Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Alles rund um den Miegel-Entscheid

Diskussionen um Denkmal Alles rund um den Miegel-Entscheid

Zum zweiten Mal binnen 16 Monaten sind die Bürger Bad Nenndorfs aufgerufen, direkt zu entscheiden, was mit einem Objekt im Stadtgebiet passieren soll. Nach dem Kurhaus im Herbst 2013 geht es am Sonntag, 11. Januar, um die Zukunft des Agnes-Miegel-Denkmals. Die SN fassen alle wichtigen Informationen zum Bürgerentscheid noch einmal zusammen.

Voriger Artikel
Brandt zur Versöhnung bei Miegel
Nächster Artikel
Fußweg kommt eine Etage höher

Worum geht es?

Im Nenndorfer Stadtrat kam im Jahr 2013 der Gedanke auf, dass die Dichterin Agnes Miegel, die von 1948 bis 1964 in Bad Nenndorf lebte, nicht länger im Kurpark mit einem Denkmal geehrt werden sollte. Hintergrund ist Miegels Rolle im Nationalsozialismus, von dem sie sich später nie offiziell distanzierte. Außerdem äußerten die Kritiker die Sorge, dass das Denkmal zur Anlaufstelle der Neonazis werden könnte, die jährlich das Winckler-Bad ansteuern. Die Miegel-Gegner haben nach eigenen Angaben nicht das Ziel, die Dichterin zu diffamieren und sie gänzlich aus dem Stadtbild zu verbannen. Ein öffentliches Denkmal geht ihnen aber zu weit. Die Skulptur solle der Agnes-Miegel-Gesellschaft zur Verwendung auf dem Grundstück des Miegel-Hauses übergeben werden.

Wer war Agnes Miegel?

Agnes Miegel war eine zu Lebzeiten berühmte Balladen-Dichterin. Geboren wurde sie 1879 in Königsberg, lebte dort nach dem Ersten Weltkrieg abgetrennt von Deutschland. Aus Königsberg wurde sie im Zweiten Weltkrieg vertrieben. Als Flüchtling gelangte Miegel über Dänemark nach Apelern, wo sie bei der Familie von Münchhausen Freunde aus früheren Zeiten hatte. 1948 zog sie nach Bad Nenndorf, 1954 wurde sie dort zur Ehrenbürgerin erklärt. Dieser Titel erlosch mit ihrem Tod. Miegel schrieb im Dritten Reich mindestens ein Gedicht, in dem sie Adolf Hitler pries. Zudem trat sie 1940 in die NSDAP ein und gehörte der Deutschen Akademie der Dichtung an, deren 88 Mitglieder Hitler schriftlich ihre Gefolgschaft zugesichert hatten. Zu diesen Vorgängen lehnte Miegel auch nach 1945 jede öffentliche Stellungnahme ab. Miegel galt in ihrer Zeit als eine der begabtesten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Ihre Fähigkeit, heimatliche Identität und die Suche danach zu versprachlichen, suchte ihresgleichen. Ihre Anhänger schätzten zudem die häufig melancholische Grundstimmung und die reichhaltige Bildsprache Miegel’scher Balladen und Prosa.

Was kostet das Begehren?

Die Initiatoren geben an, dass das Begehren kein Geld kostet. Allerdings bezieht sich dies nur auf die Konsequenzen im Erfolgsfall. Denn die Verwaltungskosten belaufen sich nach Angaben der Stadt auf rund 8000 Euro. Damit werden vor allem der Druck und das Porto für die Wahlbenachrichtigungen und die Abstimmungsbögen bezahlt. Auch die Wahlhelfer erhalten eine geringe Entschädigung. Verfehlt der Entscheid das Ziel, und das Denkmal muss doch versetzt werden, kommen auf die Stadt Kosten für diesen Schritt hinzu – und möglicherweise auch für die Neugestaltung des jetzigen Standortes. Die Wahllokale entsprechen denen der politischen Wahlen. Das Lokal in der Berlin-Schule ist allerdings seit Fertigstellung des Mehrgenerationenhauses dort angesiedelt.

Wer will das „Bleiberecht“?

Die Agnes-Miegel-Gesellschaft protestiert gegen den – mittlerweile zweiten – Versuch, die Statue aus dem Kurpark zu entfernen. Die Mitglieder Detlef Suhr und Annemete von Vogel starteten Anfang 2014 ein Bürgerbegehren, sammelten dabei 1007 Unterschriften dafür, das Denkmal an Ort und Stelle zu belassen. Dies genügte, um den Bürgerentscheid herbeizuführen. Unterstützer des „Bleiberechts“ für die Skulptur kommen aus der CDU. Die Christdemokraten bieten sogar einen Fahrdienst zu den Wahlbüros an. Innerhalb der Wählergemeinschaft ist das Meinungsbild uneinheitlich. Eine Abstimmungsempfehlung gab die WGN nicht.

Wer ist gegen das Denkmal?

Initiator des jetzigen Anlaufs zur Denkmalentfernung ist der Linken-Ratsherr Olaf Buschmann. Schnell fand dieser Unterstützung in den Reihen der SPD, und auch deren Nachwuchsorganisation Jusos machte sich speziell für das Tilgen der Stele stark. Das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ stimmte in diese Rufe mit ein, Vorsitzender Jürgen Uebel wurde daraufhin neben Buschmann zur Zielscheibe einiger Miegel-Anhänger. Miegel-Gesellschafts-Sprecher Detlef Suhr attackierte beide mehrmals öffentlich, zuletzt in einem Flugblatt. Auch linksextreme Kräfte sind gegen das Denkmal, haben sich im Kontext des Bürgerbegehrens aber nicht geäußert.

Und die Folgen?

Ein Bürgerentscheid ist einem Ratsbeschluss gleich bedeutend. Demnach hätten die Bürger den Rat der Stadt Bad Nenndorf überstimmt, und dieser müsste sein altes Votum aufheben. Dann bliebe das Denkmal im Kurpark. Plebiszite binden Politiker für zwei Jahre, doch gilt es als unwahrscheinlich, dass nach Ablauf dieser Frist bald der Versuch unternommen wird, einen Bürgerentscheid zu kippen. Gelingt es den Miegel-Anhängern nicht, die Mehrheit auf ihre Seite zu ziehen, kann der Rat den Beschluss vom Oktober 2013 umsetzen lassen. Weitere produktive Gegenwehr wäre dann kaum noch zu leisten.

Wie viele Stimmen sind nötig?

Knapp 8900 Bad Nenndorfer sind wahlberechtigt. Mindestens ein Viertel (2225) davon muss mit Ja stimmen, damit das Denkmal im Kurpark bleiben darf. Dann wäre der Ratsbeschluss vom Oktober 2013 aufgehoben. Damals hatten 13 Ratsmitglieder dafür gestimmt, die Statue zu entfernen, sieben waren dagegen, vier enthielten sich. Die 2225 Stimmen reichen aber nur aus, wenn nicht mehr als 2224 Bad Nenndorfer mit Nein votieren. Bei Stimmengleichheit ist der Entscheid ungültig. Kommen weniger als die 2225 Ja-Stimmen zusammen, verfehlt der Bürgerentscheid sein Ziel ohnehin. Problematisch für die Initiatoren ist, dass am Sonntag keine Bundestags-, Landtags- oder Kommunalwahl ansteht, da dies gewöhnlich mehr Bürger an die Urnen zieht. Allerdings lag die Wahlbeteiligung beim Kurhaus-Bürgerbegehren bei satten 60,4 Prozent, und 3468 Bad Nenndorfer hatten für die Sanierung votiert. Seinerzeit lief zeitgleich die Bundestagswahl.

Wer schuf das Denkmal?

Agnes Miegels Grab wird bis heute in Bad Nenndorf gepflegt. Der Bildhauer Ernst Hackländer hat das Denkmal im Kurpark erschaffen, gestiftet wurde es von Willibald Völsing, dem Historiker eine Nähe zum Nationalsozialismus nachsagen. Auch nach Kriegsende soll Völsing noch Kontakt zu ehemaligen NSDAP-Funktionären gepflegt haben. Das Denkmal wurde der Agnes-Miegel-Gesellschaft geschenkt, in deren Besitz befindet es sich noch heute. Zuerst wurde es oberhalb des Hotels „Esplanade“ postiert, vor etwa acht Jahren folgte die Umsetzung an den jetzigen Standort neben dem Schlösschen. Das Agnes-Miegel-Denkmal im Bad Nenndorfer Kurpark ist eines von vieren, deren Existenz bekannt ist. Ein weiteres befindet sich in Wunstorf, zudem gibt es eine Gedenktafel an ihrem früheren Wohnhaus in Kaliningrad. Das vierte Denkmal steht in Filzmoos (Österreich).

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg