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Ehepaar nimmt Teenager aus Eritrea auf

Junge Flüchtlinge Ehepaar nimmt Teenager aus Eritrea auf

Von einem Tag auf den anderen saßen sie nicht mehr zu zweit, sondern zu viert am Frühstückstisch: Hals über Kopf hat ein Ehepaar aus der Samtgemeinde Lindhorst zwei minderjährige Flüchtlinge aus Eritrea aufgenommen – einen Tag vor Heiligabend.

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Die meisten der unbegleiteten Minderjährigen, die in Schaumburg in Obhut genommen wurden, sind junge Männer bis 17 Jahre. Symbolbild dpa

Samtgemeinde Lindhorst. Die beiden Afrikaner sind jetzt seit fast vier Monaten als Pflegekinder in der Familie. Viele schwierige, aber auch sehr schöne Zeiten mit Höhen und Tiefen liegen hinter ihnen. Dass es nicht immer einfach wird, war den Pflegeeltern bewusst – vor allem wegen der Sprachbarriere.

„Wir haben uns überhaupt nicht verstanden“

Die Geflüchteten sprachen bei ihrer Ankunft nur Tigrinya. Kein Deutsch, kein Englisch. Auf einen Übersetzer vom Jugendamt musste die Familie einige Wochen warten. „Wir haben uns überhaupt nicht verstanden“, erinnert sich die berufstätige Mutter an die ersten Tage.

Aber auch darüber hinaus hat es immer wieder Situationen im Alltag gegeben, bei denen sich die beiden mehr Unterstützung vom Jugendamt gewünscht hätten. „Wir haben uns oft allein gelassen gefühlt“, berichtet die Lindhorsterin. Und das vom ersten Tag an.

Für eine Pflegeelternschaft hatte sich das Ehepaar schon im Herbst beworben, nachdem sie in den SN einen Aufruf der Kreisverwaltung gelesen hatten, dass dringend Pflegeeltern gesucht werden. „Wenn es Geschwister sind, würden wir auch zwei Kinder aufnehmen“, hatten sie damals angegeben. Das Paar reichte alle nötigen Unterlagen ein – vom polizeilichen Führungszeugnis bis zum Gesundheitsgutachten – und absolvierten ein Gespräch mit einem Mitarbeiter des Jugendamtes.

„Dann haben wir wochenlang nichts mehr gehört“, erzählt die Frau. Erst Mitte Dezember kam ein Anruf mit der Anfrage, ob sie auch zwei Kinder – keine Geschwister – aufnehmen könnten. Die Jungs seien gemeinsam geflohen, hätten also eine enge Verbindung. Das Ehepaar bekam einen Tag Bedenkzeit. Drei Tage später klingelte es wieder: Das werde doch nichts mehr vor Weihnachten, hieß es.

Kurz vor Heiligabend musste alles ganz schnell gehen

Da das Paar Anfang Januar für einige Tage verreisen wollte und junge Flüchtlinge Schaumburg nicht über Nacht verlassen dürfen, vereinbarte es mit dem Jugendamt, dass die Kinder erst nach dem 11. Januar kommen sollten. Einen Tag später dann der nächste Anruf: Am nächsten Morgen um 8 Uhr kommen zwei Flüchtlinge. Die Lindhorsterin war überrumpelt, sagte aber zu und handelte noch ein paar Stunden Zeit heraus. Schnell gab sie den Nachbarn Bescheid, während ihr Mann die Verwandten informierte und ein zweites Bett organisierte.

Doch am nächsten Tag, der 23. Dezember, kam niemand. Erst nach 18 Uhr lieferte eine Mitarbeiterin des Jugendamts die Jungs ab. Beide hatten nur einen kleinen Rucksack dabei – keine Unterwäsche, keine Socken. Dazu gab es ein Schreiben des Landkreises mit den Namen der beiden und der Mitteilung, dass das Jugendamt die Vormundschaft besitzt. Dazu noch ein Bilder-Sprachlern-Buch, mit dem man sich wenigstens ein bisschen verständigen konnte.

So saß die neu zusammengewürfelte Familie zum ersten Mal zusammen am Esstisch und versuchte, irgendwie miteinander zu kommunizieren. Essen wollten die Jungs am ersten Abend nichts. Die Afrikaner brauchten eine ganze Weile, um sich an die deutsche Esskultur zu gewöhnen. Auch daran, dass man eine Konserve mit einem Dosenöffner aufmacht, nicht mit einem edlen Küchenmesser, erzählt die Pflegemutter schmunzelnd.

Da treffen zwei Welten aufeinander

Außerdem hatten die Jungs eine lange Flucht hinter sich – zwischen zwei und vier Jahren, in denen sie ihren Tagesablauf weitestgehend selbst bestimmten. In Lindhorst angekommen hieß es nun plötzlich, nach neuen Regeln zu leben, einen geregelten Rhythmus kennenzulernen. „Da treffen zwei Welten aufeinander“, sagt die Lindhorsterin. Herausforderungen, die die Pflegeeltern annahmen – „raus aus der Komfortzone“, kommentierte der Pflegevater.

Über die Weihnachtsfeiertage organisierte sich die Familie eine Dolmetscherin aus dem Bekanntenkreis. So konnten immerhin erste Dinge geklärt werden: Was wollt ihr essen? Ihr könnt eure Zimmertür abschließen, müsst es aber nicht. Mittlerweile kommt ab und zu ein Übersetzer vom Jugendamt.

Angeblich sollen die Jungs schon 17 Jahre alt sein. Die Pflegeeltern glauben aber: Die beiden sind höchstens 15. Ihren Geburtstag kannten sie nicht. In Stadthagen besuchen sie jetzt eine Sprachlernklasse auf dem Gymnasium. Das läuft viel besser als auf der Lindhorster Schule, freut sich die Familie.

Auch im Sportverein haben sich die Teenager angemeldet. Jede Woche spielen sie dort Fußball. Freundschaften haben sie auch schon geschlossen. Und um ihr Deutsch zu verbessern, gehen sie jeden Tag zum Sprachunterricht bei einer Freundin der Familie. Das Ergebnis: Die Kommunikation gelingt besser und besser. „Und natürlich baut man auch eine emotionale Bindung zueinander auf“, sagt die Pflegemutter.

Offen bleibt, wie lange ihre Schützlinge bei ihnen wohnen. Ein schwieriges Thema, bei dem sich die Pflegemutter ebenfalls mehr Beratung und Hilfe vom Jugendamt wünschen würde. Von Kirsten Elschner

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