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Mit Tröten und Popmusik gegen Nazi-Hetzreden

Bad Nenndorf / "Trauermarsch" Mit Tröten und Popmusik gegen Nazi-Hetzreden

Laut, schrill, bunt: Mit kreativen Aktionen und einer zentralen Demonstration haben am Sonnabend rund 900 Menschen gegen den sogenannten „Trauermarsch“ protestiert, den Neonazis bereits zum sechsten Mal in der Kurstadt veranstaltet haben. Die Bad Nenndorfer haben es den „trauernden“ Neonazis dabei alles andere als leicht gemacht. Nach ökumenischem Gottesdienst, Demo und Kundgebungen lautete auf der Bahnhofstraße die Parole: Party!

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Bad Nenndorf. Geburtstagsfeier im Parkhotel, Berufsjubiläum im China-Restaurant und eine Party zum Hochzeitstag im Vorgarten: Zahlreiche Bürger feierten private Feste in unmittelbarer Nähe der uniform in weißen Hemden und dunklen Hosen marschierenden Rechtextremen, um fröhlich und vor allem lautstark kund zu tun, dass Nazis in der Kurstadt unerwünscht sind.

Vor dem Parkhotel, in dem VfL-Vorstandsfrau Sigrid Bade Geburtstag feierte, tanzten Jung und Alt auf der Straße. Wer immer die Musik aussuchte, hatte sich dabei etwas gedacht. Die politischen Kommentare reichten von „So lonely“ von „The Police“ über den Anti-Nazi-Klassiker „Schrei nach Liebe“ der Ärzte bis zu „Football’s coming home“, einer sehr britischen Pop-Hymne. Auch auf der Hindenburgstraße tanzten rund 30 Anwohner beim Straßenfest zu gut gelaunter Party-Musik, um den Nazis die Trauerstimmung zu verderben.

Als Letztgenannte dann am Wincklerbad eintrafen, waren vom Straßenrand vor allem Tröten und Trillerpfeifen zu hören. Die schrille Geräuschkulisse und laute Rufe der Bad Nenndorfer machten es den Rechtsextremen schwer, ihrer Kundgebung zu folgen.

Geschützt wurden die Privat-Partys indes von einem Großaufgebot an Polizisten, die zuvor sicherstellten, dass tatsächlich alle Fest-Gäste durch die Polizeiabsperrungen zu ihren Party-Orten kamen. „Es hat alles wunderbar geklappt, keiner hatte Probleme, durch die Kontrollen zu kommen“, freute sich Silke Engelking, die ihren Hochzeitstag mit Ehemann Uwe im Vorgarten feierte. Für die gute Kooperation bedankten sich die Feiernden nach dem Ende des Nazi-Aufmarsches mit einer La-Ola-Welle bei den Einsatzkräften.

Den größten Jubel erntete schließlich ein junger Mann, der die Nazis auf ihrem Rückmarsch zum Bahnhof auf besondere Art verabschiedete. Er hatte sich ein Hinterteil aus Plastik umgeschnallt, den er den Rechtsextremisten fröhlich wackelnd präsentierte – immer im Takt der Diskomusik. Die freche Inszenierung brachte selbst einige der Polizisten zum Schmunzeln.

„Das fröhliche Bad Nenndorf gibt ein Signal gegen die Verdummung von rechts“, sagte Samtgemeindebürgermeister Bernd Reese. Auch Jürgen Uebel, Sprecher des Nenndorfer Bündnisses gegen Rechtsextremismus, ist hochzufrieden mit dem bunten und vielfältigen Protest. Die Atmosphäre bei den Partys sei „sehr schön“ gewesen, die Aktionen ein voller Erfolg. Nichtsdestotrotz seien viele Gäste, vor allem jene, die den sogenannten „Trauermarsch“ zum ersten Mal mitangesehen haben, bestürzt. Vor allem darüber, dass so viele junge Leute bei den Rechtsextremen mitmarschiert seien.

„Unser Kreuz hat keine Haken“

Mehr als 250 Menschen haben sich am Sonnabendmorgen zum gemeinsamen Gottesdienst der örtlichen evangelischen, katholischen und jüdischen Gemeinden im Kurpark eingefunden. Jung und Alt sangen gemeinsam „Schalom Chaverim“, tauschten Erfahrungen aus und dokumentierten: Gemeinsam sind wir stark gegen rechts.

„Ein mutmachender Tag, der Zeichen setzt“, betonte Oberlandeskirchenrat Rainer Kiefer. Es sei eine Freude, nach Bad Nenndorf zu kommen und die bunt geschmückte Bahnhofstraße zu sehen. Besondere Grüße überbrachte Kiefer von Landesbischof Ralf Meister an die jüdische Gemeinde. „Unser Kreuz hat keine Haken“, betonte er, „in unserer Mitte sind alle Menschen willkommen.“ Gemeinsam müsse dem Geist rechtsextremen Denkens entschlossen entgegengetreten werden. „Ohne die jungen Leute in der rechten Ecke zu vergessen“, forderte Kiefer zum Gespräch auf: „Sie dürfen uns nicht gleichgültig sein.“
Aus der jüdischen Gemeinde trugen die Vorsitzende Marina Jalowaja und Ludmilla Nekrasova Texte vor, die zeigten, dass alle Menschen gleichwertig sind.

Der katholische Dechant Stefan Bringer setzte seine Predigt unter die Überschrift „Friede und Freude“. Freude sei das Gegenmittel zu Hass und zu dem, was sich beim Nazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf abspiele. Pastor Achim Schultz-Waßmuth von der St.-Godehardi-Gemeinde machte Mut, aufzustehen für Frieden, Freude und Gerechtigkeit und gegen Rechtsextremismus. Ein Blumenkranz erinnerte an die Opfer des Attentäters in Norwegen.

Friedensgruß für Marschierende

Mit Israel-Fahnen und bunten Wimpeln sind auch die Gebetsräume der jüdischen Gemeinde in der Bahnhofstraße am Sonnabend bunt geschmückt gewesen. Als die Neonazis kamen, standen die Gemeindemitglieder und ihre Gäste an der Straße und empfingen sie mit Musik. Laut sangen sie „Hevenu schalom alechem“ und klatschten in die Hände. Die Demonstranten blickten eisern und kalt zu ihnen herüber. Es scheint, als überraschte sie dieser Friedensgruß.

Die Schabbat-Feier der Gemeinde musste an diesem Sonnabend unter Polizeischutz stattfinden. Marina Jalowaja, Vorsitzende der Gemeinde, sagte, es sei ein gutes Gefühl, dass so viele Menschen auf die Straße gingen, um gegen rechts ihr Gesicht zu zeigen. Sie kann nicht nachvollziehen, dass es in dem Land, in dem sich der Holocaust ereignete, wieder Nazis gibt. Angst habe sie nicht. „Angst mussten damals die Menschen haben, dass sie verfolgt oder ermordet werden. Das ist heute in Deutschland glücklicherweise undenkbar.“

Als Gäste beobachteten Martina Spiekermann und Gisela Howell den Vorbeizug an der Gemeinde mit Erschrecken und Tränen in den Augen: „Die Demonstranten haben dasselbe Alter wie meine Kinder“, sagte Spiekermann. Es sei sicherlich schwer, die jungen Menschen wieder zurückzugewinnen für die offene, demokratische Gesellschaft. „Wenn ich könnte, ich würde das Wincklerbad einfach abreißen.“ Dann wäre den Nazis zumindest ihr Pilgerziel genommen. „Verbote bringen wahrscheinlich nichts“, sagte Howell. „Die Märsche sind ein Ventil“, meinte sie, „der Druck muss doch raus.“ Wenn die Neonazis nicht mehr nach Nenndorf kämen, dann fänden ihre Aufmärsche eben woanders statt.

Insgesamt 40 Christen zählten zu den Gästen der jüdischen Gemeinde. „Allerdings stimmt es mich traurig, von der Polizei mit dem Bus durch die abgesperrten Straßenzüge zur Synagoge chauffiert worden zu sein“, betonte Gemeindeglied Ralf Schönbeck.

Auch in den kommenden Jahren werden wohl Rechtsextremisten durch den Ort ziehen. Bis 2030 haben sie die „Trauermärsche“ angemeldet. Falls sie bis dahin nicht verboten sind, wird auch der Protest weitergehen. „Wir müssen doch zeigen, dass die Nazis hier nicht willkommen sind“, sagte Gisela Howell und erntete Zustimmung von vielen, die den Nazi-Aufmarsch vor der jüdischen Gemeinde miterlebt haben. „Vielleicht merken die Rechten das ja auch irgendwann“, sagte sie.

Spießrutenlauf statt "Trauermarsch"

Unter dem Motto „Bunt statt braun“ haben am Sonnabendvormittag nach Schätzungen der Polizei etwa 900 Menschen gegen den Nazi-Aufmarsch demonstriert. Organisiert wurde der farbenfrohe Protestzug vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem Bürgerbündnis „Bad Nenndorf ist bunt“. Der "Trauermarsch" der Neonazis verwandelte sich unterdessen angesichts der bunten "Gegenwehr" und fröhlicher Partys in einen Spießrutenlauf. Die Polizei zieht eine positive Bilanz.

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