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12:02 30.04.2015
Das Steckenpferd von Marktleiter Christian Schulz ist der Whisky. Quelle: js
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Von Jan Schaumburg

Stadthagen. Routiniert packt die Leiterin der Käse-Abteilung die unausgesprochenen Wünsche, Schafskäse und Bockshornklee Gouda, zurecht. „Kann sein, dass ich nachher noch mal kommen muss, die Kinder sind schließlich da“, sagt der ältere Mann, als er seine Bestellung entgegen nimmt. „Ach schon wieder? Das ist aber schön. Na dann bestellen Sie liebe Grüße“, erwidert Hanisch. Der Senior nickt ihr freundlich zu und schreitet, ausgestattet mit einer neuen Ration Käse, zufrieden von dannen.

Jene Herzlichkeit ist Teil des Konzepts, das Feinkost Tietz seit Jahrzehnten verfolgt – und offenkundig mit Erfolg. Seit nunmehr über 90 Jahren steht beim letzten Vollsortimenter in der Stadthäger Innenstadt und sogar einem der letzten eigenständigen dieser Art im Landkreis mit Citylage die persönliche Beratung im Mittelpunkt. Auch beim persönlichen Steckenpferd von Marktleiter Christian Schulz, dem Whisky, gilt dies. Das hochprozentige Getränk erfährt bei Feinkost Tietz eine besondere Bedeutung, stehen doch über 200 Sorten zur Auswahl.Auch in anderer Hinsicht ist der Großteil der insgesamt 48 Mitarbeiter ist umfassend geschult. Allein sechs Mitarbeiter des Reformhauses, welches ungefähr 6000 Artikel umfasst, verfügen über einen Sachkundenachweis, dem „Freiverkäuflichen Arzneimittelschein“.Diese Beratungskompetenz sei auch notwendig, denn nach den Worten von Schulz hat der Bedarf in diesem Sortiment enorm zugenommen. Ein Großteil der Kunden, die zu Reformartikel greifen, müssten dies gar nicht tun. „Viele kaufen gluten- und laktosefreie Artikel, obwohl sie überhaupt keine Lebensmittelintoleranz haben“, sagt der 33-Jährige. Hierbei gebe es viel Klärungsbedarf, für den die Fachleute im Feinkost Tietz gerne zur Verfügung stehen.Doch nicht nur das Beratungspotenzial sorgt für die personalintensive Bewirtschaftung. Viele Discounter haben etwa 4000 Artikel im Programm, beim Stadthäger Feinkosthaus gibt es etwa 16000 – „und das bei gleicher Fläche“, wie Schulz betont. Man müsse die Artikel einreihig zum Verkauf zur Verfügung stellen und entsprechend oft nachfüllen. Für den Marktleiter sei dies kein Problem. „Wir möchten dem Kunden alles bieten. Dafür sind wir bekannt und das wollen wir beibehalten.“Ebenfalls erhalten möchte Schulz, dessen Vater Holger als Geschäftsführer fungiert, die geringe Personalfluktuation. Er versuche, dem allgemeinen Trend entgegenzuwirken. „Sieben Mitarbeit sind bereits länger als 30 Jahren im Betrieb“, erklärt der 33-Jährige, der seinen Markt auch als Treffpunkt für Stadthäger sieht. Dies tue freilich der Kundenbindung nach dem Motto „Wo man sich kennt, wo man Sie kennt“ sehr gut.Das bestätigt auch Fachbereichsleiterin Hanisch, seit 1980 im Betrieb: „Wir haben von der Pike auf gelernt, wie man mit Kunden spricht“, sagt sie. Viel mitgenommen habe sie vom ehemaligen Geschäftsführer Georg Tietz, der erst vor Kurzem gestorben ist. „Er hat uns geformt und geprägt.“ Ihre Kollegin Karin Deerberg, stellvertretende Marktleiterin und seit 1971 bei Feinkost Tietz, pflichtet ihr bei: „Gerade ältere Menschen schätzen den persönlichen Umgang.“Das Verhältnis zu den Kunden endet allerdings nicht an der Schiebetür in Richtung Markt. Mit einer Kundin, die heute bereits verstorben ist, habe Deerberg sogar ein freundschaftliches Verhältnis aufbauen können. „Wir haben uns sehr oft im Markt gesehen. Irgendwann haben wir uns geduzt und ich bin mit einer Kollegin zu ihr nach Beckedorf gefahren. Dort haben wir Kaffee getrunken und uns sehr nett unterhalten“, erinnert sich die stellvertretende Marktleiterin.Doch auch von Berufswegen her sind Mitarbeiter von Feinkost Tietz im Außendienst unterwegs. Ein Einkaufs- und Lieferservice bedient Personen, die es aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen nicht mehr schaffen, direkt im Markt einzukaufen. „Wir nehmen unter der Woche Bestellungen entgegen, am Freitag wird die Ware geliefert“, erklärt Marktleiter Schulz junior. Je nach Reichweite beträgt der Lieferzuschlag fünf bis zehn Euro. Ab 50 Euro Einkaufswert ist der Lieferdienst kostenlos. Gerade ältere Menschen nutzen die zweite Möglichkeit, direkt im Laden einzukaufen und sich die Ware, ebenfalls zum Wochenende, nach Hause liefern zu lassen. Außerdem betreibt der Feinkostladen seit 30 Jahren einen gut funktionierenden Partyservice.Doch trotz aller Bemühungen wachsen die Umsätze nicht mehr unbegrenzt nach oben. Jene seien „in letzter Zeit etwas stagniert“, kommentiert Schulz die Entwicklung. Die Konkurrenz Kaufland beispielsweise würde durch den hervorragenden Standort viele Kunden einfangen. Auch die Pläne für einen Famila-Markt an der Vornhäger Straße sind nicht im Sinne von Schulz junior. Außerdem seien die Lebensmittelpreise in Deutschland „kaputt“.Den zunehmenden Onlinehandel durch große Anbieter dürfe man ebenfalls nicht vergessen. „Gerade im Bereich Spirituosen, Drogerie und Weine merken wir einen Umsatzrückgang“, sagt Schulz. „Dort werden Dumpingpreise gezahlt, bei denen wir durch die Personalkosten einfach nicht mithalten können“, führt der Stadthäger aus. Er könne nicht nachvollziehen, dass viele Kunden blind und ohne Beratung online kaufen. „Aber wir werden diesen Entwicklungen weiterhin mit unseren intensiven Beratungen entgegen wirken.“

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