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Spießrutenlauf statt "Trauermarsch"

Bad Nenndorf / "Trauermarsch" Spießrutenlauf statt "Trauermarsch"

Unter dem Motto „Bunt statt braun“ haben am Sonnabendvormittag nach Schätzungen der Polizei etwa 900 Menschen gegen den Nazi-Aufmarsch demonstriert. Organisiert wurde der farbenfrohe Protestzug vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem Bürgerbündnis „Bad Nenndorf ist bunt“. Der "Trauermarsch" der Neonazis verwandelte sich unterdessen angesichts der bunten "Gegenwehr" und fröhlicher Partys in einen Spießrutenlauf. Die Polizei zieht eine positive Bilanz.

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Bad Nenndorf. „Sagt mal, wo kommt Ihr denn her?“ Das bekannte Kinderlied der „Schlümpfe“ war nur eine der Überraschungen, die am Sonnabend bei Hunderten Neonazis für angespannte Stimmung gesorgt haben. Der sechste „Trauermarsch“ zum ehemaligen Internierungslager der britischen Besatzungsmacht im Wincklerbad geriet zum Spießrutenlauf für die vornehmlich freien Kameradschaften aus ganz Deutschland und deren Gäste aus den Niederlanden und den USA.

Der monotone Klang der Landsknechttrommeln ging unter im Jubel der „Nazis raus“ skandierenden Menge. Statt der erwarteten 1000 kamen nach Polizeischätzungen nur etwa 580 Neonazis nach Bad Nenndorf. Nazi-Kader Marcus Winter sprach von 750 Teilnehmern und erklärte die geringere Resonanz mit Parallelveranstaltungen in anderen Orten. „Ihr solltet Euch schämen“, machte der aus Schaumburg stammende Rechtsextremist seinem Ärger Luft.

Die Partymeile auf der Bahnhofstraße setzte die Trauermarsch-Organisatoren Winter, Sven Skoda und Versammlungsleiter Matthias Schultz sichtbar unter Druck, ihre mit schwarzen Flaggen ausgerüsteten „Volksgenossen“ unter Kontrolle zu halten. Der erste Zwischenfall erfolgte am Morgen, als am Bahnhofsvorplatz ein Pressefotograf beinahe angegriffen wurde. Später rissen Nazis dort unter lautem Beifall ihrer Kameraden eine Deutschlandfahne mit Halbmond herunter.

Während der Kundgebung am Wincklerbad wurden die Hasstiraden von lautstarken Kommentaren unterbrochen. Nachdem die Polizei die Gegendemonstranten auf der Partymeile dreimal vergeblich aufgefordert hatte, die Lautstärke zu senken, mussten diese 150 Meter Abstand zur Nazi-Kundgebung wahren. Medienvertreter wurden abgedrängt und die Reden der Nazis legten deutlich an Schärfe zu. „Es ist widerlich“, schrie Nazi-Kader Dieter Riefling aus Hildesheim und wetterte, die Polizeiführung solle „die Knüppel freigeben, um uns die Straße freizumachen.“ Es gebe ein Notwehrrecht. Skoda betonte trotzig: „Das bessere Deutschland marschiert bei uns“, und beschwor die Rückkehr zu einem nationalsozialistischen Deutschland.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof forderte die Polizei die Teilnehmer des Trauermarsches mehrfach per Lautsprecher auf, nicht wie im Jahr zuvor das Lied „Ein junges Volk steht auf“ zu singen. Daraufhin pfiffen die Nazis dieses Lied der Hitlerjugend.

Die NPD hat den Aufmarsch in Bad Nenndorf nicht zum Wahlkampf genutzt. Zu groß sind die Gräben zwischen der Partei und den Autonomen Nationalisten. Aus dem NPD-Bundesvorstand erschien nur einer der bundesweit prominentesten Neonazis, Thomas Wulff, der sich Wortgefechte mit den Polizeikräften lieferte, und Matthias Behrens, NPD-Landes-Vize und Anführer der militanten Kameradschaft „Snevern Jungs“. Seine „Abscheu vor den Bad Nenndorfern, die den Trauermarsch der Lächerlichkeit preisgeben“, bekundete Maik Müller aus Dresden. Skurril: Ein junger US-Amerikaner verurteilte das Vorgehen der Besatzer.

Nach einer Schweigeminute für den kürzlich verstorbenen Altnazi Herber Schweiger beendete Skoda die Versammlung und entließ die Nazis zur anschließenden Demo gegen ein Jugendzentrum in Bielefeld.

Kundgebung gegen Nazi-Aufmarsch

„Energisch und geschlossen stellen wir uns gegen die rechte Szene“, kommentierte die Bad Nenndorfer Bürgermeisterin Gudrun Olk den bunten Trubel beim farbenfrohen Protestzug gegen den "Trauermarsch". Mehrere Redner forderten die Behörden auf, den Nazi-Aufmarsch künftig zu untersagen.

Ab 10 Uhr trudelten am Sonnabend immer mehr Nenndorfer und Schaumburger an der Bornstraße ein, dem Ort der ersten Kundgebung. Aus dem nahen Bahnhof bekam die Menge Zulauf von auswärtigen Demonstranten. Um 10.30 Uhr kletterte Steffen Holz, DGB-Regionssekretär Niedersachsen-Mitte, auf die Ladefläche eines Kleinlasters und eröffnete die Veranstaltung. „Das Jammerspiel muss beendet werden“, rief Holz und forderte dazu auf, „den ,Trauermarsch‘ zu verbieten.“ Mit dem „Trauermarsch“ wollen die Rechtsextremisten daran erinnern, dass im heutigen Wincklerbad 1946 und 1947 ein britisches Verhörgefängnis untergebracht war, in dem einige Internierte misshandelt worden sind. Als die Missstände den britischen Behörden bekannt wurden, schlossen sie das Lager.

Nach Steffen Holz übernahmen Mitglieder des VfL Bad Nenndorf das Mikrofon. Sigrid Bade wies darauf hin, dass „der Bürger-Widerstand hier zahlenmäßig immer schon die Oberhand behalten hat – auch wenn dies alles andere als ein sportlicher Wettstreit ist“. Unter dem Beifall der Menge folgerte die VfL-Vorständlerin, dass „Neonazis hier nicht erwünscht“ sind. Bürgermeisterin Olk konnte nahtlos an ihre Vorredner anschließen: „Für Feinde der Demokratie ist Bad Nenndorf kein Ort.“ Olk kritisierte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann, dass er eine briefliche Einladung in die Kurstadt nicht nur nicht angenommen, sondern nicht einmal beantwortet hat: „Das irritiert und ärgert mich.“ Andreas Gehrke, DGB-Regionsgeschäftsführer Niedersachsen-Mitte, nannte die Trauermärsche eine „Verhöhnung der Opfer“. Faschismus, so Gehrke, sei „keine Meinung, sondern ein Verbrechen“. Damit spielte er darauf an, dass Nazis sich auf das Prinzip der Meinungsfreiheit berufen, wenn sie öffentlich die Geschichte deuten.

Anschließend setzte sich der Zug der Gegendemonstranten über Martin-Luther-Straße, Mittelwiese, Hauptstraße, Fußgängerzone und Kurhausstraße in Bewegung. Samtgemeindebürgermeister Bernd Reese zog gegenüber den Schaumburger Nachrichten eine Zwischenbilanz. „Eine runde Sache“, lobt Reese den Bürgerprotest als „Rettungsschirm für Nenndorf“. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy zeigte sich „begeistert von dem kreativen, originellen Protest der Nenndorfer und der Schaumburger“.

Am Thermalbad angekommen, suchten viele Demonstranten und Polizisten angesichts der drückenden Schwüle den Schatten der Bäume und Häuser. Das Mikrofon hatten die Organisatoren so platziert, dass im Rücken der Redner das blumengeschmückte Mahnmal zu sehen war, das an die Progrome in der sogenannten Reichskristallnacht am 9. und 10. November 1938 erinnert. Franz-Josef Möllenberg, Mitglied des DGB-Bundesvorstands, eröffnete die Reihe der Redner. Wenn man trauern wolle, dann um die Opfer von Oslo und Utøya, wo kürzlich „auch so ein Irregeleiteter“ gemordet habe. Möllenberg folgerte: „Die NPD gehört verboten.“

Schaumburgs stellvertretende Landrätin Hella Hartmann-Grolm vertrat in ihrer Rede die Ansicht, dass man „Toleranz nur gegenüber denen walten lassen sollte, die sich dieser Demokratie verpflichtet fühlen“. Moderator Klaus Strempel vom Stadthäger Kulturzentrum „Alte Polizei“ schickte Hartmann-Grolms Rede den Satz hinterher: „Ich hoffe, dass sich Ihre politischen Aussagen im nächsten Jahr dann auch in juristische Aussagen verwandeln.“

Polizei freut sich über Einsatz ohne Störungen

Einsatzleiter Frank Kreykenbohm wertet den Großeinsatz der Polizei am Sonnabend als erfolgreich. Es habe keine nennenswerten Störungen oder Ausschreitungen gegeben.

Etwa 2000 Polizisten sorgten während Gegendemonstration, Party-Aktionen und Nazi-Aufmarsch für Sicherheit. Bereits am frühen Morgen hatten sich die Einsatzkräfte an den Hauptverkehrsstraßen postiert und den Bereich um die Bahnhofstraße mit Absperrgittern dicht gemacht.

Trotz eines nach Auskunft Kreykenbohms „insgesamt ruhigen Einsatzverlaufes“ hätten die Einsatzkräfte mehrfach eingreifen müssen. Beispielsweise als am Morgen knapp 150 mit Bussen angereiste Gegendemonstranten im Bereich Horster Straße versuchten, die Kontrollstellen zu umgehen. Eine Sprecherin des Bündnisses „NS-Verherrlichung stoppen“ erklärte am Sonnabend im Gespräch mit dieser Zeitung, dass sie gemeinsam mit weiteren Aktivisten fünfeinhalb Stunden an einer Polizeiabsperrung festgehalten worden sei.

Des Weiteren habe sich laut Presseerklärung der Polizei eine kleine Gruppe Gegendemonstranten zu einer „Spontanversammlung“ zusammengetan, um die Kundgebung der Rechtsextremen vor dem Wincklerbad mit Vuvuzelas zu stören. Gegen einen Rechtsextremen wurde ein Platzverweis ausgesprochen, nachdem er auf dem Bahnhofsvorplatz über eine Absperrung gesprungen war und versucht hatte, einen Pressefotografen anzugreifen. Die Polizei leitete ein Strafverfahren gegen den Mann ein.

Voll des Lobes war Kreykenbohm für die Veranstalter der Privat-Partys. Die intensiven Vorgespräche hätten sich ausgezahlt. „Es freut mich sehr, dass die getroffenen Absprachen eingehalten wurden.“ Auch Robert Kruse, Präsident der Polizeidirektion Göttingen, lobte den friedlichen Protest der Bad Nenndorfer Bürger. „Es ist gelungen, ein Zeichen zu setzen für Demokratie und gegen jede Form extremistischer Gewalt.“

Mit Tröten und Popmusik gegen Nazi-Hetzreden

Laut, schrill, bunt: Mit kreativen Aktionen und einer zentralen Demonstration haben am Sonnabend rund 900 Menschen gegen den sogenannten „Trauermarsch“ protestiert, den Neonazis bereits zum sechsten Mal in der Kurstadt veranstaltet haben. Die Bad Nenndorfer haben es den „trauernden“ Neonazis dabei alles andere als leicht gemacht. Nach ökumenischem Gottesdienst, Demo und Kundgebungen lautete auf der Bahnhofstraße die Parole: Party!

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