem Mantel!“ Er habe erst gar nicht gewusst, was der andere überhaupt meinte, erinnert sich Harald W. heute. „Ich habe dann nachgesehen, und tatsächlich hatte ich im Liegen einen Streifschuss über den Rücken bekommen.“ Zwei Zentimeter tiefer, und sein Leben wäre zu Ende gewesen. „Keine Frage, es war mein zweiter Geburtstag.“
Schließlich wurden die gefangenen deutschen Soldaten nach Bückeburg gebracht. Auf Harald W. warteten nun noch zweieinhalb Jahre Gefangenschaft. Nach 70 Jahren zurückblickend fehlen ihm heute die Worte für den Irrsinn, in den seine ganze Generation hineingetrieben worden ist.
Nicht nur diese letzten Gefechte im südlichen Teil Schaumburgs, sondern auch die zahlreichen Fliegerangriffe prägen die Erinnerungen der Schaumburger an das traumatische Ende des Krieges. Am Himmel über der Seeprovinz bis hin zur Porta Westfalica spielte sich am 7. April die letzte große Luftschlacht des Zweiten Weltkrieges ab. Viele deutsche Maschinen endeten im Feuer der Bordkanonen amerikanischer und britischer Bomber. Noch Monate später wurden Flugezuge aus dem Steinhuder Meer gezogen.

Amerikanische Soldaten marschieren in Röcke ein.

Währenddessen bereitete sich die Zivilbevölkerung in den Städten und Dörfern auf die Besatzung vor. In den Tagen vor dem Einmarsch der Alliierten herrschte eine nervöse Ruhe. Es gab meist keinen Strom, die Zeitung erschien nicht mehr, Post wurde nicht zugestellt. Wertsachen und Lebensmittel wurden vor den Besatzern und befreiten Zwangsarbeitern in Sicherheit gebracht und im Garten vergraben oder im Haus eingemauert. Wer Gelegenheit hatte, beteiligte sich an der Plünderung der großen Verpflegungsdepots der Wehrmacht. In Rinteln etwa schafften Bürger Zucker, Zigaretten und Lebensmitteln mit Handkarren aus dem Depot der Marine.
Nicht nur die Schaumburger plünderten. Vor allem befreite Zwangsarbeiter, die als „Displaced Persons“ (DP) in Sammellagern untergebracht wurden und dort auf kärgliche Nahrungsrationen angewiesen waren, zogen durch die Dörfer, auch Repressalien gegen die ehemaligen deutschen Peiniger blieben nicht aus.
Um die „Displaced Persons“ unterzubringen, wurden ganze Ortschaften zwangsgeräumt und die Einwohner aus Frille, Cammer und Meerbeck mussten ihre Häuser verlassen. Für die Meerbecker erging der Räumungsbefehl am 6. Mai, bis zum 9. Mai um 7 Uhr mussten sie ihre Wohnungen für rund 2000 russische Kriegsgefangene und Zwangsverschleppte frei machen. Sie durften erst 1948 heimkehren. Auch in Rinteln, Obernkirchen, Sülbeck und Heeßen entstanden DP-Lager.
Nach dem Krieg wurden Täter und Opfer plötzlich Nachbarn, die Einheimischen lebten Tür an Tür mit Bombenflüchtlingen aus dem Westen, Vertriebenen aus dem Osten und ehemaligen Zwangsarbeitern.

Von Stefan Meyer
und Katharina Grimpe

Die Flucht endet in Stadthagen

Alise Kus war ein kleines Mädchen, als sie mit ihrer Familie aus Hohenfelde in Pommern über die Weichsel flüchtete. Nach mehreren Jahren in Südbrandenburg kam die Familie 1955 nach Stadthagen. Für die SN schildert die Krebshägerin ihre Erlebnisse aus dem Winter 1945:
„Es war der 19. Januar 1945. Ich lebte mit meiner Mama und meinem gerade erst 16 Tage alten Bruder sowie meinen Großeltern in Hohenfelde. Mein Vater wurde eingezogen und fuhr mit dem Fahrrad zu seiner Station. Am Abend machten wir den großen Planwagen zurecht, um rechtzeitig über die Weichsel nach Deutschland zu kommen. Mein Vater kam in der Nacht und half beim Packen. Da er in großer Angst vor Kontrolle war, fuhr er nach Mitternacht wieder zu der Station zirka 20 Kilometer mit dem Fahrrad zurück. Wir verabschiedeten uns und weinten alle, da wir nicht wussten, ob wir uns lebend wiedersehen werden.
Wir waren auf der Flucht die nächsten Tage. Es war sehr kalt. Meine Mama hatte nur mit meinem Bruder Erich zu tun. Meine Oma und Opa waren mit den beiden Pferden beschäftigt und ich habe nicht genau begriffen, wie es um uns alle stand. Unterwegs haben wir viele verdendete Tiere und sehr viele tote Menschen in den gefrorenen Teichen gesehen. Es war für mich sehr traurig und sehr zermürbend.

Alise Kus bei ihrer Einschulung 1946.

Wir sind in Breslau angekommen. Dort hatten wir ein Nachtlager, wo sehr viele russische Soldaten waren. Eines Nachts hatten wir Besuch bekommen. Zwei russische Soldaten traten die Wohnungstür ein. Beide waren total betrunken und sehr aufdringlich. Ich musste mit ansehen, wie der eine Soldat meine Mama vergewaltigen wollte. Meine Oma und ich haben ihn beschimpft, ich habe ihn gekratzt. Es war eine grausame Begegnung. Aber wir konnten die beiden Männer vertreiben.
Dann gab es noch mehr Ärger. Die Pferde standen in einem Abstellraum. Die Russen hatten vor, uns die Pferde wegzunehmen. Meinen Opa hat man in der Zeit eingezogen, und ich und Oma mussten kämpfen, um die Pferde zu behalten, damit wir am nächsten Tage wieder weiterfahren konnten. Unser nächstes Quartier war kurz vor der deutschen Grenze. Dort war ein leerstehendes Haus und ein voller Keller mit eingekochten Lebensmitteln. Meine Oma und ich haben etwas zum Essen in unser Quartier gebracht.
Es war eine grausame Flucht, die mir nie aus dem Sinn gehen wird.“ In Brandenburg findet der Vater von Alise Kus seine Familie wieder, sie waren 23 Monate getrennt. 1955 flüchteten sie ein zweites Mal: über die grüne Grenze in den Westen. kcg

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