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„Am nächsten Morgen war alles anders“

Bad Nenndorf / Sven Kuntze „Am nächsten Morgen war alles anders“

Zur Lesung im Pavillon der Curanum-Residenz haben Kulturforum und die Buchhandlung Borchers die zahlreichen Gäste mit Wein begrüßt. Zu Recht, wie sich schnell herausstellte: Autor Sven Kuntze und dessen Recherche zum Leben im Alter weckten große Erwartungen.

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„Lernen Sie verdrängen“: Sven Kuntze motiviert Rentner, den Augenblick zu genießen und sich gegenseitig zu helfen.

Quelle: tes

Bad Nenndorf (tes). Der Titel seines Buches „Altern wie ein Gentleman“ klingt nach versöhnlichem Lebensabend, doch Inhalt und Autor sprechen eine andere Sprache: „Sie werden deprimiert aus diesem Vortrag herausgehen“, sagt der TV-Journalist und er hält Wort.

Nach seiner mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Reportage „Alt sein auf Probe“, sei ihm klar geworden: „Die Geißeln des Alters sind Siechtum, Verlassenheit und Verlust.“ An seinen ersten Tag als Rentner erinnert sich Kuntze genau: „Es war der 1. Juni 2007.“ Tags zuvor sei er zum letzten Mal über den blauen Teppich des ARD-Hauptstadtstudios gegangen. „Am nächsten Morgen war alles anders“, erklärt er: „Schon am ersten Tag meiner neuen Existenz blieb mein Briefkasten leer.“

Eine bittere Erfahrung für den erfolgsverwöhnten Moderator und Korrespondenten. Als Rentner gehöre sein Vormittag dem Morgenmantel. Die Krawatte fiel der Bequemlichkeit zum Opfer. In der Reportage „Gut sein auf Probe“ versuchte er sich als Mietopa. Das als „Jungbrunnen“ propagierte Projekt ging nach hinten los: „Da habe ich mich erst richtig alt gefühlt“, bedauert er. Das Besondere an seiner Generation: „Wir fühlen uns als Siebzigjährige wie Fünfzigjährige und sehen auch 15 Jahre jünger aus als unsere Vorfahren.“ Doch die Sache hat einen Haken: „Noch Jüngere können das nicht sehen. Wir werden unsichtbar.“ Länger leben bedeute auch länger leiden. Sein Appell: „Nur im Gespräch können wir Alten lernen, mit der Vergänglichkeit umzugehen. Wir müssen lernen, uns gegenseitig zu helfen, das Alter zu bewältigen und uns gegenseitig den Hintern abwischen“, berichtet er von positiven Erfahrungen in einem amerikanischen Seniorenheim mit gegenseitiger Betreuung: „Hier stirbt keiner allein.“

Mit dem Erbe seiner Generation geht er kritisch ins Gericht: zwei Billionen Euro Schulden, Atommüll und zu wenig Kinder. „Völliger Käse“ sei die egoistische Suche vieler Neurentner nach ihrem „Selbst“. „Sie werden nix finden“, stagnierte er und warnte vor „subtilem Terror“ gegenüber den Nachfahren durch selbstgemalte Aquarelle. Widerstand aus dem Publikum begegnet Kuntze mit Charme. „Na, alle deprimiert?“, neckt er, nimmt einen Schluck Wein und ergänzt mit tröstendem Unterton: „Die Welt geht ja nicht unter.“

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