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Die vielen Gesichter der Sucht

5000 Jahre: So viel Zeit liegt zwischen der Entwicklung von Online-Spielen und dem ersten schriftlichen Nachweis von Alkohol als Genussmittel. Eines haben beide gemeinsam, ebenso wie Tabak, Opiate und Glücksspiele: Über- oder auch nur regelmäßiger Konsum kann zur Sucht werden und Menschen damit in den Ruin treiben, soziale Bindungen zerstören und sogar tödlich enden.

Glücksspiel, Alkohol, Onlinespiele: Abhängigkeit kann viele Gesichter haben. kle

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Landkreis Schaumburg. Zwischen vier und fünf Millionen alkoholabhängige und -gefährdete Menschen gibt es schätzungsweise in ganz Deutschland. Statistisch bedeutet das rund 8 000 Betroffene allein für den Landkreis Schaumburg. Dazu kommen die Konsumenten illegaler Drogen. Denn auch dieses Problem ist längst nicht nur auf Großstädte beschränkt. Allein im Jahr 2009 suchten mehr als 1300 Menschen die Drogenberatung des Diakonischen Werks Schaumburg auf, wie Jugend- und Drogenberater Dennis Beike mitteilt.
Nicht immer braucht es für eine Abhängigkeit auch ein stoffliches Rauschmittel. „Die Spielsucht, das zwanghafte Glücksspielen, gibt es zum Beispiel schon ewig“, erklärt Suchttherapeut Alf Hettler vom Diakonischen Werk in Stadthagen. „Als Suchterkrankung ist es allerdings erst in den achtziger Jahren anerkannt worden, früher hatte man das als bloße Charakterschwäche abgetan.“ Dass aber auch hier eindeutig von einer Abhängigkeit zu sprechen sei, zeigten schon allein die Auswirkungen eines Entzugs, der bis zu Depressionen führen könne. „Und das, obwohl nur eine psychische Abhängigkeit vorliegt.“
Ein ganz neues Problem bei der Suchtgefährdung bildet das Medium Internet. Mitte der neunziger Jahre wurde der erste Fall von Internetsucht in Bezug auf Chatrooms bekannt, und erst im Laufe des neuen Jahrtausends wurde die Onlinespiel-Sucht zum Thema.
Doch wann wird eine bloße Gewohnheit oder gelegentlicher Genuss zur Sucht? Nicht jeder Onlinespieler ist internetsüchtig, und nicht jeder, der ab und zu ein Bier trinkt, ist gleich Alkoholiker. „Das Problem ist, dass die Grenzen immer fließend sind“, sagt Hettler. „Sucht beginnt immer dann, sobald man selbst nicht mehr entscheiden und kontrollieren kann, wann und ob man spielt oder nicht, trinkt oder nicht.“
„Onlinesucht zum Beispiel“, so Beike, „macht sich nach außen auf verschiedene Art bemerkbar: Die Betroffenen ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück, vernachlässigen Freunde, Familie, Beruf und Schule, haben oft auch einen gestörten Tag- und Nachtrhythmus. Als süchtig gelten dabei Menschen, die mehr als sechs Stunden am Tag zu privaten Zwecken online sind.“ kle

Der lange Weg aus der Sucht
Verein der Selbsthilfegruppen des Diakonischen Werkes feiert 35-jähriges Bestehen
Das Diakonische Werk in Stadthagen ist seit langem eine wichtige Anlaufstelle für Suchtkranke. Seit 35 Jahren steht nun auch der Verein der Selbsthilfegruppen Alkohol- und Medikamentenabhängigen bei ihrem Weg zurück in ein normales Leben zur Seite.
Kreis Schaumburg. „Wir sorgen dafür, dass die Betroffenen, die sich ändern möchten, vom ersten Moment an Hilfe bekommen und auf ihrem Weg nicht allein gelassen werden“, beschreibt Vorstandssprecherin Helma Thiemann die Besonderheit der Zusammenarbeit ihres Vereins mit dem Diakonischen Werk. Als erste Anlaufstelle für Hilfesuchende dienen ihre „offenen Gruppen“. Doch selbst wer nach seinem Aufenthalt in Krankenhaus und Therapieklinik zurückkommt, soll weiterhin Rückhalt finden. In den so genannten Nachsorgegruppen des Vereins geben sich langjährig stabile Betroffene gegenseitige Unterstützung.
Doch Alkohol- und Medikamentenabhängige sind längst nicht die einzigen, die bei den Beratungs- und Behandlungsstellen des Diakonischen Werks Hilfe suchen und finden. Denn Abhängigkeit kennt viele Formen. kle

Den Alltag neu erlernen
Wohnheime bieten Suchtkranken Resozialisierung
Für Alkohohl- und Drogenabhängige gibt es in Schaumburg diverse Behandlungs- und Betreungsmöglichkeiten. Außer der Diakonie bieten offene Langzeit- und Übergangswohnheime eine Möglichkeit zur Resozialisierung.
Kreis Schaumburg. Da der Weg aus der Sucht lang und häufig von Rückfällen geprägt ist, gibt es im Landkreis rund zehn Wohnheime, in denen die Betroffenen nach der Entgiftung betreutwerden.
Hierzu gehört das 2005 gegründete „Haus Manuel“ in Obernwöhren, welches vom gemeinnützigen Verein „Ex und Job“ getragen wird. In Zusammenarbeit mit der Klinik in Wunstorf sowie weiteren Ärzten werden dort chronisch Suchtkranke in einem Drei-Stufen-Modell resozialisiert, da viele die Alltagsfähigkeiten, wie den Umgang mit Geld , durch die Sucht verlernt haben, so Heimleiter Reinhard Türnau.
Nach dem Aufenthalt im Haupthaus kommen die Betroffenen im Idealfall in eine weniger intensiv betreute Außengruppe und von dort in eine Trainingswohnung, sodass sie Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit zurückfinden können.
Insgesamt werden 45 Suchtkranke in Obernwöhren von 20 professionellen Betreuern begleitet. Rund 80 Prozent sind davon Männer, so Türnau. Die Bewohner können das Haus verlassen, haben aber auch Regeln und Arbeitszeiten einzuhalten. Nach Interesse kann jeder im Haushalt oder in einer der Arbeitsgruppen aktiv sein, die in Zusammenarbeit mit Firmen entstanden sind.
Nach Angaben von Türnau gibt es häufig eine lange „Suchtgeschichte“ von bis zu 30 Jahren. Dies trifft auch auf Ute B. (Namen von Redaktion geändert) zu. Vor rund 30 Jahren ist sie in die Alkoholsucht geraten. In ihrerem Umfeld fühlte sie sich oft ausgenutzt und nicht akzeptiert, erzählt die 54-Jährige. Ihr damaliger Partner führte sie an den Alkohol heran.„Angefangen hat es mit ein, zwei Bier in geselliger Runde. Daraus wurden bald drei Liter Wein und später dann Korn – den riecht man nicht.“ Schnell rutschte sie in die Obdachlosigkeit, kam in eine geschlossene Klinik und von dort in diverse Einrichtungen, wo sie ihren jetzigen Ehemann kennenlernte, der ihr großen Halt gibt.
Gemeinsam hatten sie bereits versucht auszuziehen. „Es war jedoch zu früh, jetzt lassen wir uns die nötige Zeit“ so die Betroffene. Auch, wenn es schwere Zeiten und viele Vorurteile gab, will sie gemeinsam mit ihrem Mann nach vorne schauen. „Den Kopf in den Sand zu stecken bringt nichts.“ so Ute B.. kil

Stichwort Kontaktadressen
In Schaumburg und Umgebung gibt es zahlreiche anonyme Beratungsstellen für Suchtkranke und Angehörige sowie Informationen rund ums Thema Sucht.
Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtkranke des Diakonisches Werkes Stadthagen. www.diakonisches-werk-stadthagen.de; Telefon (0 57 21) 99 30 20.
Diakonisches Werk. Nebenstelle Rinteln. Telefon (0 57 51) 96 21 18.
Beratungsstelle für Drogen- und Medienabhängigkeit des Diakonischen Werkes Stadthagen. www.drops-stadthagen.de; Telefon (0 57 21) 99 30 30.
Klinik für Abhängigkeitserkrankungen. KRH Psychiatrie Wunstorf. www.
wunstorf.krh.eu; Telefon (0 50 31) 9 30.
Burghofklinik Rinteln. www.burghof-klinik.de; Telefon (0 57 51) 94 00.
„Haus Manuel“. Wohnheim für Suchtkranke. Obernwöhren. www.exundjob.de; Telefon (0 57 21) 9 32 90. kil


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