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Die 150-Millionen-Euro-Frage

Medizin-„Tempel“ Die 150-Millionen-Euro-Frage

In Bad Nenndorf gibt es momentan nur ein Thema: Der Medizin-„Tempel“, den ein Investorenpool auf dem Harms-Gelände errichten möchte. Die Reaktionen schwanken zwischen vorsichtiger Freude und gesunder Skepsis. Keiner kennt die Antwort auf die 150-Millionen-Euro-Frage. Die SN stellen das Projekt im Detail vor und blicken auf vergleichbare Vorhaben.

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Quelle: Grafik

Bad Nenndorf. Baubeginn schon 2016: Dreieinhalb Jahre nehmen sich die Investoren bis zur Eröffnung der Klinik und des Wohnparks. Bis 2016 sollen zwei Architekten, die die Investoren bezahlen, die Bauleitplanung für die Stadt erledigen. Für das dritte Quartal 2016 sind nach aktuellem Zeitplan Erschließung und Tiefbau vorgesehen. Der Hochbau soll maßgeblich im Jahr 2017 erfolgen. 2018 stehen dann der Innenausbau und die Gestaltung der Außenanlagen an.

Energie sparen am Luxus-Bau: Das Alternativmedizin-Zentrum mutet wie ein exklusives Luxus-Projekt an. Dennoch achten die Investoren darauf, Energie zu sparen. Die Wohnhäuser werden beispielsweise mit Spezialfolien überspannt, die einerseits zur Energiegewinnung dienen, aber auch vor zu großer Hitze-Einwirkung schützen soll.

Kita nicht nur für Mitarbeiter-Kinder: 80 Arbeitsplätze entstehen auf dem Komplex, heißt es. Die Beschäftigten, die den Wohnpark beziehen, können ihren Nachwuchs in einer Kindertagesstätte betreuen lassen. Nach bisherigen Aussagen ist eine kommunale Mitnutzung der Kita möglich. Auch ein Sport- und Kulturangebot ist geplant.

„8. Stock“ für den Hubschrauber: Die verkehrsgünstige Lage des 42 000-Quadratmeter-Grundstücks verkommt beinahe zur Randnotiz, denn auf dem Dach des Westflügels sollen Hubschrauber landen können. In den sieben Stockwerken darunter ist der Wirtschaftsbereich angesiedelt.

Badebereiche, Teehaus, Drogerie: Durch ein elegantes Eingangsportal betreten die Besucher einen mit viel Grün ausstaffierten Bereich. Von dort aus sind wiederum fünf Spas, ein Teehaus, eine chinesische Drogerie, eine Spezialapotheke, zwei Kapellen und ein Luxusrestaurant zu erreichen.

Praxen und Penthäuser: Im Ostflügel des Hauptgebäudes sollen medizinische Praxen entstehen. Oberhalb des als Klinik bezeichneten Traktes sind Penthouse-Wohnungen geplant. Sie stehen dann zum freien Verkauf – Preise wurden bislang nicht genannt. 

Vorplatz mit Tiefgarage: Von der B 65 aus erreichen Autofahrer den Vorplatz des Alternativmedizin-Zentrums. Parkplätze gibt es vor der Klinik, aber es ist auch eine Tiefgarage geplant. Wer vergessen hat, vorher Geld abzuheben, kann das später am Bankterminal im Hauptgebäude nachholen.

Top-Mediziner beziehen Wohnungen: Der größte Teil des Geländes wird den Plänen zufolge mit Wohnhäusern bestückt. Mediziner von fünf Kontinenten sollen mit ihren Familien dauerhaft dort leben. Weitere Wohnungen sollen zum freien Verkauf stehen – auch hier gibt es aber keine Angaben zu Kaufpreisen. 216 Wohneinheiten soll es auf dem Gelände geben.

Weiß und Grün prägen das Bild: Weiß und Grün sollen das Bild auf dem Gelände bestimmen. Weiße Gebäudefassaden und jede Menge Pflanzen sehen die Pläne vor. Welche Sorte Bäume und Sträucher es sein sollen, ist zwar noch offen, aber einige exotische Gewächse dürften schon dabei sein.

Schandfleck wird zum Nobelviertel: Der Kontrast könnte größer kaum sein: Werden die 150-Millionen-Euro-Pläne tatsächlich umgesetzt, würde aus einem jahrelangen Schandfleck ein Nobelviertel. Und auch die Grenze des Areals mit der verfallenen Fabrik säumt derzeit ein Fußweg, an dem sich Pfützen und Hundekot aneinanderreihen. Ob das auch noch der Fall sein wird, wenn sich die High Society nebenan verwöhnen lässt? gus

Zurückhaltend, aber gelöst

Die Stimmung unter den Politikern ist aufgrund der ungewöhnlichen Pläne gelöst. Zwar überwiegt noch die Zurückhaltung, ob das Nobel-Projekt mit dem offiziellen Namen „Royalvital Wohnpark – Medizin der Kulturen“, wirklich bei Bad Nenndorf realisiert wird. Es soll immerhin das erste Alternativmedizin-Zentrum der Welt sein. Doch Politik und Verwaltung sind sich einig: Die Stadt kann keinen Schaden davontragen.

Anders als beim Millionen-Projekt Deisterpark muss die Kommune keinerlei Kosten übernehmen. Die Bauleitplanung zahlen die Investoren, das Grundstück gehört Initiator Pal Pinke. Der Verwaltungsausschuss hat den Start der Bauleitplanung in dieser Woche abgenickt. Sollte die Klinik kommen, wäre dies gut für die Stadt, lautet die überwiegende Meinung der Politiker. Ob sie kommt, warten die Bad Nenndorfer in Ruhe ab.

Als positiv wird im Rathaus auch bewertet, dass die Initiatoren des Projekts an einer Kooperation mit dem bestehenden Kurbetrieb interessiert sind. Das Naturdenkmal Kraterquelle soll ebenfalls integriert werden. Und sogar für den Zoo gebe es vage Pläne, sollte dieser irgendwann schließen. gus

Große Pläne – keine Umsetzung: Millionen-Projekte bei Bad Münder und Steinhude kamen nicht über Ankündigungen hinaus.

Die Pläne für die 150-Millionen-Klinik mit Wohnpark – im ersten Moment klingt das nach einem vorgezogenen April-Scherz. Tatsächlich sind bei derartigen Mammutprojekten Zweifel über das Zustandekommen erlaubt, wie ein Blick auf ähnliche Vorhaben zeigt.

Im Nachbarkurort Bad Münder ist der Begriff „Deisterpark“ bis heute Synonym für das größte Scheitern in der jüngeren Stadtgeschichte. Anfang der neunziger Jahre versprach ein Investor der Gemeinde ein Projekt der Superlative mit Golfplatz, 5-Sterne-Hotel, Wohnpark und Wellness-Therme. Mit eindrucksvoll per Fallschirm vom Himmel herabsegelnder Spaten wurde bei einem pompösen Festakt symbolisch die erste Erde bewegt.

Dabei blieb es. Nur wenige Wochen später verschwand der vermeintliche Investor auf Nimmerwiedersehen von der Bildfläche. Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt mit dem Ankauf beziehungsweise der Anpachtung riesiger Grundstücksflächen in Vorleistung getreten – die daraus resultierenden Schulden drücken bis heute. Einzig der Golfplatz konnte später realisiert werden. Später kündigte dann ein Unternehmer vom Bodensee die Verwirklichung des „Deisterparks“ im zweiten Anlauf an. Auch dieses Projekt kam nie zustande.

Mindestens 230 Millionen Euro sollte es vor rund 20 Jahren kosten, Mardorf zur Touristenhochburg am Steinhuder Meer zu machen. Eine Investorengruppe um den Mardorfer Kaufmann Ulrich Hermann entwickelte für ein Planungsgebiet von 13,1 Hektar Land angrenzend ans Ufer des Steinhuder Meeres die Vision eines Hotels mit 140 Betten und zwei Restaurants und Konferenzräumen, die von 500 Besuchern zeitgleich genutzt werden sollten. Apartments mit weiteren 250 Betten verbanden das Hotel mit dem nördlich gelegenen Erlebnisbad.

Geplant war auch ein Wellness-Bereich mit Räumen für Arztpraxen, Gastronomie und Einzelhandel – insgesamt bis zu 1600 Betten. Zwei Türme mit Aussichtsplattform und ein ins Meer ragender Stelzenbau waren ebenfalls Teile der Pläne. Doch kein Investor hielt durch, das Projekt geriet in Vergessenheit. 2003 wurde gegen den offenbar überschuldeten Investor ein Insolvenzverfahren eröffnet.  mf, jpw

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