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Offener Brief an Bahn-Chef Grube

Nach Trauermarsch Offener Brief an Bahn-Chef Grube

In einem offenen Brief an Bahn-Chef Rüdiger Grube hat die Rodenbergerin Birgit Kramp gewissermaßen um Milde für die Zugblockierer vom 1. August geworben. Das Vorstandsmitglied von „Bad Nenndorf ist bunt“ weist in dem Schreiben auf das Ziel der Blockierer hin, den Neonazi-Aufmarsch zu verhindern.

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Demonstranten blockieren den Bahnhof.

Quelle: gus

Bad Nenndorf (gus). Vor dem Hintergrund der historischen Verantwortung Deutschlands und zunehmender Fremdenfeindlichkeit soll die Bahn nach Ansicht Kramps die linken Aktivisten nicht strafrechtlich verfolgen. Kramp äußert in ihrem Schreiben „Wut und Enttäuschung“ darüber, dass das Unternehmen überhaupt Schritte gegen die Blockierer plant. Sie zitiert den Satz „Wir planen diese Protestler auf Schadenersatz zu verklagen, sollten wir ihrer Daten habhaft werden“ aus einem SN-Artikel zu dem Thema.
Die Bahn-Pressestelle hat am Dienstag erklärt, Grube nicht bei der Beantwortung des Briefs vorgreifen zu können. Das Schreiben werde dem Büro des DB-Chefs übermittelt.

Hier der offene Brief in voller Länge:

Sehr geehrter Herr Dr. Grube,
aufgrund der Urlaubszeit habe ich folgenden Artikel in den SN erst jetzt gelesen: "Nach Nazi-Aufmarsch: Bahn fordert Schadensersatz von Aktivisten
Die Blockierung des Bad Nenndorfer Bahnhofs durch linke Protestler gegen den Nazi-Aufmarsch fand zwar viel Zustimmung beim bürgerlichen Lager, könnte aber für einige der Demonstranten ein Nachspiel haben."
Seit 2006 findet in Bad Nenndorf jedes Jahr der sog. „Trauermarsch“ statt. Er ist noch bis zum Jahr 2030 angemeldet. Alt- und Neonazis versuchen in unserem Ort die Geschichte des Zweiten
Weltkrieges zu verdrehen. Diese Rechtsextremisten haben meiner Auffassung nach ein klares, politisches Ziel: Die Überwindung unserer Demokratie und die Neuerrichtung einer Diktatur nach
dem Vorbild des Dritten Reiches. Der Anmelder dieses Gedenkmarsches hat sich in diesem Jahr ganz klar auf den Holocaust bezogen, indem er sagte: Eines Tages „wird es Menschen geben, die sagen: Aber der Holocaust ist mir persönlich scheißegal.“ 1  Dieser Redner war Sven Skoda 2 (Angeklagter im Prozess gegen das Aktionsbüro-Mittelrhein) 3, ein sehr aktiver Neonazi, der für den „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf bereits seit Jahren verantwortlich zeichnet. Er ist gut vernetzt und selber aktiv in der Partei Die Rechte 4. In diesem Jahr ist es ihm gelungen, sowohl Mitglieder der Identitären Bewegung 5, als auch Mitglieder der Partei Der III. Weg 6 für den Aufmarsch in Bad Nenndorf zu mobilisieren.
Diese Menschen, die sich jedes Jahr zusammenfinden um auf unseren Straßen - gut getarnt und unter dem Missbrauch der Versammlungsfreiheit – versteckt dem Dritten Reich zu huldigen, sind
keine „verirrten Spinner“, sondern, wie oben bereits geschildert, Menschen mit einem politischen Ziel. Für diese Teilnehmer ist die Ideologie des Dritten Reiches die einzig richtige Antwort auf die
Herausforderungen unserer heutigen Zeit. Wir dürfen davon ausgehen, dass sie ganz speziell die Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches befürworten, denn Oswald Pohl 7 wurde ebenfalls im Wincklerbad (ehemaliges Verhörzentrum der Briten 8 und Ziel des Aufmarsches der Neonazis) gefangen gehalten. Dieser „Marsch der Ehre“, wie er von den Neonazis seit einigen Jahren genannt
wird, dient offenbar nur einem Zweck: Die Machenschaften des Dritten Reiches sollen nicht nur relativiert werden, sondern die Neonazis wollen auch die Täter von damals rehabilitieren. Und wir,
die Demokraten von heute, sollen durch ihren Aufmarsch davon überzeugt werden, dass sowohl Hitler als auch seine Helfer richtig gehandelt haben.
Dem diesjährigen Verbreitungsversuch der menschenverachtenden Ideologie haben sich in Bad Nenndorf nun auch einige hundert junge Aktivisten entgegengestellt, indem sie zwei Stunden lang
die Weiterfahrt des Zugs verhinderten. Und was hat die Deutsche Bahn im Jahr 2015 zu diesen Vorgängen zu sagen? Nicht der Entrüstung über das Vorgehen der Neonazis wird Ausdruck verliehen, nein, die Deutsche Bahn sagt: Wir planen diese Protestler auf Schadenersatz zu verklagen, sollten wir ihrer Daten habhaft werden. Im 21. Jahrhundert und vor dem Hintergrund, dass Historiker sich darüber einig sind, das ohne die Reichs-Bahn der Holocaust nicht möglich gewesen wäre 9, bin ich über diese Forderung als solche fassungslos vor Wut und Enttäuschung. Wut darüber, dass es heute offenbar wichtiger zu sein scheint, dass der Bahnverkehr reibungslos vonstatten geht, als das sich Demokraten gegen eine Ideologie zur Wehr zu setzen, die im Zweiten Weltkrieg Millionen von Menschen auf grausamste Weise das Leben gekostet hat. Sind wir schon wieder so weit, dass die störungsfreie Alltäglichkeit bedeutender ist, als der Widerspruch gegenüber einer menschenverachtenden Ideologie? Wohlgemerkt: Einer Ideologie, die auch heute für viele Menschen zur Gefahr für Leib und Leben wird. Enttäuscht bin ich darüber, dass es ausgerechnet der Deutschen Bahn offenbar nicht bewusst ist, welche Brisanz eine solche Forderung in diesem Zusammenhang enthält. Sehr geehrter Herr Dr. Grube, ich bin vielleicht nur ein ganz unbedeutender Mensch, aber dennoch möchte ich von Ihnen persönlich als Chef der Deutschen Bahn erfahren, wie Sie - in Zeiten zunehmender Hetze gegenüber Flüchtlingen 10 – zu diesen Forderungen Ihres Unternehmens stehen.

Freundliche Grüße,
Birgit Kramp
Mitglied des Bündnisses Bad Nenndorf ist bunt
P.S.: Wenn ich meinen Namen jetzt unter diesen Brief setze, dann weiß ich damit, dass ich mich und
meine Familie wieder einmal mehr der Gefahr rechtsextremer Übergriffe aussetze, denn meine klare
Position wird den Rechtsextremen – wie immer – nicht gefallen.

1 Quelle: Radio Flora, Wunsch eines Naziredners in Bad Nenndorf am 1.8.2015: Eines Tages "wird es Menschen
geben, die sagen: Aber der Holocaust ist mir persönlich scheißegal.“
http://www.radioflora.de/contao/index.php/Beitrag/items/wunsch-eines-naziredners-in-bad-nenndorf-am-182015-
eines-tages-wird-es-menschen-geben-die-sagen-aber-der-holocaust-ist-mir-perso.html
2 Blick nach Rechts zu Sven Skoda: http://www.bnr.de/category/stichworte/sven-skoda
3 Aktionsbüro Mittelrhein; https://de.wikipedia.org/wiki/Aktions
%C3%BCro_Mittelrhein#Verfahren_gegen_f.C3.BChrende_Mitglieder
4 Militante Neonazi-Szene: Das andere Dortmund, Vor einem Jahr stürmten Mitglieder der Partei „Die Rechte“ das
Dortmunder Rathaus. Seither nehmen die Provokationen kein Ende. http://www.taz.de/!5201445/
5 Gegen Multi-Kulti: Die "Identitäre Bewegung"; http://www.3sat.de/page/?
source=/kulturzeit/themen/168266/index.html
6 Der III. Weg: Dokumentation Report Mainz: Video: Wie "Der III. Weg" die Stimmung gegen Flüchtlinge anheizt
04.08.15 | 06:34 Min., http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/report-mainz/videosextern/wie-der-iiiweg-
die-stimmung-gegen-fluechtlinge-anheizt-102.html
7 Oswald Pohl, https://de.wikipedia.org/wiki/Oswald_Pohl
8 Wissenschaftliche Aufarbeitung: Das verbotene Dorf, http://www.amazon.de/Das-verbotene-Dorf-Verhörzentrum-
Besatzungsmacht/dp/3930345900
9 Akte D: Das Kriegserbe der Bahn; https://www.youtube.com/watch?v=aoEnusVJrf4
10 Asylbewerber: Verfassungsschutz warnt vor Eskalation rechter Gewalt;
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-08/fluechtlingsheime-anstieg-angriffe-rechtsextreme

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