Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Flucht kurz vor dem Mauerfall

Waltringhausen Flucht kurz vor dem Mauerfall

Die ehemalige DDR-Bürgerin Gabriele Kopeczky erlebte den Fall der Berliner Mauer und damit die Grenzöffnung zur Bundesrepublik Deutschland aus ihrer ganz eigenen Perspektive.

Voriger Artikel
Buntes Zauberwäldchen
Nächster Artikel
„Schneiderlein“ komplett ausverkauft

Gabriele Kopeczky hält stolz ihren Aufnahmeschein der Bundesrepublik Deutschland in der Hand, durch den ihr 1989 die Freiheit garantiert wurde. 

Quelle: on

Von Oliver Nowak

Waltringhausen. Denn einen knappen Monat zuvor war ihr die Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik über deren Prager Botschaft gelungen. Die damals 39-jährige machte sich am 30. September 1989 kurz vor Mitternacht zusammen mit ihrem zwölfjährigen Sohn und einer Arbeitskollegin aus dem Krankenhaus Zwickau auf den Weg nach Prag. Der Lebensgefährte der Tochter ihrer Arbeitskollegin holte sie mit seinem Trabbi ab. An der deutsch-tschechischen Grenze bei Reitzenhain gaben die vier Leute an, in den Urlaub fahren. „Wir waren unglaublich aufgeregt und wussten nicht, ob wir an der Grenze festgenommen würden, weil man uns nicht glaubt“, sagt Kopeczky.

Doch gemeinsam erreichten sie schließlich Prag und parkten ihr Gefährt so nahe an der BRD-Botschaft, wie es nur ging. „Vor dem Gebäude standen Menschenmassen, alles DDR-Flüchtlinge, zu Tausenden“, erinnert sich die Waltringhäuserin. Kopeczky, ihr Sohn und ihre Arbeitskollegin schoben sich durch die Menschenmenge nach vorne an den Zaun. Das Gedränge war so groß, dass ihr Sohn zweimal ohnmächtig wurde. Schließlich schafften die drei es jedoch auf das Botschaftsgelände. Als Frauen durften sie sogar im Botschaftsgebäude nächtigen, die Männer mussten auf dem Außengelände der diplomatischen Vertretung campieren.

Nach vier Tagen in der Botschaft kam dann die befreiende Nachricht vonseiten der DDR-Regierung. Den als Landesverrätern angesehenen Flüchtlingen wurde erlaubt, mit Zügen nach West-Deutschland einzureisen. Bevor sie jedoch vom Prager Bahnhof losfahren durften, mussten sie stundenlang auf den Bahnsteigen ausharren. „Und dann kam die Prager Bevölkerung und brachte uns Essen und zu trinken“, erzählt Kopeczky. Als die Züge sie und die Tausenden anderen Flüchtlinge aufnahmen, machte sich die Ungewissheit breit. „Wir konnten dem Regime einfach nicht vertrauen“, sagt die heute 64-Jährige.

Am Bahnhof Plauen hielten die Züge an. Dort wurden den Flüchtlingen die Ausweise abgenommen und die Waggons versiegelt. Die Fahrt ging weiter ins westdeutsche Hirschberg. „Dort empfing uns das Deutsche Rote Kreuz mit warmen Essen, für die Kinder gab es sogar Schokolade, West-Schokolade. Und ein Chor sang, um uns zu empfangen“, erinnert sich Kopeczky. Untergebracht wurden die Flüchtlinge in einer alten Dragoner-Kaserne. Eine Brieffreundin Kopeczkys nahm sie und ihren Sohn dann Mitte Oktober in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen auf.

„Als die Demonstrationen in Ostdeutschland begannen, saß ich jeden Abend vor dem Fernseher und habe gebangt, dass kein Blut vergossen wird“, erzählt die Waltringhäuserin. „Ich habe zwar gehofft, dass sich die Menschen die Freiheit erkämpfen. Dass die Proteste aber vom Regime nicht niedergeschlagen werden, habe ich nicht erwartet“, fügt sie hinzu.
Als schließlich am 9. November die Mauer fiel und die Grenzen geöffnet wurden, war Kopeczky nicht mehr zu halten. „Ich war außer mir vor Freude. Ich habe daran gedacht, meine Freunde wiedersehen zu können.

Ich rannte am nächsten Tag früh morgens auf die Straße und hielt Ausschau, ob vielleicht ein Trabbi die Straße hinunter fahren würde“, erzählt sie. Aber den kleinen Ort tief im Westen Deutschlands besuchte an diesem Tag offenbar kein DDR-Bürger. „Hätte ich geahnt, dass die Mauer fallen würde, hätte ich mir das Martyrium mit der Flucht über Prag schenken können“, sagt sie nachdenklich.

Weihnachten 1989 verbrachte Kopeczky bei ihrer Cousine in Rodenberg. „Mir gefielen die Landschaft und die Leute so gut, dass ich hier bleiben wollte.“ Im Januar zog sie dann mit ihrem Sohn zu ihrer Cousine. Sie bekam eine Stelle als Nachtwache in einem Altenpflegeheim. Alsbald folgte eine eigene Wohnung. „Das Leben in der Freiheit ist unbezahlbar“, sagt Kopeczky am Ende ihrer gedanklichen Reise zurück in die Zeit der Wende.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg