Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Zwischen Tat und Trauma

Thema des Tages: Psychosoziale Prozessbegleitung Zwischen Tat und Trauma

Für Opfer von Gewaltverbrechen kann ein Prozess sich manchmal fast genauso erniedrigend anfühlen, wie das Verbrechen selbst. An diesen Punkten setzt die Arbeit der Stiftung Opferhilfe Niedersachsen an. Dagmar Behrens und Juliane Frank geben einen Einblick in die Psychosoziale Prozessbegleitung. Sie begleiten Opferzeugen seit 2002. 

Voriger Artikel
Es gibt kein Recht auf Abtreibung
Nächster Artikel
Einblicke in die Tiefen der Vergangenheit

Dagmar Behrens (links) und Juliane Frank arbeiten bei der Stiftung Opferhilfe in Bückeburg. Mit ihrer Erfahrung stehen sie Opfern von Gewalttaten auch während des Gerichtsprozesses zur Seite.

Quelle: cm

Bückeburg/Landkreis. Dass 2017 der Anspruch auf eine psychosoziale Prozessbegleitung für Gewaltopfer gesetzlich verankert wird, kann als spätes Verdienst der Frauenbewegung angesehen werden. Frauen in den Siebzigerjahren haben den Tatbestand der Vergewaltigung aus der Kavaliersdeliktecke herausgeholt. Bis dahin war die weitverbreitete Meinung, „hatte wohl selber Schuld“. In den folgenden Jahren wurde das bis dahin Undenkbare, nämlich der sexuelle Missbrauch an Kindern selbst und vor allem in der eigenen Familie, ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt. Zudem wurde mit zunehmendem Wissen um Traumatisierungen deutlich, dass die psychischen Folgen von Verbrechen für die Opfer bislang unterschätzt worden waren.

„Psychosoziale Prozessbegleitung ist für uns nichts wirklich Neues“, erklärt Behrens, die mit ihrer Kollegin  Frank im Bückeburger Büro der Stiftung tätig ist. „Wir begleiten Opferzeugen schon seit 2002. Und 2006 habe ich mich zur psychosozialen Prozessbegleiterin ausbilden lassen und bin in dieser Funktion für den Bereich des Landgerichtes Bückeburg zuständig“, sagt Behrens. Die jahrelange Erfahrung der Diplompädagogin kommt nicht nur den Ratsuchenden heute zugute; Behrens gehört auch zu dem Kreis von Fachleuten, die seit Langem auf die jetzt erfolgte gesetzliche Änderung hingewirkt haben, und sie hat an dem Konzept für die standardisierte Ausbildung für zertifizierte psychosoziale Prozessbegleiter mitgearbeitet.

Beeindruckende Themenbreite

Die Breite der Themen, die diese Fortbildung umfasst, ist beeindruckend. Grundwissen im Bereich Medizin, Psychologie, Viktimologie, Kriminologie und Recht sind ebenso aufgeführt wie Kenntnisse über Ermittlungs- und Strafverfahren, Gesprächsführung und Methodenkompetenz, was die soziale Arbeit angeht. „Unsere Arbeit setzt sehr früh an. In vielen Fällen wäre es sogar am besten, wenn Menschen, die Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sind, noch vor der Erstattung einer Anzeige hier zur Beratung kämen,“ so die Erfahrung von Behrens. Sie hätte schon einige Male erlebt, dass jemand mit der Absicht „Ich wollte mich doch nur mal erkundigen, was ich tun soll“ zur Polizei gegangen sei, die dann, wenn es sich um ein Offizialdelikt handelte, nicht anders reagieren konnte als mit der Eröffnung eines Verfahrens. Dann nehmen die Dinge ihren vorbestimmten Lauf, selbst wenn man darauf noch gar nicht richtig eingestellt ist.

Grundsätzlich würden die Mitarbeiterinnen bei der Opferhilfe keine bestimmte Strategie bevorzugen. „Wir folgen den Bedürfnissen unserer Klienten. Anzeige ja oder nein. Nebenklage beantragen oder nicht, das bestimmen bei uns die Betroffenen selbst“, erläutert Behrens und betont, dass Opfer von Gewaltverbrechen selbstverständlich auch auf ihre Unterstützung rechnen könnten, wenn sie gar keinen Prozess anstrebten. „Unsere Aufgabe ist es, aufzuzeigen, was diese Entscheidungen für Folgen mit sich bringen. Zu erklären, was im jeweiligen Falle als Nächstes zu tun ist, und – ganz wichtig – zu schauen, wie wir den Hilfesuchenden auf seinem selbst gewählten Weg stärken können.“

Kleinigkeiten werden nützlich

Zum Teil seien es ganz kleine Dinge, die hier nützlich werden könnten. „Nicht nur Kindern – aber denen ganz besonders – hilft es, dem Gerichtssaal vorab schon mal einen Besuch abzustatten“, weiß die erfahrene Prozessbegleiterin. Zeigen: „so sieht der Raum aus. Hier sitzt der Richter. Hier ist dein Platz und meiner gleich daneben“ würde erstaunlich gut beim Abbau von Unsicherheiten helfen. „Wenn dann noch der Richter selbst kurz vorbeikommt, und man sich bekannt machen kann, ist so ein Besuch besonders hilfreich.“ Man müsse Schritt für Schritt gehen, um die oft sehr belasteten Opfer nicht zu überfordern.

Betroffene, die in einer Akutsituation um Hilfe bäten, bräuchten häufig erst einmal ganz handfeste Unterstützung. „Da geht es zum Beispiel bei häuslicher Gewalt darum, das Wohnungsschloss auszuwechseln, oder vorübergehend eine anderweitige Unterkunft für die Betroffene zu finden“, berichtet Behrens aus ihrem Alltag. „Oder es müssen Maßnahmen zum Schutz für von Misshandlung oder Missbrauch bedrohten Kinder ergriffen werden.“

Oft habe sie auch mit Menschen zu tun, die durch das Trauma eines Gewalterlebnisses ganz aus der Bahn geworfen wären. „Da können sich lange Leidensgeschichten auftun, mit Jobverlust, Alkoholismus und sozialem Abstieg“, weiß die Fachfrau. „Manchmal gilt es im ersten Schritt schlicht, den Kühlschrank wieder aufzufüllen.“ In solchen dramatisch schlechten Lebenssituationen sieht die Opferhilfe ihre Aufgabe auch darin, die Betroffenen an andere Stellen, wie Therapeuten, Drogenberater, Schuldnerberater und ähnliche Institutionen weiter zu vermitteln. „Man braucht eine gewisse innere Stärke, um so einen Prozess durchzustehen. Das schafft man kaum, wenn man gleichzeitig durch existenzielle Sorgen belastet ist.“

Durchweg positive Erfahrungen

Ihre Erfahrungen mit Richtern und Staatsanwälten am Landgericht Bückeburg seien durchweg positiv, berichtet Behrens. „Eine Richterin meldet uns regelmäßig zurück, wie froh sie sei, dass wir das Befinden des Opfers während des Prozesses so gut im Blick hätten. Da könnte sie sich beruhigt auf das restliche Geschehen konzentrieren.“ Auch Rintelns Amtsrichter Christian Rost hat schon Bekanntschaft mit der Stiftung Opferhilfe gemacht. „Die habe ich ein paar mal getroffen, wenn sie sich mit ihren Klienten den Gerichtssaal anschauen wollten“, so der Rintelner. „Das ist gut, wenn die Opfer nicht allein gelassen werden.“

Etwas weniger zufrieden äußern sich Prozessbegleiter in Hannover, die auch für den Bereich des Amtsgerichtes Hameln zuständig sind, über die Zusammenarbeit mit den Gerichten. Andrea Behrmann von der Beratungsstelle Violetta, genau wie Behrens seit anderthalb Jahrzehnten mit dem Thema vertraut, stellt kritisch fest, dass es bei einigen Gerichten doch noch Sensibilisierungsbedarf im Hinblick auf den Opferschutz gebe. Hameln zähle dazu. „Rein räumlich ist zu bemängeln, dass es im Hamelner Amtsgericht keinen Zeugenschutzraum gibt“, erläutert die Beraterin. Das hieße, Opfer müssten zum Teil stundenlang im selben Flur mit Zeugen der Gegenseite auf ihren Aufruf warten. Eine belastende Situation. „Zum anderen stellen wir fest, dass in Hameln die Anfrage, ob man den Täter während der Aussage des Opfers vom Verfahren ausschließen könne – manche Gewaltopfer empfinden die Anwesenheit des Täters als unglaublich bedrohlich – überwiegend negativ entschieden würde. „Hier haben die Richter einen gewissen Entscheidungsspielraum. Wie der genutzt wird, gibt dann Hinweise auf die Haltung, die in einem Gericht vorherrscht.“ Schade auch, dass in Hameln selbst kein Angebot für psychosoziale Prozessbegleitung existiert. „Die Betroffenen müssen nach Hannover kommen. Hier gibt es fünf Stellen mit entsprechender Fachkompetenz.“

Für alle, die nur über ein kleines Einkommen verfügten, würden Zuschüsse zu den Fahrtkosten gewährt, macht Behrmann Mut, die Beratung in Hannover trotz der gewissen Entfernung in Anspruch zu nehmen. „Und manche kommen sogar ganz gern zu uns in die große Stadt. Niemand Bekanntes in der Nähe, der sehen könnte, dass sie hier als Opfer Rat suchen.“

Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung

Was ändert sich am 1. Januar 2017, wenn der gesetzliche Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung (der übrigens durch die EU-Opferschutzrichtlinie vom 25. Oktober 2012 zwingend wurde) rechtskräftig wird? „Da sind wir alle schon gespannt“, lacht Behrens. Klar sei, dass schon sehr früh im Verfahren über die Möglichkeit einer solchen Hilfe informiert werden müsste „Hier sind bereits Polizei und Staatsanwaltschaft in der Pflicht“, so die Bückeburgerin. Und dann müsse sehr schnell abgeklärt werden, ob der Betroffene zum Kreis der Berechtigten gehört. Kinder und Jugendliche würden in jedem Fall ein Recht auf Begleitung haben.

Bei den Erwachsenen müsse ein besonderer Schutzbedarf bestehen. (Beispiele: Menschen mit geistigen, psychischen oder altersbedingten Beeinträchtigungen, durch einen längeren Tatzeitraum oder besonders schwere Tatfolgen Belastete). Die Entscheidung über das Anrecht würde von richterlicher Seite getroffen, erklärt die Diplompädagogin. Opferhilfe und Beratungsstellen seien vorbereitet. Es gebe mittlerweile eine ausreichende Anzahl zertifizierter Prozessbegleiter. „Nun müssen wir schauen, wie sich das Ganze der Praxis entwickelt.“

Oft einleuchtend, manchmal auch verwundernd

Viele Vorgehensweisen, von denen die Prozessbegleiterinnen berichten, leuchten unmittelbar ein. Doch manchmal können die Erklärungen die Beraterinnen auch erst mal etwas Verwunderung auslösen. „Es erstaunt die Ratsuchenden oft, wenn ich gleich am Anfang der Gespräche sage, man möge mir nichts vom Tathergang erzählen“, berichtet Behrens. „Der Hintergrund ist, dass ich, wenn ich etwas über die Tat weiß, möglicherweise als Zeugin geladen werden könnte. Und in dieser Rolle ist es mir nicht mehr gestattet, meiner Klientin über den ganzen Prozess zur Seite zu sitzen.“ Zum Glück decke sich diese Bitte nach Stillschweigen auch in den meisten Fällen mit den Bedürfnissen ihrer Schützlinge. Die seien oft ganz froh, nicht schon wieder über das, was ihnen zugestoßen ist, berichten zu müssen.

Und das zweite erstaunliche Detail aus ihrem Erfahrungsschatz: Wenn im Laufe des Prozesses der Angeklagte seine Tat gesteht, und somit die Aussage des Opfers nicht mehr notwendig ist, führe das keineswegs nur zu dessen Erleichterung. „Da stellt sich eher Enttäuschung ein, dass man alles, was man sich vorgenommen hatte zu sagen, jetzt nicht mehr loswird. Der ganze Kampf, der darum ging, den Mut zur Aussage aufzubringen, verpufft in dieser Situation und erscheint auf einmal sinnlos.“ Sie bitte die Richter dann häufig darum, die Zeugin doch noch aufzurufen. Es habe sich bewährt, das Opfer über die Folgen des Verbrechens und seine seelische und gesundheitliche Verfassung zu befragen. „Dann fühlt sich der- oder diejenige gehört, und das tut gut.“ cm

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr