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11:55 30.04.2015
In manchen Schaufenstern an der Langen Straße herrscht gähnende Leere. Das lädt nicht unbedingt zum Einkaufsbummel ein. Quelle: tbh
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Obernkirchen

Sie wissen es längst: So wie einst wird’s im Zentrum der Bergstadt nie wieder werden. Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen, die schöne heile Einkaufswelt ist und bleibt beidseits der Langen Straße und der Friedrich-Ebert-Straße Geschichte.

 Dass das so ist, hat viele Gründe, von denen Zustand und Zuschnitt vieler Immobilien, in die von manchem Eigentümer seit Jahrzehnten nicht investiert wurde, nicht die Letzten sind. Es kommt hinzu: Obernkirchen liegt im Dreieck der Mittelzentren Stadthagen, Bückeburg und Rinteln. Die Menschen sind mobiler geworden. Lief man früher zum Einkaufen eine halbe Stunde zu Fuß in die Stadt, ist man heute mit dem Auto in einer halben Stunde selbst an diesen Mittelzentren vorbei. Soll heißen: Mit der Mobilität des Einzelnen sind auch seine Einkaufsmöglichkeiten gewachsen.

 Seit diese – bittere – Erkenntnis in Rat und Rathaus angekommen ist, versuchen die Entscheidungsträger, aus der Not eine Tugend zu machen – und im Übrigen zu improvisieren. So hatte Stadtplaner Hans Hoorn bei den Zukunftsgesprächen im „Stadtlabor“, bei denen es um die strategische Neuausrichtung Obernkirchens geht, als Fernziel vorgegeben: „Die Stadt mit Weitsicht soll zu dem Wohnstandort in Schaumburg schlechthin werden.“

 Die Arbeitsgruppe „Stadtlabor“ ist ihm darin gefolgt. Sie ist zu der Einschätzung gelangt, „dass Obernkirchen als Wohnstadt noch am ehesten überzeugen kann“. Daran, dass sich in der Kernstadt noch einmal eine florierende Einzelhandelswelt mit vielen Ladengeschäften entwickelt, glaubt die Masse der Politiker nicht mehr. Die künftige Ausrichtung Obernkirchens als „Wohnstandort mit kulturellem Schwerpunkt“ soll durch das breite Spektrum an geselligen Festen wie dem La-Flèche-Parkfest, dem Barbarossafest, der „Lange Nacht der Steine“ und den Niedersächsischen Musiktagen unterstrichen werden.

 Große Hoffnungen ruhen darüber hinaus auf den Synergieeffekten des künftigen Klinikums. Konkret liegt es auf der Linie des Leitbilds der Stadt, dass aus vielen der einstigen Geschäfte „Gesundheitspraxen“ im weitesten Sinne werden.

 Bei allen Leerständen darf eines aber nicht vergessen werden: Die Bergstadt erfüllt mit ihren vier Lebensmittelmärkten, zu denen sich noch einige zwar kleine, aber ausgesprochen spezialisierte inhabergeführte Fachgeschäfte im Stadtzentrum gesellen, ihre Funktion als Grundversorger nach wie vor. Das jüngste Gutachten der „CIMA“ Beratung und Management GmbH aus Lübeck vom September 2014 zur Lage des Einzelhandels im Landkreis Schaumburg hat dabei mit Blick auf die Bergstadt Erstaunliches ans Licht gebracht. So sind trotz ständig sinkender Einwohnerzahlen und eines Rückgangs der Zahl der Geschäfte von 69 auf 65 die Verkaufsfläche und der Umsatz in den fünf Jahren zwischen 2006 und 2011 nicht etwa gesunken, sondern – im Gegenteil – sogar gestiegen. Im Einzelnen: Die Verkaufsfläche hat zwischen 2006 und 2011 von 17000 um 3000 auf 20000 Quadratmeter zugelegt; die Einzelhandelsfläche pro Einwohner ist in diesem Zeitraum somit von 1,17 auf 2,18 Quadratmeter gestiegen – das ist fast so viel wie Rinteln (2,27) hat und liegt über dem Landkreisschnitt von 1,99 Quadratmetern. Der Umsatz ist von 52,1 um über fünf auf 57,4 Millionen Euro gestiegen, der Umsatz je Einwohner von 5272 auf 6230 Euro gewachsen.

 Neuere Erhebungen liegen für die Zahl der Beschäftigten im Einzelhandel vor: Sie hat in Obernkirchen in den fünf Jahren von 2008 bis 2013 um 19,8 Prozent zugelegt – und zwar von 182 auf 218 Mitarbeiter. Das ist nach der Samtgemeinde Niedernwöhren, der Gemeinde Auetal und der Samtgemeinde Eilsen der viertstärkste Zuwachs einer heimischen Kommune. Wobei die Positivzahlen bei Verkaufsfläche, Umsatz und Mitarbeitern wohl in erster Linie der Existenz und Expansion eines großen Möbelhändlers an der Peripherie zu verdanken sind.

 Derweil sind Sportvereine wie der Kneipp-Verein und der MTV Obernkirchen dazu übergegangen, ihre Geschäftsstellen in brachliegende Ladenlokale im Zentrum zu verlegen. Das wird von den Mitgliedern gut angenommen, sorgt für Leben in der Stadt – und bei den verbliebenen Einzelhändlern für den einen oder anderen Mitnahmeeffekt.

 Was die Improvisationen angeht, so hat noch der inzwischen verstorbene Rolf Bernd de Groot mit dem „Kulturfenster“ die Parole ausgegeben: „Leerstand muss nicht Stillstand bedeuten“. Als Konsequenz wurde der einstige Sitz eines Drogerie-Discounters für einen Abend zum Konzertsaal. Andere Bemühungen des Kulturfensters um Dörte Worm-Kressin haben es zum Ziel, in einem verwaisten Ladenlokal ein offenes Künstleratelier einzurichten. tw

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