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Investor zieht Antrag für Jugendheim zurück

Vorwürfe statt Informationen + Kommentar Investor zieht Antrag für Jugendheim zurück

Eigentlich wollte Martin Opitz, Projektleiter des Kinder- und Jugendheims für Beckedorfs alte Schule, „mit Vorurteilen aufräumen“. Aber schon nach wenigen Minuten geriet der Bürgerinformationsabend aus dem Ruder. Statt sachlicher Infos und Fragen hagelte es Vorwürfe beider Seiten.

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Quelle: kil

Beckedorf (kil). Nachdem Opitz schon aufgeben wollte, weil die Beckedorfer zu viele Ängste und Vorurteile zeigten – „für mich ist das an dieser Stelle gegessen“ – schaffte es einer der rund 35 anwesenden Bürger nach 40 Minuten doch noch, die Debatte in halbwegs ruhige Bahnen zu lenken: „Die Sache ist eine gute, aber Sie sind kein guter Vertreter Ihrer Sache.“ Die Bürger applaudierten.
Opitz entschuldigte sich daraufhin, so emotional reagiert zu haben. Er habe eben viel Herzblut in die Planung gesteckt – auch als Lebenspartner einer der Heimleiterinnen. Beide Frauen waren zur Skepsis der Bürger aber nicht da. Wie Opitz im SN-Gespräch sagte, wollte er die beiden Frauen mit Migrationshintergrund vor erwarteten Anfeindungen schützen.
Das Projekt ist nach der Veranstaltung trotzdem gestorben. Wie Opitz auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte, ziehe er den Antrag wieder zurück. Er möchte es den Kindern nicht zumuten, so wenig willkommen zu sein. Man habe ihm von Anfang an nicht die Chance gegeben, die Bürger vernünftig zu informieren, kritisierte er die Politiker.
Ziel der Bürgerinfo war es eigentlich, den Anwohnern die Pläne der Kinder- und Jugendhilfe „Aurora“ aus Hannover nahezubringen. Wie berichtet, hatte die GmbH nach Gesprächen mit der Gemeinde einen offiziellen Kaufantrag gestellt. Opitz und Steuerberater André Treichel, der den Standort empfohlen hatte, sollten das Konzept präsentieren.
Die Verwaltung hatte das Heim abgelehnt, ohne darüber im Rat abzustimmen – weil es zuletzt keine Mehrheit in den Fraktionen gegeben hätte. „Dafür habe ich einen Einlauf von der Kommunalaufsicht bekommen“, sagte Bürgermeister Dieter Wall. Opitz hatte den Politikern dafür „Patriarchentum“ und „undemokratische Prozesse“ vorgeworfen. Wall: Nun solle alles korrekt durch Ausschuss und Rat gehen.
Unter den Bürgern gab es Befürworter und Gegner des Heims. Viele kritisierten die fehlende Informationspolitik. „Wenn wir mehr Infos gehabt hätten, wären wir nicht mit so vielen Ängsten hergekommen“, hieß es. Und mit Informationen ging Opitz zu Beginn eher sparsam um, fühlte sich schnell angegriffen und reagierte verärgert auf Aussagen der Anwohner, die sich um den benachbarten Kindergarten sorgten. Diesen Aspekt griff auch wiederholt Ratsmitglied Jens Bremer (CDU) auf, der sich unter die Bürger gemischt hatte. Er gab auch zu, das offenbar inoffizielle Konzept-Papier an ausgewählte Eltern weitergegeben zu haben, die sich sorgten.
Opitz sah in solchen Ängsten bloße „Stigmatisierung“ und wehrte sich gegen Ausdrücke wie Problemkinder und Drogenabhängige, obwohl diese noch gar nicht gefallen waren.
Schließlich gab es doch noch Raum für Fakten: Es gehe um Kinder, deren Eltern sich aus unterschiedlichen Gründen nicht um sie kümmern könnten. Das Heim biete ihnen in diesen Notfällen ein kurzfristiges Zuhause an – in der Regel bis zu drei Monaten. Anders sei das im Lüdersfelder Kinderheim, wo die Bewohner auch über Jahre blieben, wie Wilfried Schröder berichtete. Der Lüdersfelder Bürgermeister habe im Dorf noch keine negativen Erfahrungen mit den Kindern gemacht.
Opitz verglich das geplante Heim mit einer „Auffangstation für Heuler“. Dieser Vergleich kam bei den Bürgern weniger gut an. Opitz erklärte weiter: Es solle zwei Wohngruppen mit je acht Bewohnern geben: für Acht- bis Zwölfjährige und bis 16-Jährige. Der gesetzlich vorgeschriebene Betreuungsschlüssel sei mit 15 Mitarbeitern recht hoch. Die Kinder seien aber nicht, wie von einigen Bürgern angemerkt, traumatisiert, meinte Opitz. Sie hätten „nur einen Schreck“. Das Heim-Konzept ziele ja gerade darauf ab, rechtzeitig gegen Traumata vorzubeugen.
Der Bürger, der zur Sachlichkeit aufgerufen hatte, betonte zudem, dass auch seine eigenen Kinder im Ort mal Unfug gemacht hätten. „Das ist doch normal, verdammt.“ So fand er: Man müsse auch Kindern, die es nicht so leicht haben, eine Chance geben. Außerdem: „Wir wollen doch mit der Schule etwas anfangen und sie nicht verfallen lassen.“ Auch eine Mutter von Kiga-Kindern ergriff Partei für die Heim-Idee: „Was sollen denn die Heimkinder den Kindergartenkindern antun?“, fragte sie verständnislos. Skeptischer äußerte sich ein ehemaliger Lehrer, der viel „mit solchen Kindern“ zu tun gehabt hätte. Er warnte vor Ärger mit der Polizei. Und eine andere Anwohnerin fand: Bevor in die alte Schule syrische Flüchtlinge einziehen, hätte sie lieber deutsche Heimkinder.“

Kommentar

Das Kinder- und Jugendheim hätte für Beckedorf eine echte Chance sein können. Die Gemeinde würde ein soziales Projekt fördern und zugleich einen Leerstand beheben. Nun ist das Vorhaben gescheitert. Wer Schuld daran hat, ist schwer zu greifen: die Politiker, weil sie das Projekt monatelang hinter verschlossenen Türen diskutiert haben? Die misstrauischen Bürger, die sich um die Sicherheit ihrer Kinder sorgen? Oder der Projekt-Leiter Martin Opitz, der zu schnell die Fassung verloren hat und dem man fast alle Informationen aus der Nase ziehen musste?
Der Bürgerinformationsabend war jedenfalls ein Armutszeugnis für Politiker und Projektentwickler. Ein Moderator hätte den Ton der Versammlung vielleicht mäßigen und die Diskussion früher in geregelte Bahnen lenken können. Außerdem hätten sich die Politiker nicht in den Bürgerreihen verstecken sollen, sondern mit an den Rednertisch gehört. Ebenso wie die beiden Leiterinnen von „Aurora“.
So oder so: Die Veranstaltung hätte viel früher anberaumt werden müssen, um die Bürger rechtzeitig ins Boot zu holen. Stattdessen verhandeln die Politiker unter sich und tragen das Konzept nur an einzelne ausgewählte Beckedorfer heran. Kein Wunder, dass da der eine oder andere misstrauisch wird.
Die Einsicht des Gemeinderates, nun den korrekten Weg der öffentlichen Sitzungen zu gehen, kommt zu spät. Ebenso wie Dieter Walls leicht sarkastisch wirkendes Schlusswort: „Jetzt sind wir alle bestens informiert.“

Von Kirsten Elschner

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