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Leben am Existenzminimum

Lindhorst / Kinderarmut Leben am Existenzminimum

Chancengleichheit: eine beliebte Forderung kurz vor der Bundestagswahl. Während diesen Appell die Politiker bei jeder Wahlkampfveranstaltung ins Mikrofon rufen, klopft Tina (Name von der Redaktion geändert) an die Tür von Birgit Schukowksi in der Magister-Nothold-Schule in Lindhorst und bittet um einen Blick in die Kiste mit der getragenen Kleidung der Tochter ihrer Freundin.

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Kinderarmut ist auch in Deutschland weit verbreitet. In Lindhorst unterstützt der Verein „Wir für soziale Gerechtigkeit“ Bedürftige.

Quelle: ddp

Von Verena Insinger

Lindhorst. Tina ist 15 Jahre alt. Ihre alleinerziehende Mutter bezieht Hartz IV. Während sie dank des Bildungs- und Teilhabe-Paketes (BuT) mit auf Klassenfahrt fahren kann, fehlen ihr allerdings noch Schuhe zum Wandern und eine wasserfeste Jacke. Ihre Mutter hat kein Geld, um Tina die Fahrt zu zahlen, noch sie dafür auszustatten.

 Glücklicherweise hat Sozialarbeiterin Schukowski an der Oberschule zuvor Kleidung von der Tochter ihrer Freundin bekommen. Die zieht die Pullover, Jacken, Hosen und Shirts nicht mehr an. Schukowski sammelt die ausrangierten Kleidungsstücke. Die 53-Jährige weiß, dass an der Lindhorster Schule zahlreiche Schüler sind, die am Existenzminimum leben.

 „105 unserer 380 Schüler haben Anspruch auf Unterstützung aus dem BuT“, sagt die gelernte Erzieherin und Diplom-Sozialarbeiterin, die seit sechs Jahren als Schulsozialarbeiterin an der Oberschule angestellt ist. Das sei allerdings nur die offizielle Zahl. Hinzu kämen Familien, die die Voraussetzungen für die finanzielle Unterstützung nicht erfüllen – Beziehung von Hartz IV, Wohnungsgeld, einem Kindergeld-Zuschlag oder den Asyl-Status.

 „Viele dieser Familien kommen gerade so über die Runden. Für zusätzliche Ausgaben wie Klassenfahrten oder ein Paar neue Schuhe fehlt ihnen das Geld.“ Da kommt der Lindhorster Verein „Wir für soziale Gerechtigkeit“ ins Spiel. Er unterstützt bedürftige Familien (siehe Kasten).

 Aslan (Name von der Redaktion geändert) und seine Familie leben erst seit ein paar Wochen in Lindhorst. Sie sind aus Tschetschenien nach Deutschland geflüchtet – kaum Gepäck dabei. Der Zehnjährige besucht die dritte Klasse der Magister-Nothold-Grundschule. Am Sportunterricht konnte er bislang nicht teilnehmen – ihm fehlten die Turnschuhe. Bis jetzt. Grundschullehrer Dietmar Buchholz klingelte beim Vorsitzenden des Lindhorster Vereins, Matthias Hinse, an und erhielt die finanziellen Mittel, um gemeinsam mit Aslan neue Schuhe kaufen zu können.

 Um Kindern und Jugendlichen wie Tina und Aslan zu helfen, übernehmen Schukowski und Buchholz Aufgaben, die nicht originär zu ihrer Arbeit gehören. Warum dieses Engagement? „Was wäre denn, wenn jeder Dienst nach Vorschrift macht? Dann hilft den Kids ja niemand“, sagt die 53-Jährige.

 Nils’ (Name von der Redaktion geändert) Geschichte klingt wie die von vielen Familien in Deutschland. Sein Vater hat den Job verloren, die Mutter kam wegen psychischer Probleme ins Krankenhaus. Der Familienvater konnte irgendwann die Raten für das Haus nicht mehr zahlen. Privatinsolvenz. Die Immobilie wird zwangsversteigert.

 Nils und sein Bruder kommen in der Einzimmerwohnung der älteren Schwester unter, der Vater zieht bei einem Freund ein. Bis die ersten Zahlungen vom Amt kommen, dauert es. Genau in diese Zeit fällt der Schulabschluss des 16-Jährigen. Einen schicken Anzug für den Festakt hat der Lindhorster nicht. Schukowski zieht durchs Lehrerzimmer und bittet um einen kleinen Obolus für Nils. Auch Hinse ruft sie an. Er und sein Verein helfen sofort – unbürokratisch.

 Nils verbringt eine unbeschwerte Abschlussfeier. Für einen Moment sind die Sorgen vergessen. Dass er eigentlich keinen Anzug gehabt hätte, wissen seine Schulkameraden nicht. Warum auch? Und noch etwas Gutes bringt der schwarze Anzug mit sich: Auch für die Vorstellungsgespräche ist er nun ausgestattet.

 Wie war das mit der Chancengleichheit? Buchholz: „Chancengleichheit gibt es in Deutschland nicht. Wer das behauptet, versperrt die Augen vor der Realität.“

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